Gasleitung mit Beschriftung. | picture alliance/dpa

Energiekrise Verwirrende Gaspreise

Stand: 30.09.2022 08:11 Uhr

Die Entwicklung der Gaspreise ist für Verbraucher schwer zu durchschauen. An den Börsen schwanken die Preise stark, und wie hoch die eigene Gasrechnung tatsächlich ist, hängt unter anderem vom Wohnort ab.

Von David Zajonz, WDR

Dass es bei den Gaspreisen deutliche regionale Unterschiede gibt, damit hatten die Verbraucherschützer aus Nordrhein-Westfalen schon gerechnet. Als sie dann aber ihre eigene Auswertung vor Augen hatten, rieben sie sich verwundert die Augen, denn die Preisdifferenzen sind enorm. Ein Neukunde in der Grundversorgung zahlt in Duisburg im Oktober mehr als 4,5-mal so viel wie in Rheine. Solche Unterschiede seien "verwunderlich", sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW.

David Zajonz

Preiserhöhungen stehen teilweise noch bevor

Teilweise finden sich dafür recht banale Erklärungen. Im Fall der derzeit noch so günstigen Stadtwerke Rheine zum Beispiel steht die große Preiserhöhung erst noch bevor. Von November an springen die Preise in der Grundversorgung von sieben Cent pro Kilowattstunde auf 29 Cent. Im teuren Duisburg hingegen sinken die Preise für Neukunden sogar, weil Neu- und Bestandskundentarife zusammengelegt werden.

Dennoch werden auch in den kommenden Monaten große regionale Unterschiede bestehen bleiben, erwartet Verbraucherschützer Sieverding. Das hänge unter anderem mit den unterschiedlichen Beschaffungsstrategien der Energieversorger zusammen.

Stadtwerke haben unterschiedlich eingekauft

Ähnlich wie Privatkunden haben auch Stadtwerke und andere Energieversorger die Wahl, ob sie langfristige Festverträge mit Preisbindung abschließen oder ob sie lieber kurzfristig einkaufen. "Als im Sommer 2021 die Preise gestiegen sind, haben einige Stadtwerke reagiert und zusätzliche Liefermengen beschafft, andere haben nicht reagiert", sagt Sieverding.

Im Anschluss sind die Gaspreise noch weiter gestiegen. Wer eine "riskantere Linie" gefahren habe und nun kurzfristig viel Gas nachkaufen müsse, der habe tendenziell die höchsten Preise, so Verbraucherschützer Sieverding: "Langfristig werden sich die Preise angleichen, weil alle sich am gleichen Markt eindecken müssen." Wie sich die von der Bundesregierung geplante Gaspreisbremse auswirken wird, steht noch nicht fest, weil noch keine konkreten Umsetzungspläne vorliegen.

"Nervosität auf den Märkten"

Zur Verwirrung tragen die großen Preissprünge beim Gaspreis an der Börse bei, die nicht immer einer rationalen Logik zu folgen scheinen. In den vergangenen Wochen waren die Preise deutlich gesunken. Als in dieser Woche dann aber Meldungen über Gaslecks an den Pipelines Nordstream 1 und 2 aufkamen, schossen die Preise wieder in die Höhe, obwohl durch diese Pipelines ohnehin kein Gas nach Europa floss.

Die Preissprünge seien Ausdruck der "Nervosität auf den Märkten", sagt Karen Pittel, Energieexpertin am Münchener Wirtschaftsforschungsinstitut ifo. Für die kommenden Monate erwartet sie aber, dass die Großhandelspreise sinken werden. Vorstellbar ist aus ihrer Sicht ein Niveau von 100 bis 150 Euro pro Megawattstunde. Das wäre zwar immer noch deutlich mehr als vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, aber immerhin weniger als noch diesen Sommer.

Gute Wirtschaftsentwicklung erhöht Gaspreis

Zu sinkenden Preisen könnte beitragen, dass die Ersatzbeschaffung von Flüssigerdgas, so Pittel, gut laufe. Außerdem sind die deutschen Gasspeicher bereits zu mehr als 90 Prozent gefüllt: "Damit hätte auch ich noch vor wenigen Monaten nicht gerechnet", sagt die Ökonomin.

Die es tatsächlich mit den Preisen weitergehe, hänge davon ab, wie sich der Verbrauch entwickele, also unter anderem davon, wie kalt der Winter wird. Auch die Wirtschaftslage hat nach Einschätzung Pittels einen Einfluss, da davon abhängt, wieviel Gas in der Industrie verbraucht wird: "Je besser die Wirtschaft läuft, umso höher ist der Gaspreis."

Potenzial für Pipeline-Gas begrenzt

Auch für die langfristige Preisentwicklung sei die Nachfrage ein entscheidender Faktor, sagt Eren Çam vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln. Sein Forscherteam hat untersucht, wie sich der Gasmarkt in den kommenden Jahren entwickeln könnte: "Ein Nachfragerückgang in der EU um 20 Prozent könnte dazu führen, dass die Preise bis zum Jahr 2030 wieder auf das Niveau von 2018 sinken", sagt Çam.

Die Forscher betonen, dass das Potenzial für mehr Pipeline-Gas begrenzt sei - teils wegen fehlender Pipeline-Kapazitäten, teils weil Länder wie Norwegen oder Algerien nicht wesentlich mehr liefern können. Umso wichtiger wird also LNG-Flüssigerdgas sein, das per Schiff kommt. Der Bau entsprechender Terminals, mit deren Hilfe verflüssigtes Erdgas wieder umgewandelt wird, läuft in Deutschland bereits. Der "Flaschenhals" seien aber die "Verflüssigungskapazitäten" in Export-Ländern wie den USA, sagt EWI-Forscher Çam: "Der Bau von Terminals für den Export von Flüssiggas ist etwa zehn Mal so teuer wie der Bau von Terminals für den Import."

Grundversorger meist am günstigsten

Das Flüssiggas aus den USA und Katar kann das russische Gas also nicht zum gleichen Preis ersetzen. Für Verbraucher bedeutet das, dass sie sich längerfristig auf höhere Gaspreise einstellen müssen. Kurzfristig hilft ihnen nur die Suche nach dem jeweils günstigsten Energieversorger. Anders als in der Vergangenheit ist das derzeit in den meisten Regionen der Grundversorger, in vielen Fällen die Stadtwerke. Die Grundversorger gehörten in der Vergangenheit häufig zu den teureren Anbietern, weil sie eher langfristig und risikoarm eingekauft haben. Diese vorsichtige Strategie kommt jetzt ihnen und ihren Kunden zugute.