Jens Spahn | Bildquelle: dpa

Corona-Neuinfektionen "Das Virus hat eine lange Bremsspur"

Stand: 13.11.2020 12:28 Uhr

Schmerzhafte Einschränkungen im November, auch um das Weihnachtsfest zu retten - das war ein Ziel. Doch die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt - heute auf einen neuen Höchststand. Gesundheitsminister Spahn mahnt zur Geduld.

Hat der Teil-Lockdown im November die zweite Corona-Welle gebrochen? Beim Blick auf die Zahl der täglichen Neuinfektionen lässt sich diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. 23.542 neue Corona-Fälle binnen 24 Stunden meldeten die Gesundheitsämter heute Morgen dem Robert Koch-Institut. Das ist ein neuer Höchstwert. Am vergangenen Samstag war mit 23.399 verzeichneten Fällen der bisherige Spitzenwert erreicht worden. Im Vergleich zum Donnerstag stieg die Zahl der gemeldeten Fälle am Freitag um knapp 1700.

Gestern hatte RKI-Chef Robert Wieler noch vorsichtigen Optimismus verbreitet, weil sich der Anstieg der Neuinfektionen etwas verlangsame. Von einer Trendwende wollte er aber nicht sprechen. Die Lage sei nach wie vor ernst - vor allem mit Blick auf die Intensivstationen.

Die leise Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Normalität dürfte sich daher nicht erfüllen. Auch Kanzlerin Angela Merkel bremste entsprechende Erwartungen, als sie von "schweren Wintermonaten" sprach. RKI-Chef Wieler formulierte es so: "Wir müssen noch ein paar Monate die Pobacken zusammenkneifen."

"Die Zahlen müssen runter"

Was heißt das für die Gespräche der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Merkel am Montag? Sie wollen eine Zwischenbilanz zu den November-Maßnahmen ziehen, die seit Anfang des Monats gelten. Für Lockerungen dürfte es mit Blick auf die Zahlen wohl zu früh sein. Gesundheitsminister Jens Spahn bat um Geduld. "Dieses Virus hat eine lange Bremsspur", sagte der CDU-Politiker im ARD-Morgenmagazin. Die neuen Maßnahmen seien erst zehn Tage in Kraft. "Die Zahlen müssen runter - und da sind wir noch nicht."

Ob die Maßnahmen wirken, könne man jetzt noch nicht bewerten. "Die heutigen Zahlen geben das Infektionsgeschehen von vor zehn bis 14 Tagen wieder", erinnerte er.

Große Feierlichkeiten wie etwa betriebliche Weihnachtsfeiern oder Geburtstags- und Hochzeitsfeste hält Spahn den Winter hindurch für nicht machbar. "Das sind die Ereignisse, wo sich das Virus schnell ausbreitet." Das werde man im Winter durchhalten müssen. "Eines haben wir nie gesagt: dass der November jetzt hart wird und dann alles so ist wie vorher", sagte der Minister. Ziel sei aber, so viel wie möglich wieder möglich zu machen.

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, appelliert an die Bevölkerung weiter durchzuhalten
Morgenmagazin, 13.11.2020

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Nach Einschätzung von Charité-Mediziner Leif-Erik Sander dürfte der "Lockdown light" bald Wirkung zeigen. Er rechne damit, dass sich eine gewisse Stabilisierung bei den Fallzahlen in den nächsten Wochen einstelle, sagte Sander von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie im ARD-Morgenmagazin. Er selbst schaue nicht täglich auf die Statistik der Neuinfektionen - er sehe ja, was auf der Station los sei.

Auch die Länder bremsen

Aus den Ländern kommen bislang keine Forderungen nach einer Lockerung der Beschränkungen. Wahrscheinlich müsse man noch etwas warten, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner". "Wir sehen eine leichte Verbesserung, allerdings weniger, als wir erhofft haben." Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, sagte in der gleichen Sendung, wenn man am Montag zu dem Ergebnis komme, dass man noch nichts Aussichtsvolles sagen könne, dann treffe man sich ein paar Tage später wieder.

Für Lockerungen gebe es jetzt überhaupt keinen Anlass, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der ZDF-Sendung "Markus Lanz". Am Montag werde es um einen Zwischenstand gehen, es werde auch nicht die letzte Runde mit der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten im November sein. Sicherlich werde man über die Schulen reden müssen.

Diskussionsthema: Schulen

Angesichts von steigenden Corona-Fällen und infolgedessen auch Quarantänefällen in Schulen und Kindergärten war in den vergangenen Tagen eine Debatte über die richtige Strategie ausgebrochen. Bund und Länder hatten Anfang November vereinbart, dass Schulen und Kitas so lange wie möglich geöffnet bleiben sollen und damit klare Prioritäten zugunsten der Bildung gesetzt. Daran entzündet sich nun Kritik, vor allem von Lehrerverbänden und Gewerkschaften. "So lange es verantwortbar ist, wollen wir, dass Schulen auf jeden Fall Präsenzunterricht machen und Kitas geöffnet bleiben", bekräftigte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther.

Dennoch stellt sich die Frage, wie Schule in Pandemiezeiten besser organisiert werden kann, um das Infektionsrisiko zu senken. So ist zum Beispiel die Ausweitung der Maskenpflicht im Gespräch. Nordrhein-Westfalen will an den Weihnachtsferien schrauben. Im bevölkerungsreichsten Bundesland soll der Beginn der Ferien um zwei Tage vorgezogen werden. NRW will damit Familien besser vor einer Corona-Infektion rund um Weihnachten schützen. Von einem "einem pragmatischen Ansatz, den man diskutieren kann", sprach Minister Spahn dazu. Andere Länder halten allerdings wenig von der Idee. So erinnerte Sachsens Kultusminister Christian Piwarz: "Wir haben dann ein veritables Betreuungsproblem."

FDP-Chef für andere Corona-Strategie

FDP-Chef Christian Lindner äußerte grundsätzliche Kritik an der Corona-Strategie von Bund und Ländern. "Ich glaube, wir müssen über eine Modifikation nachdenken", sagte er im ARD-Morgenmagazin. Mit Blick auf die Gefährdung vor allem älterer Menschen sprach er sich für eine Differenzierung der Maßnahmen für verschiedene Bevölkerungsgruppen aus. "Klar ist, wir müssen Kontakte beschränken, daran kann es gar keinen Zweifel geben", sagte Lindner. Er sei jedoch dagegen, Bereiche wie die Gastronomie zu schließen, in denen "auf Hygiene und Abstand geachtet" werden könne und die "keinen größeren Effekt auf die Pandemie" hätten "im Verhältnis zu dem Schaden, der entsteht".

Lindner schlug vor, Schutzmaßnahmen vor allem für ältere und vorerkrankte Menschen zu treffen. So könnten etwa FFP2-Masken, die eine höhere Schutzqualität als herkömmliche Masken haben, in Apotheken kostenfrei an Menschen über 60 Jahre und Vorerkrankte ausgegeben werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. November 2020 um 12:00 Uhr.

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