Am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor weist ein Hinweisschild auf die Maskenpflicht hin. (Archivbild) | dpa
FAQ

Gutachten des Sachverständigenrats Wo die Corona-Regeln wirkten - und wo nicht

Stand: 01.07.2022 17:27 Uhr

Vor mehr als zwei Jahren wurde das Coronavirus zum ersten Mal in Deutschland nachgewiesen. Wie wirksam es seither bekämpft worden ist, hat nun der Sachverständigenrat ausgewertet. Was steht in dem Gutachten - und wie aussagekräftig ist es?

Maskenpflicht, Schulschließungen, 2G-Regel: Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor mehr als zwei Jahren ist auch in Deutschland mit vielfältigen Maßnahmen versucht worden, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Dabei waren Sinnhaftigkeit und Erfolg der einzelnen Maßnahmen oft umstritten, die Pandemiebekämpfung sorgte für gesellschaftliche Auseinandersetzungen und politische Zerwürfnisse.

Um zu analysieren, wie effektiv die von Bund und Ländern beschlossenen Corona-Maßnahmen tatsächlich waren und wie der Kampf gegen die Pandemie optimiert werden kann, wurde ein Sachverständigenrat eingesetzt. Ihm gehören 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen an, darunter der Virologe Hendrik Streeck und die Soziologin Jutta Allmendinger. Der Virologe Christian Drosten verließ das Gremium hingegen Ende April. Er kritisierte damals, dass die Runde, zu der auch viele Juristen zählen, schlecht zusammengesetzt sei.

Das nun vorgelegte Gutachten des Sachverständigenrats umfasst mehr als 100 Seiten und zieht eine gemischte Bilanz der bisherigen Corona-Maßnahmen. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Wie aussagekräftig ist das Gutachten?

In vielerlei Hinsicht stehen die Aussagen der Sachverständigen unter großem Vorbehalt - darauf weisen sie selbst hin. Denn die Wirkungen und Nebenwirkungen einzelner Schutzmaßnahmen sind auch aus Expertensicht kaum für sich genommen zu beurteilen. Es seien Maßnahmenbündel gleichzeitig ergriffen worden, die man nicht auseinanderrechnen könne, sagte etwa Virologe Streeck bei der Vorstellung des Gutachtens. Das Gremium lege daher keine Tabelle vor, was richtig und falsch sei.

Die beteiligten Wissenschaftler betonten bei ihrer Präsentation zudem, dass die Datenlage schlecht und die Aussagekraft der Ergebnisse auch deshalb eingeschränkt sei. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen merkte daher schon vor der Präsentation des Gutachtens an: "Die Abwesenheit von Evidenz zur Wirksamkeit ist keine Evidenz für die Abwesenheit von Wirksamkeit."

Wie wird die Kommunikation der Politik bewertet?

In einer Krise wie der Corona-Pandemie ist es nach Einschätzung der Sachverständigen wichtig, dass staatliche Akteure die Risiken angemessen kommunizieren. Die Öffentlichkeit müsse "zielgerichtet über die Größe und Eigenschaften des Risikos, über dessen Bedeutung sowie über Entscheidungen und Maßnahmen zur Risikobewältigung" aufgeklärt werden. Denn dadurch lasse sich auch eine Akzeptanz der zur Pandemiebekämpfung ergriffenen Maßnahmen erreichen. Danach stellen die Forscher kritisch fest: "Die Potenziale der Risikokommunikation blieben in Deutschland jedoch weitgehend ungenutzt." Die politische Kommunikation sei überwiegend "top-down" erfolgt. Man hätte mehr Debatten zulassen sollen.

Was ist von Lockdowns zu halten?

Biologisch und physikalisch gibt es nach Einschätzung der Sachverständigen keinen Zweifel daran, dass sich weniger Menschen infizieren, wenn enge physische Kontakte reduziert werden. Daher seien auch Lockdowns effektiv - allerdings vor allem zu Beginn der Virusausbreitung. Im Gutachten heißt es: "Wenn erst wenige Menschen infiziert sind, wirken Lockdown-Maßnahmen deutlich stärker." Je länger ein Lockdown dauere und je weniger Menschen bereit seien, die Maßnahme mitzutragen, desto geringer sei der Effekt.

