Ferkel in einem Schweinezuchtbetrieb | Bildquelle: dpa

Ferkelkastration Bremst der Handel beim Tierschutz?

Stand: 30.12.2019 06:00 Uhr

Ab 2021 dürfen Landwirte ihre Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastrieren. Doch obwohl der Branche nur noch ein Jahr bleibt, scheint sie auf die neuen Tierschutzvorgaben nicht gut vorbereitet zu sein. 

Von Oda Lambrecht, NDR

Knapp 20 Millionen männlichen Ferkeln werden in Deutschland jährlich die Hoden ohne Betäubung herausgeschnitten, damit ihr Fleisch später beim Braten keinen unangenehmen Ebergeruch entwickelt. Ab 2021 wird dieser schmerzhafte Eingriff nicht mehr erlaubt sein. Doch ein Jahr vor dem Verbot streitet die Branche immer noch über die Alternativen zur betäubungslosen Kastration.

Die Landwirte könnten ihre Ferkel zum Beispiel mit dem Gas Isofluran betäuben und unter Narkose kastrieren. Doch der Deutsche Bauernverband weist darauf hin, dass bisher noch keine zertifzierten Geräte zur Verfügung stehen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium möchte das Problem lösen und erklärt, die Narkosegeräte würden derzeit im Hinblick auf Tierschutz, Anwendersicherheit und Umweltschutz zertifiziert.

Ein Jahr Übergangsfrist: Ferkelkastration ohne Betäubung wird verboten
tagesschau 12:00 Uhr, 30.12.2019, Oda Lambrecht, WDR

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Tierschützer fordern unversehrte Schweine

Allerdings fordern Tierärzte und Tierschützer schon länger, die Schweine möglichst gar nicht mehr zu kastrieren, damit sie unversehrt bleiben. Stattdessen könnten Landwirte ihre Eber unkastriert mästen. Das gilt allerdings als herausfordernd, weil sich die männlichen Schweine bei Kämpfen oft gegenseitig verletzen. Außerdem müssen die Schlachthöfe später Tiere mit einem intensiven Geruch aussortieren. 

Eine dritte Möglichkeit: Landwirte könnten ihre Tiere gegen den Ebergeruch impfen. Tierschutzverbände befürworten diese schonende Methode. Doch Landwirte beklagen, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel würden das Impfen - die sogenannte Immunokastration - ausbremsen.

Ein Schwein bekommt eine Immunokastration.
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Mit einer Spritze können männliche Schweine gegen Ebergeruch geimpft werden.

"Erhebliche Widerstände" gegen tierschonende Impfung

Die Widerstände seien hier erheblich, schreibt der Deutsche Bauernverband. Lebensmittelhändler befürchten offenbar eine schlechtere Fleischqualität und weniger Akzeptanz bei den Verbrauchern. 

Der Schweinehalter und Vizepräsident des niedersächsischen Landesbauernverbandes, Jörn Ehlers, hat 140 Eber geimpft, um das Verfahren zu testen. Insgesamt mästet der Landwirt rund 2000 Schweine. Er findet, die geimpften Eber seien im Stall ruhiger als die ungeimpften. Mit einer Gruppe von norddeutschen Landwirten engagiert er sich für die Immunokastration.

Doch von ihrem Ziel, wenigstens 100.000 geimpfte Eber pro Jahr zu vermarkten, seien sie weit entfernt, so Ehlers, auch wenn etliche Landwirte gern liefern würden, hätte man noch nicht einmal 10.000 erreicht.

Immerhin scheinen sich Schlachtunternehmen inzwischen zu öffnen. Jörn Ehlers liefert seine geimpften Schweine an den Konzern Tönnies in Ostwestfalen. "Wir nehmen diese Tiere ab, haben uns bereit erklärt, Landwirte hier zu unterstützen", sagt Gereon Schulze Althoff, Leiter des Qualitätsmanagements und Veterinärwesens bei Tönnies. Auch die Schlachter Vion und Westfleisch schreiben, sie akzeptierten alle zugelassenen Verfahren. 

Jörn Ehlers.
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Mäster Ehlers hat das Impfverfahren getestet und ist zufrieden

Gereon Schulze Althoff-
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Tönnies-Tierarzt Schulze Althoff will Landwirte unterstützen.

