Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Ulrichskirche in Halle (Saale). | dpa

Steinmeier-Appell in Halle Haltung zeigen gegen Antisemitismus

Stand: 09.10.2020 17:50 Uhr

Ein Jahr nach dem antisemitischen Anschlag auf die Synagoge gedenken die Menschen in Halle der Opfer. Bei der zentralen Feier appellierte Bundespräsident Steinmeier, Antisemitismus und Rassismus im Alltag entschieden entgegenzutreten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am ersten Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle die Bürgerinnen und Bürger zu aktivem Einsatz gegen Antisemitismus und Rassismus aufgerufen. "Wir müssen uns einmischen - in der U-Bahn, im Café, auf dem Schulhof, auf der Straße, im Netz", sagte er bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Halle. Antisemitismus sei dabei auch "ein Seismograf für den Zustand unserer Demokratie".

"Je offener er sich äußert, desto stärker sind unsere Werte, sind Toleranz und die Achtung der Menschenwürde angefochten", betonte Steinmeier in der Ulrichskirche. Antisemitismus und Rechtsextremismus reichten dabei weit hinein in Gesellschaft und deutsche Nachkriegsgeschichte. "Die Liste der antisemitischen Übergriffe seit 1945 ist lang - es ist eine Liste der Schande."

"Der Schmerz ist nicht gewichen"

Der Bundespräsident bezeichnete den Anschlag vom 9. Oktober 2019 als "Albtraum", der sich auch ihm persönlich "tief ins Gedächtnis eingegraben" habe. "Ein Jahr ist vergangen, aber der Schmerz, das Entsetzen, sie sind nicht gewichen", sagte er.

Es erfülle ihn mit Scham und Zorn, dass es nötig sei, jüdische Gotteshäuser zu schützen und dass es für jüdische Kinder Alltag sei, schwer bewachte Kindergärten und Schulen zu besuchen.

"Rechtsextremismus reicht tief hinein in unsere Gesellschaft", sagte Steinmeier und forderte, wachsamer zu sein gegenüber möglichen Radikalisierungen im eigenen Umfeld: "Die These vom Einzeltäter, das wissen wir heute, hat in der Vergangenheit allzu oft vom Kern abgelenkt." Täter hätten Netzwerke und Unterstützer, virtuelle und reale.

Die Künstlerin Lidia Edel hat das Mahnmal kreiert, das heute bei der Zeremonie an der Synagoge eingeweiht wurde. | REUTERS

Die Künstlerin Lidia Edel hat das Mahnmal kreiert, das heute bei der Zeremonie an der Synagoge eingeweiht wurde. Bild: REUTERS

Mahnmal im Innenhof der Synagoge

Zuvor hatte die Jüdische Gemeinde im Innenhof der angegriffenen Synagoge ein Mahnmal enthüllt. Im Zentrum des Kunstwerks steht die Tür des Gotteshauses, die am 9. Oktober 2019 den Schüssen des Attentäters standhielt. Die Tür habe standgehalten und sei dennoch ein Zeichen der Zerstörung, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, bei der Enthüllung.

Die Juden in der Synagoge hätten Todesangst ausstehen müssen und zwei Menschen hätten die Wut des Täters über sein Scheitern mit dem Leben bezahlt. "Die Einschusslöcher erinnern uns daran: Hätte der Täter bessere Waffen gehabt, wäre es zu einem entsetzlichen Blutbad gekommen."

Schuster sagte, er sei mit gemischten Gefühlen nach Halle gereist. Die Erinnerung an den Tattag löse immer noch Schmerz aus, gleichzeitig freue es ihn, wie sehr die Gemeinde zusammenstehe und wie viele Solidaritätsbekundungen es gegeben habe.

Prozess gegen den Täter läuft

Am 9. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Täter Sprengsätze über die Mauer des Synagogengeländes in Halle geworfen und versucht, in das Gotteshaus einzudringen. Als das misslang, erschoss er eine 40 Jahre alte Passantin, tötete beim Angriff auf einen nahe gelegenen Dönerimbiss einen 20-Jährigen und verletzte und traumatisierte zahlreiche weitere Menschen, ehe er gefasst wurde. Der 28 Jahre alte Deutsche hat die Tat eingeräumt, vor dem Oberlandesgericht Naumburg läuft gerade der Prozess gegen ihn.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Oktober 2020 um 16:00 Uhr.