Eine Frau geht in Berlin an einem Corona-Testzentrum vorbei. | dpa

Corona-Inzidenz Mediziner fordern neue Maßstäbe

Stand: 27.07.2021 10:36 Uhr

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter und liegt nun bei 14,5. Viele Mediziner fordern inzwischen, die Inzidenz solle nicht mehr allein das Maß für Corona-Maßnahmen sein. Die Politik sei bei der Erweiterung zu zögerlich.

Mediziner rechnen bei einer vierten Corona-Welle mit weniger Patienten auf den Intensivstationen als in der jüngsten Hochphase und rufen dazu auf, bei der Bewertung der Gefahr für die Corona-Ausbreitung über die bloßen Sieben-Tage-Inzidenzen hinaus zu denken. Stefan Kluge, Vorstandsmitglied der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, nötig sei eine flexible Berechnung mehrerer Indikatoren ohne "abstrakte Formel".

Lange: Grenzwerte für Inzidenzen wenig sinnvoll

Die Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Berit Lange, sagte: "Ich verstehe, dass man sich ein möglichst einfaches Werkzeug wünscht." Aus epidemiologischer Sicht sei es aber wenig sinnvoll, Grenzwerte für Inzidenzen festzuschreiben, weil diese immer wieder neu angepasst werden müssten. "Wichtiger ist es, Entscheidungen aufgrund der aktuellen Lageeinschätzungen unter Berücksichtigung verschiedener Indikatoren zu treffen", sagte Lange.

Neben der Inzidenz brauche es den R-Wert, der eine Aussage über die künftige Dynamik der Infektionen ermöglicht, die Intensivbettenbelegung sowie den Anteil der Geimpften unter den Neuinfizierten.

Die Inzidenz war in der Pandemie bisher Grundlage für viele Corona-Einschränkungen, etwa im Rahmen der Ende Juni ausgelaufenen Bundesnotbremse.

Gassen: Inzidenz wenig zielführend

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, forderte die Politik ebenfalls auf, bei der Beurteilung der Corona-Lage verstärkt zusätzliche Daten zu berücksichtigen. Gassen sagte im NDR, angesichts der hohen Zahl von Geimpften sei es mittlerweile wenig zielführend, von der Inzidenz Maßnahmen abzuleiten.

Wir brauchen Parameter wie: Wer wird wirklich krank, wer wird infiziert - sind es junge Gesunde, sind es Geimpfte -, steigen die Belegungszahlen in Krankenhäusern und in der Konsequenz in einem gewissen Prozentsatz irgendwann auch auf den Intensivstationen. Das alles sind Dinge, die neben einer Regionalität eine Rolle spielen sollten.

"Andere Parameter endlich festzurren"

Gassen warf der Politik vor, bei der Umsetzung eines solchen erweiterten Warnwerts viel zu zögerlich zu sein: "Wir sind seit über eineinhalb Jahren in der Pandemie und haben ja schon einen Herbst hinter uns. Das heißt: Die Entwicklungen, die bei einem saisonalen Virus im Herbst auftreten, sind uns ja nicht völlig neu. Insofern hätte man diese Zeit bisher schon lange nutzen müssen, um diese anderen Parameter nun endlich festzuzurren."

Auch warnte Gassen davor, das öffentliche Leben erneut herunterzufahren. Er verwies auf Studien, die zeigten, dass die Möglichkeiten eines Lockdowns begrenzt seien: "Also das man meint, mit dem Schließen von Friseurgeschäften und Restaurants ein hoch ansteckendes Virus in den Griff zu bekommen, war schon immer viel 'wishful thinking'. Die hohe Zahl der Geimpften und auch das veränderte Infektionsspektrum beim Alter lässt natürlich ganz andere Schlüsse zu und fordert auch ganz andere Maßnahmen, als stumpf jetzt plötzlich alles zu schließen."

Stürmer: Inzidenz bleibt wichtiger Parameter

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer sagte im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF, die Inzidenz bleibe dennoch ein wichtiger Parameter. Zwar würden sich Inzidenz und Krankenhauseinweisungen langsam entkoppeln, steigende Fallzahlen resultierten nicht automatisch darin, dass mehr Menschen ins Krankenhaus müssten.

Wenn die Inzidenz aber kein wichtiger Parameter mehr sein solle, bleibe die Gruppe der Kinder und Jugendlichen völlig ungeschützt. "Wir haben ein Virus, wo wir immer noch nicht genau wissen, welche Folgeschäden letztlich angerichtet werden", sagte Stürmer. Er sei inzwischen deutlich skeptischer als noch vor einem Monat, ob es gelingen kann, eine vierte Welle zu verhindern. Der Anstieg der Infektionszahlen komme deutlich zu früh.

Inzidenz steigt weiter

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist derweil erneut gestiegen. Sie liegt jetzt bei 14,5, wie das Robert-Koch-Institut unter Berufung auf die Gesundheitsämter mitteilte. Vor einer Woche hatte die Inzidenz noch 10,9 betragen, gestern lag der Wert bei 14,3. Beim Tiefststand vom 6. Juli war der Wert noch mit 4,9 angegeben worden.

In elf Bundesländern liegt die Inzidenz inzwischen wieder über 10,0, am höchsten ist sie in Hamburg (26,8), gefolgt von Berlin (24,8) und dem Saarland (22,8). In Sachsen-Anhalt (3,3), Sachsen (4,8), Brandenburg (5,0), Mecklenburg-Vorpommern (5,2) und Thüringen (5,8) wurden in den vergangenen sieben Tagen weniger als zehn Fälle je 100.000 Einwohner gemeldet.

1545 Neuinfektionen

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 1545 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1183 gelegen. Deutschlandweit wurden binnen 24 Stunden 38 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 verzeichnet. Vor einer Woche waren es 34.

Die Gesamtzahl der verzeichneten Corona-Ansteckungen in Deutschland seit Beginn der Pandemie liegt den Angaben zufolge bei 3.758.401. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Menschen, die im Zusammenhang mit dem Virus gestorben sind, liegt bei 91.565. Als genesen gelten 3.647.700 Menschen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Juli 2021 um 11:45 Uhr.