Blick auf die Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück | Bildquelle: dpa

Corona-Ausbruch bei Tönnies Klimaanlage als Virenschleuder

Stand: 24.06.2020 16:46 Uhr

Der Corona-Ausbruch im Fleischbetrieb Tönnies könnte auch auf die Luftkühlung im Zerlegebetrieb zurückgehen. Zu dieser Einschätzung kommt der beauftragte Hygiene-Experte. Er sprach von einem "bislang übersehenen Risikofaktor".

Von Oda Lambrecht, NDR

Wie konnte es passieren, dass sich innerhalb kürzester Zeit mehr als 1500 Mitarbeiter im Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit dem Coronavirus infizierten? Das sollte der Hygiene-Experte Martin Exner vom Universitätsklinikum Bonn im Auftrag des Kreises Gütersloh klären.

Sechs bis zehn Grad kühle Räume

Auf einer Pressekonferenz stellte Exner seine Ergebnisse vor. Seiner Einschätzung nach spielt die Klimaanlage in der Schweinezerlegung eine besondere Rolle. Um für die nötige Lebensmittelhygiene zu sorgen, würden die Räume, in denen Mitarbeiter die Tiere zerlegen auf etwa sechs bis zehn Grad gekühlt.

Außerdem würde die Luft in diesem Bereich tagsüber getrocknet, so Exner, um das Wachstum von Mikroorganismen wie etwa Salmonellen zu verhindern. Dafür wird die Luft aus der Schweinezerlegung in einer Klimaanlage gekühlt und wieder in den Raum zurückgeleitet. Die Luft zirkuliere dabei, ohne aufbereitet und ohne mit ausreichend Frischluft angereichert zu werden, erklärte der Mikrobiologe.

Viren werden über Klimaanlage verteilt

Das bedeutet, wenn ein Mitarbeiter erkrankt ist und das neuartige Coronavirus in die Luft gelangt, wird es nach diesen Erkenntnissen durch die Klimaanlage anschließend breit in der Arbeitshalle verteilt. Mögliche Aerosole, also feinste Tröpfchen, über die Viren übertragen werden können, werden so in Bewegung gehalten. "Das war bisher noch nicht bekannt", so Exner. Damit seien diese Belüftungsanlagen "ein weiterer, bislang übersehener Risikofaktor".

Dabei wies er auch darauf hin, dass Viren sich grundsätzlich bei kühleren Temperaturen schneller verbreiten. Eine besondere Herausforderung sei auch, dass die Zerlegekräfte eine sehr harte körperlicher Arbeit in hoher Geschwindigkeit ausübten. Deshalb sei es für sie anstrengend, einen Mundschutz tragen. Exner empfahl aus diesem Grund einen Kompromiss: Die Mitarbeiter sollten atmungsaktive Masken tragen.

Klimatechniker müssen Lösungen finden

Der Hygieniker forderte Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen. Die Risikofaktoren müssten auch bei anderen fleischverarbeitenden Betrieben überprüft werden. Neben den klassischen Maßnahmen wie Abstandhalten und Mundschutz müssten sich Klimatechniker über Lösungen Gedanken machen. Denkbar seien Hochleistungsfilter oder eine Behandlung mit UV-Licht.

In dem Tönnies-Betrieb in Rheda-Wiedenbrück hatten die Behörden in der vergangenen Woche einen massiven Corona-Ausbruch registriert. Mehr als 1550 Menschen wurden bislang positiv auf das Coronavirus getestet. NRW verhängte einen "Lockdown light" über die Kreise Gütersloh und Warendorf.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Juni 2020 um 17:45 Uhr.

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