Lothar Wieler und Jens Spahn | dpa

Wieler und Spahn zu Corona-Variante Delta spätestens im Herbst dominierend

Stand: 18.06.2021 10:53 Uhr

Schnell impfen, besonders auch bei den Zweitimpfungen vorankommen - und weiter testen. So will Gesundheitsminister Spahn die Infektionszahlen trotz der Delta-Variante niedrig halten. Auch Ärzte mahnen zur Vorsicht.

Die Coronavirus-Mutante Delta breitet sich in Deutschland weiter aus. Zwar sei das Niveau noch niedrig, aber die als besonders ansteckend geltende Variante verbreite sich schnell, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn. "Impfen, Vorsicht, testen. Damit kann es gelingen, die Infektionszahlen weiter runterzubringen und auch über den ganzen Sommer zu halten", so Spahn.

Die Frage sei nicht, ob Delta die dominante Variante werde, sondern wann und unter welchen Bedingungen. "Idealerweise unter Bedingungen mit hoher Impfquote und geringen Infektionszahlen", sagte der CDU-Politiker. Laut RKI-Chef Lothar Wieler wird die Delta-Mutante des Coronavirus spätestens im Herbst die dominierende Variante in Deutschland sein.

Spahn betonte, dass die Impfkampagne vorangehe. Mittlerweile seien mit 50,1 Prozent mehr als die Hälfte der Deutschen mindestens einmal geimpft. Das entspreche 41,5 Millionen Menschen. 29,6 Prozent hätten mit der Zweitimpfung mittlerweile den vollen Schutz. "Diese Zahlen machen zuversichtlich", so Spahn.

"Erfolge nicht leichtfertig verspielen"

Dennoch mahnte auch Wieler weiter zur Vorsicht: "Wir sind sehr froh und sehr dankbar darüber, wie sich die Zahlen entwickeln", sagt Wieler. Aber die Pandemie sei nicht vorbei. Deutschland dürfe seine Erfolge jetzt nicht leichtfertig verspielen. Insofern sei es wichtig, weiterhin nur "behutsam und kleinschrittig" zu öffnen.

Zuvor hatten bereits Ärzte und Politiker angesichts der Delta-Variante zu Vorsicht und Wachsamkeit aufgerufen. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, warnte vor einer sehr schnellen Ausbreitung. "Das Tückische bei dieser Variante ist, dass Infizierte sehr schnell eine sehr hohe Viruslast im Rachen haben und damit andere anstecken können, bevor sie überhaupt merken, dass sie sich infiziert haben", sagt Montgomery der Funke Mediengruppe.

Gehen die Lockerungen zu weit?

Die Länder sollten deswegen jetzt prüfen, ob die angekündigten Lockerungen nicht zu weit gingen. "Sie sollten außerdem die politische Größe haben, angekündigte Lockerungen wieder zurückzunehmen, wenn die Infektionszahlen durch die Delta-Variante wieder steigen sollten. So, wie es die britische Regierung jetzt getan hat", betonte der Mediziner.

Solange noch nicht genügend Menschen geimpft seien, müssten vor allem die Ansteckungsrisiken im Alltag reduziert werden. Er mahnte, im öffentlichen Nahverkehr, in Geschäften und anderen Innenräumen sollten deshalb unbedingt weiterhin FFP2-Masken getragen werden.

Montgomery mahnte zudem, nicht den Fehler des vergangenen Sommers zu wiederholen. 2020 habe man den Wiedereintrag des Virus durch Reiserückkehrer unterschätzt, im Herbst folgte eine neue Welle. "Diese Gefahr besteht jetzt wieder, wenn viele noch ungeimpfte Touristen von Partyurlauben in ganz Europa nach Deutschland zurückkehren."

"Vorsichtig bleiben, bis alle ein Impfangebot haben"

"Die große Aufgabe ist, zu verhindern, dass sich die noch ansteckendere Deltavariante schnell in Deutschland ausbreitet. Ausbreiten wird sie sich aber", sagte Kanzleramtschef Helge Braun dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Wir müssen vorsichtig bleiben, bis alle ein Impfangebot haben. Das gehört zur Fairness gegenüber jenen Menschen dazu, die noch nicht geimpft wurden, weil sie in keiner Priorisierungsgruppe waren und noch keine Gelegenheit zur Impfung hatten", sagte Braun.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach geht davon aus, dass die Delta-Variante in Deutschland im Herbst die dominierende Rolle spielen wird, weil sie deutlich ansteckender sei. Er hoffe, dass dies nicht zu einem großen Problem ausgerechnet für die Kinder werde, die nicht geimpft seien, sagte der Sozialdemokrat in den tagesthemen. "Die Geimpften werden mit der Delta-Variante keine Probleme haben", betonte der SPD-Politiker. Gegen die eingesetzten Impfstoffe komme diese Virusvariante nicht an.

Stellen in Gesundheitsämtern noch nicht besetzt

"Wir müssen den Anteil der Delta-Variante an den Neuinfektionen sehr gut beobachten", sagte auch Ute Teichert, die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, den Funke-Zeitungen. Die Verbandschefin der Amtsärzte beklagte zudem, dass der Personalaufbau in den Gesundheitsämtern immer noch stockend vorankomme. Bis Ende des Jahres sollen bei den Gesundheitsämtern 1500 neue Stellen für medizinisches Fachpersonal geschaffen werden. Ein Großteil dieser Stellen sei noch nicht besetzt.

Auch der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz der Länder, Klaus Holetschek (CDU), riet zu "allerhöchster Wachsamkeit". Die Mutation dürfe nicht unterschätzt werden. "Ihr Auftreten und ihr hoher Ansteckungsgrad zeigen uns, dass wir Corona trotz spürbar sinkender Inzidenzwerte noch nicht besiegt haben", sagte der bayerische Gesundheitsminister der "Rheinischen Post".

Bundesweite Inzidenz bei 10,3

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 1076 Corona-Neuinfektionen. Das geht aus Zahlen vom Morgen hervor, nachträgliche Änderungen oder Ergänzungen des RKI sind möglich. Zum Vergleich: Vor einer Woche hatte der Wert bei 2440 Ansteckungen gelegen. Deutschlandweit wurden nun den Angaben zufolge binnen 24 Stunden 91 neue Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 102 Tote gewesen.

Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, wird nun mit 90.270 angegeben. Die Sieben-Tage-Inzidenz gab das RKI am Freitagmorgen mit bundesweit 10,3 an (Vortag: 11,6; Vorwoche: 18,6).

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Juni 2021 um 12:00 Uhr.

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Moderation 18.06.2021 • 15:52 Uhr

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