Baden-Württemberg, Stuttgart: Menschen halten ein Banner "Solidarität" bei einer Demonstration von DGB und Verdi | Bildquelle: dpa

Gewerkschaften zum 1. Mai "Wertschätzung hat auch einen Preis"

Stand: 01.05.2020 14:10 Uhr

Applaus gibt es für die "Corona-Helden" in Pflegeeinrichtungen oder Supermärkten reichlich - aber höhere Löhne? Außerdem Thema der Gewerkschaften zum Tag der Arbeit: soziale Ungleichheit durch die Corona-Krise.

Auch wenn große Demonstrationen auf der Straße wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr ausfallen müssen - Aktionen zum 1. Mai finden dennoch statt. Der DGB rief dazu auf, den Tag der Arbeit digital zu begehen. So gibt es eine mehrstündige Live-Sendung mit musikalischen Beiträgen, Interviews mit DGB-Funktionären und Solidaritätsbotschaften von Politikern und Bürgern.

"Mehr verdient als billigen Applaus"

Die Gewerkschaften nutzten den Tag auch, um auf bessere Bezahlung vor allem derjenigen zu pochen, die jetzt in der Corona-Pandemie vielerorts Abend für Abend mit Applaus bedacht werden: "Pflegerinnen und Müllwerker, Reinigungskräfte und Paketboten, Verkäuferinnen werden in der Krise jetzt zu Recht als Heldinnen und Helden des Alltags gefeiert - sie haben mehr verdient als billigen Applaus", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Beschäftigte in solchen systemrelevanten Berufen müssten endlich ordentlich bezahlt werden - am besten durch Tarifverträge, forderte auch die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. "Einmalzuschläge reichen nicht aus."

Jüngst hatte die Bundesregierung eine Bonuszahlung für Pflegekräfte beschlossen - vorausgegangen war eine Debatte mit Ländern und Arbeitgebern, wer welchen Finanzierungsanteil übernimmt.

Nicht nur Unternehmen schützen, auch Menschen

"Wertschätzung hat auch einen Preis", brachte es DGB-Chef Reiner Hoffmann in der Life-Show zum 1. Mai auf den Punkt. Auch mit Blick auf die Millionen Kurzarbeiter und die steigenden Arbeitslosenzahlen warnte er vor wachsenden sozialen Ungleichheiten durch die Corona-Krise. "Wir kämpfen dafür, dass die Kosten der Krise nicht an den Beschäftigten hängen bleiben.

DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann während seiner Rede in Leipzig | Bildquelle: dpa
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Im vergangenen Jahr konnte DGB-Chef Hoffmann bei einer Mai-Demo sprechen, heute gings nur digital.

In der jetzigen Situation müssten nicht nur Unternehmen, sondern auch Menschen vor dem Absturz geschützt werden, so Hoffmann. Die Anhebung des Kurzarbeitergeldes erst nach vier Monaten komme zu spät. Der DGB-Chef verlangte mehr Solidarität in der Gesellschaft: "Nur solidarisch werden wir die Krise meistern."Solidarität mache die Gesellschaft gerechter und in Krisenzeiten widerstandsfähiger.

"An der Grenze der Belastbarkeit"

Der DGB mahnte auch in der Corona-Krise die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten an. Es sei falsch, jetzt die Arbeitszeit zu verlängern und Ruhezeiten zu reduzieren. "Die Menschen arbeiten schon heute an den Grenzen der Belastbarkeit", erklärte Hoffmann. Gerade jetzt zeige sich, wie wichtig Beteiligungsrechte der Arbeitnehmer seien, insbesondere bei der Sicherstellung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Das müsse im Mittelpunkt stehen, wenn es in den nächsten Wochen um einen behutsamen Wiedereinstieg ins gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben gehe.

Ein Mann mit Atemschutzmaske steht bei einer Kundgebung verschiedener gewerkschaftlicher Aktiver am Alexanderplatz unter der Weltzeituhr. | Bildquelle: dpa
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Mai-Demo mit Mundschutz: Teilnehmer auf dem Alexanderplatz

Notfalls mit Streik

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di will nach dem Höhepunkt der Pandemie bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung in systemrelevanten Berufen "notfalls auch mit Streik" durchsetzen, sagte ver.di-Chef Frank Werneke.

Scharf kritisierte er Unternehmen, die staatliche Gelder für ihren Erhalt bekommen und gleichzeitig versuchen, Arbeitsplätze zu vernichten. "Wir müssen verhindern, dass mithilfe von Steuergeldern Personalabbau finanziert wird oder Dividenden an Aktionäre und Boni an Führungskräfte gezahlt werden", sagte Werneke. Deshalb sei es wichtig, dass "der Staat an Unternehmen, die mit Steuergeldern gerettet werden, aktiv beteiligt ist und so verantwortlich dafür bleibt, was mit dem Steuergeld passiert."

Linke spricht von Klassenkampf

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch bemängelte eine Schieflage in der Politik: "Wir haben bei der Politik der Bundesregierung eine deutliche Bevorzugung von Konzernen - siehe Autoindustrie, siehe Lufthansa." Kinder, Familien und besonders Alleinerziehende drohten unterdessen zu Verlierern der Krise zu werden.

Wegen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise erwartet Bartsch verschärfte Konflikte. "Die künftigen Kämpfe werden intensiver werden, es wird wieder Klassenkampf geben. Angesichts der steigenden Zahl von Kurzarbeitern und der für viele drohenden Arbeitslosigkeit sind Gewerkschaften und sozial engagierte Parteien deshalb besonders gefragt", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Teilnehmer einer Bild-Aktion des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am Tag der Arbeit vor dem Brandenburger Tor | Bildquelle: dpa
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Symbolische Kundgebung vor dem Brandenburger Tor.

Es ist das erste Mal seit Gründung des DGB 1949, dass keine großen Mai-Kundgebungen der Gewerkschaften auf den Straßen stattfanden, sondern lediglich im Internet. Die digitale Live-Show wurde auf der Internetseite des DGB sowie in sozialen Netzwerken übertragen. Am Brandenburger Tor in Berlin stellten sich zudem Vertreter von DGB-Gewerkschaften mit einem Transparent "Solidarisch ist man nicht alleine!" und Schildern der Einzelgewerkschaften zu einer symbolischen Kundgebung auf.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. Mai 2020 um 15:00 Uhr.

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