Was bringt Kontaktnachverfolgung?

Im Laufe der Pandemie gerieten die Gesundheitsämter oft an ihre Belastungsgrenzen - der Hauptgrund: die Nachverfolgung von Kontakten infizierter Menschen. Die Sachverständigen stellen fest, ähnlich wie bei den Lockdown-Maßnahmen sei auch die Kontaktnachverfolgung vor allem in der Frühphase der Pandemie wirksam gewesen. In Zukunft müsse noch stärker erforscht werden, was diese Maßnahme wirklich bringe - oder ob es nicht einfacher wäre, allen Menschen beim Auftreten von Symptomen direkt zu empfehlen, zu Hause zu bleiben.

Wie werden 2G/3G-Maßnahmen bewertet?

Es ist nicht lange her, da durfte ins Restaurant oder ins Kino nur gehen, wer geimpft, genesen und/oder getestet war. Diese Zugangsbeschränkungen bewerten die Experten teilweise positiv. "Der Effekt von 2G/3G-Maßnahmen ist bei den derzeitigen Varianten in den ersten Wochen nach der Boosterimpfung oder der Genesung hoch", heißt es in dem Gutachten. Der Schutz vor einer Infektion lasse mit der Zeit jedoch deutlich nach. Daher solle man künftig eher mit tagesaktuellen Tests arbeiten.

Ist das Tragen von Masken sinnvoll?

Grundsätzlich ja, schreiben die Autoren des Gutachtens. Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen demnach den Schluss zu, dass das Tragen von Masken ein wirksames Instrument in der Pandemiebekämpfung sein kann. Wichtig sei aber: Eine schlecht sitzende Maske habe einen verminderten bis keinen Effekt. Es müsse daher gut kommuniziert werden, wie Masken zu tragen seien. Falls künftig erneut eine Maskenpflicht erlassen werde, solle diese nur noch in Innenräumen gelten, denn dort sei das Infektionsrisiko höher. Zudem schreiben die Sachverständigen: "Eine generelle Empfehlung zum Tragen von FFP2-Masken ist aus den bisherigen Daten nicht ableitbar."

Welchen Effekt haben Schulschließungen?

Diese Frage könne noch nicht abschließend beantwortet werden, so die Sachverständigen. Die genaue Wirksamkeit dieser Maßnahme sei "trotz biologischer Plausibilität und zahlreicher Studien weiterhin offen". Weil Schulschließungen starke Auswirkungen auf Kinder hätten, solle eine Expertenkommission die Effekte der Maßnahme genauer unter die Lupe nehmen.

Wurden alle Corona-Maßnahmen begutachtet?

Nein. Das Gremium traf etwa zu Impfungen keine Aussage. Dies sei Aufgabe der Ständigen Impfkommission (STIKO), sagte Virologe Streeck.

Wie fallen die Reaktionen auf das Gutachten aus?

Von den Einschätzungen des Sachverständigenrates hatten sich viele neue Erkenntnisse für die zukünftige Pandemiebekämpfung erhofft - insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Corona-Welle im Herbst und Winter. Bundesjustizminister Marco Buschmann betonte nach der Präsentation der Ergebnisse denn auch, insbesondere das Tragen von Masken in Innenräumen werde eine wichtige Rolle im künftigen Schutzkonzept spielen. Eingriffe wie Lockdowns, Schulschließungen und Ausgangssperren seien hingegen nicht mehr verhältnismäßig, so der FDP-Politiker. Der Minister hob zugleich die Kritik der Expertenkommission an dem Vorgehen der früheren Bundesregierung hervor.

Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki forderte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf, den Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, zu entlassen. Er sei verantwortlich für das "Datenchaos", das die FDP im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie angeprangert habe und das nun auch von den Sachverständigen benannt worden sei, sagte Kubicki der "Welt am Sonntag". Im RKI sei ein "personeller Neuanfang" notwendig. Lauterbach wies die Kritik an Wieler zurück. Dieser habe die Arbeit immer gut gemacht und genieße sein "vollstes Vertrauen".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. Juli 2022 um 16:00 Uhr.