Markus Soeder, Annegret Kramp-Karrenbauer und Malu Dreyer | Bildquelle: AFP

Kompromiss bei Grundrente Einigung sorgt nicht nur für Zuversicht

Stand: 11.11.2019 12:16 Uhr

Die Einigung bei der Grundrente werten führende Koalitionspolitiker als gutes Zeichen für die Fortsetzung der Großen Koalition. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen - in den eigenen Reihen wie auch bei der Opposition.

Der Kompromiss der Koalitionsspitzen bei der geplanten Grundrente wird in Union und SPD überwiegend begrüßt, vereinzelt aber auch kritisiert. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil lobte ihn als gute Lösung. "Wir haben eine Grundrente, die ihren Namen auch verdient", sagte der SPD-Politiker im ARD-Morgenmagazin. Ihm sei es besonders wichtig gewesen, bedürftige Menschen nicht abzuschrecken und unnötige Bürokratie zu vermeiden.

Die Einigung ist nach Heils Ansicht auch ein Beleg für die Handlungsfähigkeit der Großen Koalition . "Wenn die Regierung das bewegt, was die Menschen bewegt, dann soll sie auch weiterarbeiten." Für eine Bilanz der Regierung sei es noch zu früh, der Kompromiss sei aber ein "großer Schritt" gewesen.

Am Sonntag hatten die Spitzen von SPD und Union stundenlang an dem Kompromiss verhandelt. Mit der Grundrente sollen Rentner ab 2021 einen Zuschlag bekommen, die 35 Beitragsjahre haben und deren Beitragsleistung unter 80 Prozent, aber über 30 Prozent des Durchschnittseinkommens liegt. Geplant ist eine umfassende Einkommensprüfung.

Hubertus Heil, SPD, Bundesminister für Arbeit und Soziales, zur Grundrente
Morgenmagazin, 11.11.2019

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Kahrs: "Kein Mensch muss sich nackt ausziehen"

Auch der SPD-Haushaltspolitiker Johannes Kahrs zeigte sich sehr zufrieden. "Es war nicht nur ein guter Kompromiss, sondern eine gute Lösung. Sie kann funktionieren. Da werden 1,5 Millionen Menschen, die 35 Jahre hart gearbeitet und Beiträge gezahlt haben, besser gestellt. Vier von fünf davon sind Frauen. Ich finde, es passt", sagte der Vorsitzende des konservativen Seeheimer Kreises im Bayerischen Rundfunk.

Kahrs lobte die Ausgestaltung der umstrittenen Bedürftigkeitsprüfung. "Die Einkommensprüfung kommt automatisch, kein Mensch muss zum Finanzamt gehen, kein Mensch muss sich nackt ausziehen."

Brinkhaus sieht noch Überzeugungsarbeit

Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) hob den Einsatz der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer hervor. Die Union sei als Team aufgetreten, in dem gesamten Prozess der vergangenen Tage bis zur Einigung habe aber Kramp-Karrenbauer eine besondere Rolle gespielt, sagte Brinkhaus im ARD-Morgenmagazin.

Die Ergebnisse nannte er einen klassischen Kompromiss von Union und SPD. "Da haben sich beide Seiten bewegt." Die Union habe in den vergangenen Tagen vor allem erreicht, dass bei der Einkommensprüfung auch die Einnahmen aus Kapital berücksichtigt werden sollen. "Insofern haben wir da Verbesserungen erzielt." Das Vermögen möglicher Bezieher von Grundrente bleibt bei der Bedarfsermittlung aber unberücksichtigt.

Brinkhaus erklärte, der Streit sei eine kritische Situation für die Koalition gewesen, nun können diese wichtige Zukunftsaufgaben angehen. An diesem Dienstag befassen sich die Fraktionen mit dem Thema. "Wir werden da auch Überzeugungsarbeit leisten müssen", hatte Brinkhaus zuvor im Bericht aus Berlin gesagt. Und wohl mit Blick auf den Fortbestand der Koalition: "Es ist eine Sache, die nicht so ganz trivial sein wird."

Ralph Brinkhaus, Vorsitzender Fraktion CDU/CSU, zur Grundrente
Morgenmagazin, 11.11.2019

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Zustimmung von CDU- und CSU-Präsidium

Die SPD-Seite hatte eine Einigung bei dem Thema zur Voraussetzung für einen Fortbestand der Koalition gemacht. Sie will auf ihrem Parteitag Anfang Dezember entscheiden, ob sie vorzeitig aus dem ungeliebten Bündnis mit der Union aussteigt.

Die Präsidien von CDU und CSU stimmten dem Kompromiss mittlerweile zu. Zuvor hatte es vor allem aus dem Wirtschaftsflügel der Union, aber auch von der Jungen Union Kritik an einer Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung gegeben. CSU-Parteichef Markus Söder nannte die Einigung "fair und ausgewogen. Für die CSU ist die umfassende Einkommensprüfung wichtig", teilte Söder per Twitter mit. Außerdem werde die Wirtschaft in gleicher Weise gestärkt. "Die Groko hat damit einen großen Schritt in Richtung Zukunft gemacht."

 

Kritik aus den eigenen Reihen

Der CDU-Politiker Friedrich Merz bewertete den Kompromiss bei der Grundrente zurückhaltend als einen ersten Schritt. Merz sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, "vorbehaltlich einer genaueren Prüfung der Details könnte diese Einigung einen Weg aufzeigen, wie in Zukunft eine Grundrente mit Einkommens- und Vermögensprüfung vernünftig ausgestaltet werden kann."

