Ein 9 Euro Ticket des Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart GmbH (VVS) ist auf dem Display eines Smartphones zu sehen (gestellte Szene | dpa
FAQ

Nahverkehr So funktioniert das Neun-Euro-Ticket

Stand: 20.05.2022 07:57 Uhr

Der Bundestag hat das Neun-Euro-Ticket für Bahnreisende gebilligt. Ab wann wird es verkauft, wo ist es erhältlich, was ist mit Abo-Besitzern - und warum gibt es eigentlich Kritik an dem Vorhaben? Ein Überblick.

Um was geht es beim Neun-Euro-Ticket?

Mit dem Neun-Euro-Ticket soll Bahnfahrern befristet ein günstiges Ticket angeboten werden. Die Bundesregierung will damit die gestiegenen Energiekosten abfedern. Gleichzeitig sollen mit dem Ticket auch mehr Menschen zum Bahnfahren gebracht werden.

Die Fahrkarte soll einen Monat lang gültig sein und wird von Juni bis August angeboten. Der Bund finanziert den niedrigen Ticket-Preis mit 2,5 Milliarden Euro, die Umsetzung sollen Länder und Kommunen aber selbstständig organisieren. Kommenden Monat soll das Gesetz in Kraft treten.

Welche Bedenken gibt es?

Die Länder müssen das Ticket umsetzen, befürworten es zwar grundsätzlich, sind allerdings mit der Finanzierung unzufrieden. Sie fordern mehr als nur eine Erstattung der Einnahmeausfälle. So sollen etwa die höheren Energiepreise für die Verkehrsbetriebe berücksichtigt werden. "Wenn der Bund glaubt, er könne sich auf dem Rücken der Länder für ein dreimonatiges Trostpflaster beklatschen lassen und andere sollen dafür die Rechnung zahlen, dann hat er sich gewaltig getäuscht", sagte etwa Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) vor wenigen Tagen. Auch der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) warnte zuletzt vor einem Aus für das Neun-Euro-Ticket im Bundesrat.

Der Fahrgastverband "Pro Bahn" fordert etwa, dass die Länder auch bei den Mehrkosten für zusätzliche Züge und Personal unterstützt werden, der Bund den Corona-Ausgleich vollständig übernimmt und Hilfen für die gestiegenen Dieselpreise für ÖPNV-Busse gewährt.

Auch aus der Unionsfraktion kommt Kritik. Der Bund entlaste ÖPNV-Nutzer auf Kosten der Branche und riskiere durch "den nicht durchdachten Schnellschuss" nachhaltige Schäden, sagte Michael Donth (CDU), dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Wo und ab wann soll es das Ticket geben?

Die Sondertickets soll es jeweils im Juni, Juli und August geben. Nicht möglich sind also gleitende Vier-Wochen-Zeiträume, etwa von Mitte Juli bis Mitte August. Der Preis von neun Euro gilt pro Monat. Die Tickets können auch für alle drei Monate auf einen Schlag gekauft werden, wie es bei der Deutschen Bahn heißt. Buchbar sind die Tickets voraussichtlich ab Montag über die App DB-Navigator sowie sämtliche andere digitale Bahn-Kanäle. Zudem sind sie - laut Deutscher Bahn - an den rund 5500 Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn und in den mehr als 400 DB Reisezentren in Bahnhöfen erhältlich. Die Branche plant auch eine gemeinsame Internet-Verkaufsplattform. In manchen Regionen (etwa Stuttgart und Freiburg) kann das Ticket schon seit einigen Tagen gekauft werden.

Welche Züge können genutzt werden?

Fahren können die Inhaber damit bundesweit in allen Bussen, Straßenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen und Zügen des Nah- und Regionalverkehrs - egal ob von der Deutschen Bahn oder anderen Anbietern. Das Ticket gilt nur für die Zweite Klasse. Nicht genutzt werden kann der Fernverkehr mit ICE, Intercity und Eurocity, den grünen Flixzügen und Fernbussen. Reservierungsmöglichkeiten gibt es in der Regel nur im Fernverkehr - und dort ist das Neun-Euro-Ticket nicht gültig.

Was ist mit denen, die bereits ein Abo haben?

Wer schon ein Monats- oder Jahresabo hat, soll in den drei Monaten nur mit neun Euro belastet werden. Die Abonnenten werden von ihrem Anbieter oder dem Verkehrsverbund informiert, wie die Verrechnung konkret aussieht: über eine Reduzierung des Bankeinzugs oder per Erstattung der Differenz. Derartige Regeln sollen auch bei Semester- oder Jobtickets gelten. Einen Bahncard-Rabatt auf die neun Euro gibt es nicht.

Welche Folgen hat das für den Bahnverkehr?

Genau weiß das niemand. Zu rechnen sei wohl mit ungefähr 30 Millionen Nutzern pro Monat, so der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Dies sei aber nur eine Schätzung. Politik und die Branche setzen darauf, dass die Aktion jetzt viele dazu bringt, sich überhaupt einmal richtig damit zu befassen, wann und wie Busse und Bahnen im Umkreis eigentlich fahren. Ungewiss ist auch, wie sich eine gleichzeitige finanzielle Entlastung an den Tankstellen auf die Umsteigelust unter Autofahrern auswirkt. Denn ebenfalls vom 1. Juni bis 31. August soll nach Plänen der Koalition die Energiesteuer auf das nach EU-Recht vorgegebene Mindestmaß heruntergesetzt werden. Der Steuersatz für Benzin soll so um fast 30 Cent sinken, für Diesel um 14 Cent.

Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, befürchtet, dass die Effekte verpuffen könnten. In den ländlichen Räumen werde die Wirkung gering sein, da vielfach ein ausreichendes Angebot an Bussen und Bahnen fehle, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Zudem könnte es in den Sommermonaten und Urlaubsregionen zu überfüllten Zügen kommen. Pro-Bahn-Ehrenpräsident Karl-Peter Naumann warnte in der "Osnabrücker Zeitung" bei beliebten Zielen vor "katastrophalen Zuständen" und einem "Hauen und Stechen". Mit den bislang vom Bund zugesagten 2,5 Milliarden Euro kämen die Länder nur hin, wenn keine zusätzlichen Züge fahren würden, dann aber drohe eine heillose Überlastung.

Der Fernverkehrschef der Deutschen Bahn Michael Peterson rechnet hingegen mit Einbußen bei den Buchungen für ICE und Intercitys. "Wenn Menschen für neun Euro im Monat quer durch Deutschland fahren können im Regionalverkehr, dann wird das natürlich Nachfrage im Fernverkehr kannibalisieren", sagte er.

Quelle: dpa/AFP

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Mai 2022 um 09:00 Uhr.