Landwirte wünschen sich mehr Unterstützung vom Handel

Doch insbesondere vom Lebensmittelhandel wünscht sich der Bauernfunktionär und Mäster Ehlers mehr Bereitschaft, die neuen Methoden zu unterstützen und beklagt die starke Konzentration und Marktmacht der Handelskonzerne. 

Tönnies-Tierarzt Schulze Althoff drückt es diplomatischer aus. Es gebe Lebensmittelhändler und Fleischvermarkter, die auch das Fleisch geimpfter Tiere ohne Einschränkungen annehmen würden, andere dagegen wollten hier noch eigene Tests fahren. Konkurrent Westfleisch wird deutlicher und schreibt, man könne noch nicht alle Produkte flächendeckend vermarkten. Lebensmittelhandel und Fleischwarenhersteller würden das Verfahren teilweise noch ablehnen.

Tierschutzbund: Fleisch geimpfter Schweine unbedenklich 

Auch der Deutsche Tierschutzbund kritisiert, dass in der Branche gegenüber dieser Methode eine nicht nachvollziehbare Skepsis herrsche. Oftmals falle der Begriff "Hormonfleisch", doch der sei schlicht falsch. Durch die Impfung entstünden keinerlei Rückstände im Fleisch, erklärt Miriam Goldschalt, Veterinärin beim Tierschutzbund, für Verbraucherinnen und Verbraucher sei die Methode absolut unbedenklich.

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) schreibt, dass alle drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration bereits heute im Handel akzeptiert würden. Dabei setzten die Unternehmen in Abhängigkeit von der Unternehmensstrategie und der Produktpalette unterschiedliche Schwerpunkte, so Sprecher Christian Böttcher.

Edeka sieht Risiko von Geruchsauffälligkeiten

Edeka, der größte Lebensmittelhändler in Deutschland, erklärt, Erfahrungen hätten gezeigt, dass nicht alle zugelassenen Methoden in gleicher Weise für die Produktion von Rohwurst oder Rohschinken geeignet seien. Und bei der Immunokastration vermisst der Handelskonzern noch geeignete Methoden zum Nachweis einer korrekten Impfung und sieht deshalb noch das Risiko einer Geruchsauffälligkeit.

Doch auch hier betont man, der Edeka-Verbund akzeptiere grundsätzlich alle rechtlich zugelassenen Verfahren. Der Deutsche Bauernverband erklärt, generell klafften beim Lebensmittelhandel die öffentlichen Bekundungen und die Realitäten im Einkauf auseinander. Dabei höre man zunehmend, bei der Qualität des Fleisches sei kaum ein Unterschied festzustellen, so der Bauernverband. 

Mehr Tierschutz: Wer trägt die Kosten?

Am Ende geht es wie immer bei Tierschutzdebatten vor allem darum, wer Kosten und mögliche Risiken trägt: Ferkelerzeuger, Mäster, Schlachter, Fleischvermarkter, Handel oder Verbraucher. Deshalb hoffen viele in der Branche ein Jahr vor dem Verbot der betäubungslosen Kastration noch auf eine vierte Alternative: auf eine günstige örtliche Betäubung der Hoden an Stelle der Vollnarkose. 

Damit könnten die Landwirte fast wie bisher kastrieren. Doch in Deutschland ist die lokale Betäubung verboten - im Gegensatz zu einigen anderen Ländern wie etwa Dänemark. Viele Landwirte fürchten deshalb, Mäster könnten in Zukunft ihre Ferkel einfach dort günstiger kaufen. 

Junge Ferkel bei einer Muttersau.
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Bei neuen Tierschutzvorgaben geht es immer auch um die Kosten.

 

BMEL: Lokale Betäubung schaltet Schmerz nicht aus

Der Deutsche Tierschutzbund ist darüber empört, dass immer noch über die lokale Betäubung diskutiert wird. Denn die Spritze verursache Stress und Schmerzen. Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium macht deutlich, dass eine lokale Betäubung den Schmerz nicht wirksam ausschalte und damit nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sei. 

Ministerin Julia Klöckner (CDU) ruft die Landwirte dazu auf, die bestehenden Verfahren zu nutzen, eine weitere Fristverlängerung werde es nicht geben. Ursprünglich hatte die Politik entschieden, dass Ferkel bereits ab 2017 nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden sollten, doch diese Frist war mehrfach verschoben worden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Dezember 2019 um 12:00 Uhr.

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