Deutlich kritischer äußerte sich der Wirtschaftsflügel der Union. "Die Parteivorsitzenden haben gestern im Koalitionsausschuss beschlossen, die getroffenen Vereinbarungen im Koalitionsvertrag zu brechen, um die Koalition über den SPD-Parteitag hinaus zu retten", sagte der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand der Unionsfraktion im Bundestag, Christian von Stetten. "Das wird ja immer verrückter in Berlin."

Lauterbach: Enttäuschende "Minimallösung"

Klar Stimmung gegen die Einigung machte bei der Union auch das Fraktionsvorstandsmitglied Axel Fischer. "Der Kompromiss zur Grundrente erfüllt nicht den Geist des Koalitionsvertrags", sagte er der "Augsburger Allgemeinen". Die zwischen SPD und Union umstrittene Bedürftigkeitsprüfung bleibe weit hinter den Forderungen zurück. "Dieser Kompromiss ist für mich nicht akzeptabel."

Bei den Sozialdemokraten gab es Kritik bei einigen Parteilinken. Der SPD-Sozialpolitiker Karl Lauterbach sprach in der "Welt" von einer enttäuschenden "Minimallösung". Die Vorsitzende des Forums Demokratische Linke, Hilde Mattheis, kommentierte dort: "Die Einkommensprüfung ist ein Kompromiss, der weit von dem SPD-Anspruch einer Grundrente ohne Bedarfsprüfung entfernt ist."

Grundrente mit Bedarfsprüfung: Der Kompromiss der GroKo
tagesthemen 22:45 Uhr, 10.11.2019, Marie von Mallinckrodt, ARD Berlin

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Lob von den Parteiführungen beider Seiten

SPD-Vize Ralf Stegner, auch er vom linken Flügel, dagegen sprach lobend von einem "Meilenstein", der erreicht worden sei. Und der Vorsitzkandidat Norbert Walter-Borjans sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: "Mit dem Kompromiss zur Grundrente kann man fürs Erste leben."

Auch die Parteiführungen beider Seiten lobten den Kompromiss, so wie schon die Vorsitzenden bei seiner Verkündung. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigte in der ARD: "Das ist ein System, das auch mit Blick auf die Werte der CDU vertretbar ist."

Vizekanzler Olaf Scholz - Koalitionsbefürworter und Bewerber um den Parteivorsitz - sagte im ZDF: "Wir haben eine sehr gute Lösung gefunden, die für viele, viele eine Verbesserung zeigen wird." Die Grundrente habe in der Leistungsbilanz der Regierung noch gefehlt. Die Koalition habe sich "noch ganz viele Dinge vorgenommen".

Einigung im Streit über die Grundrente
Morgenmagazin, 11.11.2019, Marcus Overmann, ARD Berlin

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Ostdeutsche Ministerpräsidenten zufrieden

Lobend äußerten sich auch ostdeutsche Ministerpräsidenten, die lange auf einen Kompromiss bei dem Thema gedrungen hatten: Brandenburgs Dietmar Woidke (SPD) und Sachsens Michael Kretschmer (CDU) - ebenso wie ihre Kollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig.

"Ich glaube, wir müssen uns über die Finanzierung keine Sorgen machen", sagte Schwesig im Deutschlandfunk. "Das ist gesichert." Die Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro seien im Haushalt darstellbar. Es gehe nicht um große Geschenke, sondern um einen wichtigen Schritt im Kampf gegen Altersarmut. Sowohl beim Lohn als auch bei der Rente müsse gelten, dass der, der arbeite mehr haben müsse als der, der nicht arbeite. Perspektivisch sei deshalb auch ein Mindestlohn von zwölf Euro anzustreben. In der SPD gebe es viel Zuspruch für die Einigung.

Brinkhaus warnte die SPD indirekt davor, sich bei weiteren Themen querzustellen. "Man muss auch eins sagen: Also - noch mehr von diesen Belastungsproben wünsche ich mir in dieser Koalition nicht." Die Einigung muss die Koalition nach seinen Worten nun bis zum regulären Ende der Wahlperiode 2021 tragen.

Teils scharfe Kritik von der Opposition

FDP-Chef Christian Lindner kritisierte den Kompromiss scharf. Die Union habe sich von der SPD wieder über den Tisch ziehen lassen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Aus der Idee der Grundrente ist eine Willkürrente geworden: Es fließt Steuergeld, wo im Einzelfall gar keine Bedürftigkeit vorliegt. Wer weniger als 35 Jahre gearbeitet hat, fällt durch den Rost."

Auch Linksfraktionschef Dietmar Batsch äußerte sich sehr kritisch. Die geplante Einkommensprüfung sei "zynisch": "Bei E-Autos gibt es üppige Kaufprämien mit der Gießkanne und bei der Grundrente schaut die Koalition ins Portemonnaie der Rentner, die jahrzehntelang eingezahlt haben", sagte Bartsch den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Dagegen bewertete Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt das Ergebnis ausgewogener. Sie forderte niedrigere Zugangshürden zur Grundrente.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 11. November 2019 um 05:39 Uhr, 07:09 Uhr und 08:10 Uhr im ARD-Morgenmagazin.

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