Mehrere Hunde in einem Zwinger eines Tierheims in Rheinland-Pfalz. | dpa

Tierheime Corona-Hunde werden zum Problem

Stand: 26.06.2022 01:26 Uhr

Während der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen Hunde angeschafft. Das führt nun zu Problemen: Tierheime berichten, dass viele dieser Hunde nicht mehr gewollt sind. Zudem seien sie verhaltensauffällig.

Von Nelly Thelen, SR

Das Bertha Bruch Tierheim in Saarbrücken ist mit 60 Hunden zurzeit voll ausgelastet. Rund die Hälfte der Hunde ist erst ein oder zwei Jahre alt und in Lockdown-Zeiten zu ihren Besitzern gekommen, die sie jetzt wieder abgegeben haben. Auf der Warteliste stehen nochmal rund 20 sogenannter Corona-Hunde. Das Problem: Sie sind nur schwer wieder zu vermitteln. Denn in vielen Fällen seien die Tiere total unsozialisiert, erklärt Frederick Guldner, Sprecher des Tierschutzvereins 1924 e.V. Saarbrücken und des Tierheims. Es fehle der Grundgehorsam. 

Leonie Hahn, Tierpflegerin in Ausbildung, arbeitet mit den Hunden im Tierheim in Saarbrücken, etwa mit Nero, einem schwarzen Labrador-Mischling. Als er vor einem Dreivierteljahr ins Tierheim kam, war er zu schwer. Er hat deshalb Probleme mit Knien und Ellbogen. Er sei im Garten groß geworden, so Hahn: "Er war nicht spazieren, hat seine Umwelt nicht kennengelernt. Er hat also auch keine anderen Hunde oder Menschen kennengelernt."

Hunde als "Pandemieprojekt"

Jetzt zeige er extreme Verhaltensstörungen. Leonie Hahn sagt: "Nero hat nie gelernt, Dinge auszuhalten, etwa nicht zu einem anderen Hund hinzustürmen oder zu einem Vogel, der gerade über die Straße fliegt." Er sei also total überfordert, werde dadurch schnell frustriert, und das schlage auch in Aggression um.

Das ist kein Einzelfall: So hört der Deutsche Tierschutzbund aus vielen Tierheimen, dass schwerer vermittelbare Hunde derzeit Sorge bereiten und die Tierheime vor Herausforderungen stellen. Die Anzahl an schwierigen Hunden in den Tierheimen steige zwar nicht erst seit Corona. Aber die Corona-Krise und damit die steigende Anzahl an Hunden habe das Problem sicher noch einmal verschärft.

Eine Mitarbeiterin eines Tierheims geht mit einem Hund spazieren. | Thelen/SR

Leonie Hahn geht mit Labrador-Mischling Nero spazieren. Bild: Thelen/SR

Coronabedingter Haustierboom im Tierheim

So seien seit dem Sommer 2021 vermehrt Tiere in den Tierheimen abgegeben worden. Habe sich ein unerwünschtes Verhalten beim Hund bereits manifestiert, sei das für die Tierheime ein großer Aufwand. Hier fehle es oft an den personellen und zeitlichen Kapazitäten. Auch sei es nicht einfach, für diese Hunde ein neues Zuhause zu finden. Hinzu komme: Der coronabedingte Haustierboom habe das illegale Geschäft mit Welpen nochmal enorm angekurbelt.

Nach Angaben des Tierschutzbundes wurden 2020 10,7 Millionen Hunde in Deutschland gehalten. Im Corona-Jahr 2020 habe es bei den Hunden eine Zunahme von rund 600.000 Tieren im Vergleich zu 2019 gegeben. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov bereut wohl ein Fünftel die Anschaffung ihres Haustiers während Corona.

Der Deutsche Tierschutzbund erklärte, man könne davon ausgehen, dass ein Großteil der neuen Hundehalter verantwortungsvoll an die "Aufgabe Hund" herangegangen sei. Bei vielen sei der Kauf des Hundewelpen aber auch unüberlegt und spontan gewesen. "Viele dieser neuen Hundehalter haben sicher nicht die Notwendigkeit gesehen, sich mit ihrem 'Pandemieprojekt' tatsächlich angemessen auseinanderzusetzen - oder es fehlte schlicht das nötige Know-how."

In einem Tierheim fletscht ein Hund hinter Gitterstäben die Zähne. | Thelen/SR

Viele der Hunde sind verhaltensauffällig. Bild: Thelen/SR

Ohne Hundeschulen und Umwelteinflüsse 

Auch der Husky Caps ist ein sogenannter Corona-Hund. Werden seine Erwartungen, etwa auf einen Spaziergang, nicht erfüllt, dreht er durch. Schleudert in seinem Zwinger im Tierheim eine Decke herum, zerreist sie fast und beginnt mit seinem Gebiss am Gitter zu zerren.

Frederick Guldner vom Tierschutzverein 1924 e.V. Saarbrücken versucht das zu erklären: "Die Tiere sind unsozialisiert, weil die Hundeschulen sehr lange geschlossen waren, die Hunde dementsprechend nicht viel gelernt haben. Es waren größtenteils Lockdowns oder auch Quarantänezeiten, sodass auch die Besitzer mit den Hunden wenig Umwelteinflüsse wahrgenommen haben oder wahrnehmen konnten." Möglich sei es aber schon gewesen, den Hund zu trainieren, etwa hätten viele Hundeschulen online Unterricht angeboten, sagt Guldner. 

Die angehende Tierpflegerin Leonie Hahn ist sich sicher, die Corona-Hunde werden noch länger im Tierheim bleiben müssen - etwa der Labrador-Mischling Nero. Es werde noch ein paar Jahre dauern, bis er entspannt mit anderen Hunden spielen kann, oder spazieren gehen kann.

Wichtig sei in solchen Situationen, ihm eine ruhige und souveräne Führung zu geben. Das heißt, so Hahn, "wenn er ausrastet, weil er nicht zu dem Vogel oder dem Schmetterling darf, dann holen wir den Hund zu uns und zeigen ihm: Du kannst runterkommen. Es ist alles in Ordnung."

Über dieses Thema berichteten der SWR am 10. Mai 2022 um 18:15 in der Sendung "natürlich!" und der MDR am 09. Juni 2022 um 18:00 Uhr in der "Abendschau".