Vermummte Polizeibeamte stehen in Berlin vor einem Haus in Neukölln, in dem ein Mann nach dem spektakulären Diebstahl einer 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum festgenommen wurde (Bild vom 12.07.2018). | Bildquelle: dpa

Bandenkriminalität Die verschlossene Welt der Clans

Stand: 02.08.2018 06:06 Uhr

Kriminelle Clans aus arabischen Großfamilien beschäftigen Polizei, Politik und Presse. Wer sind diese Familien? Wie sieht ihre Parallelwelt aus? Kontraste-Recherchen zeigen, was sie über den deutschen Rechtsstaat denken.

Von Alexander Dinger, Ulrich Kraetzer, Olaf Sundermeyer und Christian Unger

In der Shisha-Bar läuft Fußball auf Flachbildschirmen, Männer und Frauen sitzen tief in ihren Sesselpolstern, manche qualmen Tabak mit Aroma. Einige der Gäste sehen aus wie Bodybuilder. Ein Freitagabend, Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln. Es ist das Revier der Clans. Straßenzüge in Deutschland, wie es sie mittlerweile auch im Berliner Stadtteil Charlottenburg gibt und in anderen Städten wie Essen, Duisburg oder Bremen.

Die Familien bleiben in der Regel unter sich. In einer gemeinsamen Recherche des ARD-Politikmagazins Kontraste mit der "Berliner Morgenpost" hat ein Team von Reportern mehrere Clanmitglieder über Monate begleitet.

Khaled M. (Screenshot)
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Khaled M. fühlt sich an die deutschen Gesetze nicht gebunden.

"Mein einziges Gesetz sind meine Eltern"

Khaled M. ist in einer der bekannten arabischen Großfamilien in Berlin aufgewachsen. Er trägt ein DFB-Trikot, Bart und Sonnenbrille. Er macht Rap-Musik, einer seiner bekanntesten Songs heißt "Schneemann". Im Video zu dem Lied sieht man das Kottbusser Tor, schnelle Autos und Polizeiwagen mit Blaulicht, dazu jede Menge 500-Euro-Scheine. "Edelweißes unterm Lenkrad, für die Kunden frisch verpackt, und die Kapseln gehen zum Kunden", heißt es in dem Song.

Wie er auf die Idee gekommen ist, sich in dem "Schneemann"-Video als Drogenkurier zu inszenieren und warum die Textzeilen wirken wie aus seinem eigenen Leben, darüber will Khaled M. nicht sprechen. Dafür erzählt er von seiner Familie. "Mein einziges Gesetz sind meine Eltern", sagt er. Die einzigen, denen er sich verpflichtet fühle, seien die Verwandten. Die stehen zu ihm. Egal wann. Egal wo. Egal warum. "Wenn mir was Schlimmes passiert, dann weiß ich ganz genau, da stehen locker zwei, drei Hundertschaften hinter mir."

Bekämpfung von Clan-Kriminalität

Expertengremien von Polizei und Kriminalämtern in Bund und Ländern arbeiten derzeit an einer bundesweit besseren Erfassung von Straftaten polizeibekannter Großfamilien. Das haben Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste vom rbb und der "Berliner Morgenpost" ergeben. Die Sicherheitsbehörden wollen Clan-Kriminalität klarer definieren und genauer zu anderen Bereichen der Organisierten Kriminalität abgrenzen, wie etwa der Mafia-Kriminalität. Damit soll auch ein Problem behoben werden: Anders als bei Drogendelikten oder Wirtschaftskriminalität gibt es zu Straftaten von Clan-Mitgliedern noch keine polizeilichen Lagebilder. Im Herbst sollen erste Ergebnisse der Expertentreffen vorliegen.

"Koks-Taxi" statt Hartz IV

Der Job, über den Khaled M. da singt - Tarek macht ihn wirklich. Auch er gehört zu einer großen Familie aus Neukölln. Mit seinem "Koks-Taxi" liefert er bis vor die Haustür. Bestellt wird per Handy - von Kunden aus allen Schichten. "Friedrichshain, Prenzlauer Berg halt. Ganz normale Leute. So Leute wie euch", sagt Tarek. Seine Kunden in den Ausgehbezirken kontaktieren ihn regelmäßig.

