Ein toter Blei liegt am frühen Morgen bei Lebus (Brandenburg) im flachen Wasser vom deutsch-polnischen Grenzfluss Oder. | dpa

Fischsterben in der Oder Unangemeldete Katastrophe

Stand: 19.08.2022 18:28 Uhr

Noch immer ist unklar, was das Fischsterben in der Oder verursacht - und warum das Meldesystem versagt hat. Während sich die Katastrophe langsam flussabwärts bewegt, suchen Ämter und Umweltschützer nach Antworten.

Von Andre Kartschall, rbb

Es war Dienstag, der 26. Juli, als in Polen zum ersten Mal haufenweise tote Fische in der Oder schwammen. Beim kleinen Örtchen Olawa entdeckten Fischer hunderte Kadaver im Fluss. Sie entnahmen auch Proben und übergaben diese den örtlichen Behörden.

Andre Kartschall

Dann passierte, zumindest öffentlich - nichts. Die Proben sind mittlerweile verschwunden, Ergebnisse gibt es nicht. Es ist nur eine von mehreren möglichen Spuren, die bislang nicht aufzuklären sind. Es spricht aber einiges dafür, dass der Vorfall bei Olawa nichts mit dem großen Fischsterben entlang der Oder, das später folgte, zu tun hat. Denn danach vergehen fast zwei Wochen, aus denen keine Meldungen über tote Fische vorliegen.

Dann aber - rund 170 Kilometer flussabwärts, hinter Glogow - treiben plötzlich tonnenweise Kadaver die Oder hinab. Der polnische Ministerpräsident erfährt davon nach eigener Aussage erst am 9. August. Die Öffentlichkeit wird einen Tag später informiert. Zu diesem Zeitpunkt, so die derzeit gängigste Theorie, ist die Katastrophe aber schon passiert.

Paddeltour mit toten Fischen

Am Tag, als die polnische Regierung das Fischsterben öffentlich macht, ist Sascha Maier gerade auf Paddeltour die Oder entlang. Er ist Mitglied im Landesverbands Brandenburg des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Nachdem er Glogow passiert, rastet er am Uferrand. Und sieht die ersten Anzeichen der Katastrophe: "Bei Glogow haben wir tote Fische gesehen und Muscheln. Flussabwärts dann trieben viele tote Fische", sagt er.

Sein Bericht deckt sich mit dem, was offiziell bekannt ist: Hinter Glogow war das Fischsterben bereits im vollen Gange. Nach Deutschland gemeldet hatten die Behörden bis zu diesem Zeitpunkt nichts.

"Eigentlich hätte da bereits vorher von polnischer Seite der Alarmplan ausgelöst werden müssen", sagt Maier. Zumal noch völlig unklar war, ob das Oderwasser auch für Menschen gefährlich sein könnte. Warnungen aber gab es keine, Paddler wie Maier konnten den Fluss ahnungslos befahren.

Karte mit Deutschland, Polen, Stettiner Haff und der Oder

Kupferhütte unter Verdacht

Erst eine Woche, nachdem Polens Regierung an die Öffentlichkeit ging, meldete ein polnischer Politiker Erstaunliches: Er habe erfahren, dass in der Zeit vom 29. Juli bis zum 10. August Einleitungen aus einem Absetzbecken in die Oder flossen. Wo? Direkt hinter Glogow.

Die Abwässer stammen demnach aus Absetzbecken einer Kufperhütte des polnischen Bergbaukonzerns KGHM (KGHM Polska Miedz). Die hohen Salzgehalte, die später auch von deutscher Seite in der Oder festgestellt wurden, könnten hier ihren Ursprung haben. Auch die mittlerweile bestätigte Algenbelastung ließe sich so erklären.

Maier sieht hier die möglicherweise entscheidenden Versäumnisse: "Man hätte während der Einleitung bei Glogow direkt Proben entnehmen müssen." Ob das geschehen ist, ist unklar. Stattdessen schwammen hier offenbar tagelang tote Fische in der Oder - ohne dass Deutschland über das Meldesystem informiert wurde.

Meldesystem ignoriert

Maier sieht die Sache so: Die Vorschriften sind sinnvoll und ausreichend - aber wenn sich nicht alle daran halten, nutzen auch sie nichts: "Es gibt einen klaren Havarieplan für die Oder. Dieser wurde von polnischer Seite jedoch nicht ausgelöst - obwohl alles dafür sprach, dass es getan werden musste."

Die Wahrheit über den Ursprung der Katastrophe ist offenbar nur auf der polnischen Seite zu finden. Maier ist nach den Erfahrungen der letzten Wochen aber nicht überzeugt, dass sie auch ans Licht kommt: "Ich würde noch keine Wette darauf eingehen, dass wir wirklich herausfinden, was passiert ist. Die Theorie, dass es hauptsächlich an den Algen liegt, klingt wissenschaftlich sehr plausibel."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 19. August 2022 um 16:09 Uhr.