Bundespräsident Steinmeier, Kanzlerin Merkel und Angehörige gedenken der Opfer des Anschlags in Hanau | REUTERS

Nach Anschlag Emotionales Gedenken in Hanau

Stand: 04.03.2020 20:04 Uhr

Mit einer emotionalen Trauerfeier hat Hanau der Opfer des Anschlags vor zwei Wochen gedacht. Politiker riefen zum Zusammenhalt auf. Zurückgeblieben sei ein "grenzenloser Schmerz", sagte die Schwester eines Getöteten.

Zwei Wochen nach dem rassistischen Anschlag in Hanau hat die Stadt mit einer zentralen Trauerfeier der Opfer gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte die Tat einen "Anschlag auf das Grundverständnis von unserem Zusammenleben". In die Trauer und Wut mische sich aber auch Entschlossenheit: "Wir stehen zusammen. Wir halten zusammen. Denn wir wollen zusammen leben", sagte er.

In seiner Rede rief er die gesamte Gesellschaft zur Verteidigung der Demokratie auf. "Die ganz große Mehrheit der Menschen in Deutschland ist gegen Ausgrenzung und Ressentiments, gegen Hass und Gewalt. Aber es reicht nicht, zu wissen, dass man in der Mehrheit ist." Das Schweigen der vielen dürfe nicht zur Ermutigung der wenigen werden. "Ja, es gibt Rassismus in unserem Land", sagte Steinmeier - "und das nicht erst seit einigen Wochen. Ja, es gibt eine weit verbreitete Muslimfeindlichkeit." Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder mit Kopftuch erlebten Diskriminierungen, würden Opfer von Angriffen, von Beleidigungen und von Gewalt. Sie alle hätten ein Recht darauf, dass ihre Mitbürger Anteil nähmen, widersprächen und eingriffen. Sie alle hätten ein Recht darauf, dass ihr Staat hinsehe, verfolge, bestrafe. "Sie alle haben ein Recht auf einen Staat, der sie schützt."

Bei dem Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher am Abend des 19. Februar neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen und weitere Menschen verletzt. Der Sportschütze erschoss auch seine Mutter, bevor er sich selbst das Leben nahm.

"Ich will, dass wir uns alle von Hass abgrenzen"

In einer emotionalen Ansprache erinnerte die Schwester eines der Anschlagsopfer an ihren Bruder. "Mein Bruder Hamza wurde völlig unerwartet aus der Mitte unserer Familie gerissen", sagte Ajla Kurtovic. "Zurückgeblieben ist grenzenloser Schmerz, eine unfassbare Leere und Fassungslosigkeit." Er sei stets hilfsbereit, gut gelaunt und sozial engagiert gewesen.

Sie selbst empfinde keinen Hass, sagte sie. "Ich möchte an dieser Stelle deutlich machen, dass Hass den Täter zu seiner rassistischen Tat getrieben hat. Damit liegen Hass und Rassismus sehr nah beieinander. Ich will, dass wir uns alle von Hass abgrenzen." Sie wünsche sich ein Miteinander statt ein Gegeneinander. Kurtovic rief die anwesenden Politiker auf, dafür zu sorgen, dass die Tat restlos aufgeklärt wird und Lehren aus ihr gezogen würden, damit es keine Wiederholung gebe. "Das sind wir den Ermordeten schuldig."

"Die Opfer waren keine Fremden"

Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier erinnerte an den Schmerz der Angehörigen. Für die Familien der Opfer werde das Leben nie wieder so sein, wie es war. "Der Verlust ihrer Angehörigen schmerzt lebenslang", sagte der CDU-Politiker. Die Opfer seien keine Fremden gewesen. "Hessen und Hanau waren ihre Heimat geworden." Er wisse, dass zur Trauer und Ungewissheit auch Angst getreten sei. "Ich kann diese Angst gut verstehen, aber diese Angst darf nicht obsiegen." Man müsse alles dafür tun, damit alle ohne Angst leben könnten. An die Angehörigen gerichtet sagte er: "Wir stehen an ihrer Seite, und wir wollen ihnen Halt geben."

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky sagte über die Getöteten, sie alle hätten die Stadt mitgeprägt. "Sie alle gehören zu dieser Stadt, sie alle sind Hanauer." Viele hätten sich gefragt, wie Hanau mit der Tat weiterleben könne. "Diese Stadt kann nicht, sie muss", sagte der SPD-Politiker. Die Stadt sei stark, weil sie zusammenstehe. Seit Jahrhunderten gebe es eine große Tradition im Zusammenleben unterschiedlichster Menschen. Kaminsky versprach, dass die Opfer "unauslöschbar zu unserem kollektiven Gedächtnis unserer Stadt gehören" werden. Er kündigte an, für die Toten eine Gedenkstätte zu errichten. "Damit deren Namen, damit deren Leiden, damit Ihr Leiden, liebe Angehörigen, niemals vergessen wird."

Zu der zentralen Trauerfeier des Landes Hessen und der Stadt Hanau mit 650 Gästen war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gekommen, die aber keine Rede hielt. Vor der Veranstaltung trug sie sich wie viele andere in das Kondolenzbuch für die Opfer ein. Aufgrund des hohen öffentlichen Interesses wurde die Feier auf zwei Plätzen in der Innenstadt live übertragen. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. März 2020 um 20:00 Uhr.