Warum machen "Bio-Deutsche" seinen Job nicht? "Deutsche? Deutsche sind fleißig in der Schule, die meisten - oder nicht? Die leben ja nicht von Hartz IV. Die meisten, die von Hartz IV leben, sind ja Araber, Türken. Und wer nicht mit Schule weiterkommt, fängt an, irgendwas auf der Straße aufzubauen", sagt Tarek.

Jamal al-Z. (Screenshot)
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Jamal al-Z. ist ein sogenannter Friedensrichter - und sieht sich in der Rolle als Lebensretter.

"Friedensrichter" ersetzen deutsche Justiz

Jamal al-Z. ist ein sogenannter Friedensrichter, die moralische Instanz für mehrere Tausend Clan-Mitglieder allein in Essen. Der ältere Mann sitzt in einem Shisha-Café, trägt ein schwarzes Sakko, schwarze Mütze, sein Schnauzbart ist grau.

Warum braucht es Männer wie ihn? "Weil wir die Angelegenheiten regeln können, die der Staat nicht lösen kann. Wenn ein, zwei Leichen auf den Boden fallen, klären wir das innerhalb von zwei Wochen. Wir sind doch eine Sippe, wir sind als Großfamilien unter uns." Jamal Al-Z. ist überzeugt, ohne dieses System der eigenen Justiz wären die Auseinandersetzungen unter den Clans noch viel gewalttätiger. "Dann hätte es in Essen schon 50 Tote gegeben."

Fehler gehen teilweise Jahrzehnte zurück

Der Staat schaute zu lange weg - und er machte Fehler. Das sagen viele Interviewpartner. Um die Versäumnisse zu erkennen, muss man zurückgehen in die Bundesrepublik der 1980er-Jahre. Zehntausende Menschen fliehen vor dem Bürgerkrieg im Libanon. Unter ihnen auch Kurden, die einst aus der Türkei eingewandert waren. Sie nennen sich Mhallamiye-Kurden.

Manche haben die libanesische Staatsbürgerschaft, manche die syrische oder die türkische, andere macht die Flucht zu "Staatenlosen". Deutsche Ausländerbehörden sind mit den "libanesischen Kurden" überfordert. Die meisten haben keine Pässe mehr, andere schmeißen ihre türkischen Ausweise weg, um ihre Chance auf Asyl zu erhöhen. Die Behörden lehnen ihre Anträge trotzdem häufig ab.

Zerstörtes Bankgebäude (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Auch an der Sprengung dieser Berliner Bankfiliale im Jahr 2014 sollen Clans beteiligt gewesen sein.

Ohne Perspektive in die Kriminalität

Doch weil sich kein Staat verantwortlich fühlt und Papiere fehlen, bekommen die Menschen eine "Duldung", dürfen bleiben. Jahrelang leben Familien der "Mhallamiye" in Asylheimen, ihren Zugang zum Arbeitsmarkt schränken die Behörden ein und kürzen die Sozialhilfe.

"Wir wollen auch den Reichtum haben, den andere Menschen haben, wir wollen auch die Anerkennung haben, die andere Menschen haben." Sagt Khaled M. Und wo sich der Staat zurückzieht, bleibt die Familie. Der Clan hilft, ist soziale Absicherung - und auch Schutz vor Angriffen durch Rechtsextremisten in den Unterkünften. "Familie ist unsere Rente", fasst Khaled M. zusammen. "Unsere Kinder werden uns umsorgen. Deswegen kriegen wir so viele Kinder. Das ist unser Schutz."

Den Beitrag "Clans - Wie arabische Großfamilien in Deutschland herrschen" sehen Sie heute um 21.45 Uhr in Kontraste im Ersten.

Die verschlossene Welt der Clans: Recherche zur organisierten Kriminalität
tagesschau24 11:00 Uhr, 02.08.2018, Olaf Sundermeyer, RBB

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Über dieses Thema berichtete Kontraste am 02. August 2018 um 21:45 Uhr im Ersten.

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