Ein Mann in Gummistiefeln steht im Schlamm und schaut in ein zerstörtes Haus hinein. | AFP
Reportage

Hochwasserkatastrophe "Zwick mich und lass mich wach werden"

Stand: 19.07.2021 02:59 Uhr

Im Ahrtal sind nach dem Jahrhunderthochwasser die Aufräumarbeiten in vollem Gange - und auch die Sonne scheint wieder. Die Betroffenen beginnen jedoch gerade erst, die Schrecken der Flutnacht zu verarbeiten.

Von Sandra Biegger, SWR

Häuser, die von den Fluten mitgerissen wurden, Berge von Abfall und kaputten Möbeln auf den matschigen Straßen, Soldaten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte in den kleinsten Dörfern, Hubschrauber, die aus der Luft nach Verletzten und Toten suchen. Das alles gehört seit Mitte vergangener Woche zum Alltag der Menschen im Ahrtal. Und doch ist es nach wie vor schwer auszuhalten.

Kanzlerin Angela Merkel spricht nach ihrem Besuch in der Gemeinde Schuld von einer "gespenstischen Situation".  Was sie gesehen habe, sei erschreckend: "Ich will fast sagen, die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die angerichtet worden ist." Ersten Schätzungen zufolge hat die Flut allein in der Gemeinde Schuld mit ihren 700 Einwohnern einen Schaden von bis zu 48 Millionen Euro verursacht.

Erschöpfung macht sich breit

Unermüdlich kämpfen die Menschen in den  betroffenen Gebieten gegen die enormen Schlammmassen - während in den Hauptstraßen unter anderem Panzer der Bundeswehr beim Räumen helfen, kommen in den Seitenstraßen und Gärten vielerorts Bagger und Traktoren zum Einsatz.

Jetzt, da die Sonne scheint und es wärmer ist, wird der Kampf gegen den Schlamm schwieriger. Getrocknet lässt er sich kaum wegschaufeln, deshalb wird er vielerorts gewässert, bevor er weggebracht wird. Fließendes Wasser hingegen gibt es in vielen Gemeinden nach wie vor nicht. Doch nicht nur das macht die Arbeit für die Hochwasseropfer zunehmend schwerer. Die tagelange körperlichen und seelischen Anstrengungen machen sich bemerkbar. Viele haben seit Mittwoch vergangener Woche kaum geschlafen. Wenn sie es getan haben, dann nicht gut.

Irgendwie muss es weiter gehen

Walter Pürling wohnt am Ufer der Ahr in der ebenfalls stark betroffenen Eifel-Gemeinde Insul. Der 57-Jährige ist groß, er wirkt, als könne ihn nichts erschüttern. Doch der Eindruck trügt. Pürling sagt, mittlerweile sei er oft  richtig deprimiert. Zu Beginn habe er wie eine Maschine gearbeitet, unter Schock habe er angefangen, sein Haus von Wasser und Schlammmassen zu befreien. Die Arbeit habe ihm geholfen, nicht zu verzweifeln. Jetzt käme bei ihm aber immer öfter hoch, was da passiert sei. Und das sei kaum zu ertragen. Immer häufiger frage er sich, wie er das überhaupt noch alles bewältigen solle. Aber verzweifeln bringe ja auch nichts, redet er sich selbst Mut zu, irgendwie müsse es ja weiter gehen.

Walter Pürling steht mit einer Schaufel im Schlamm.

Walter Pürling während der Aufräumarbeiten

Immer nur fürs Haus gespart

Dass es weitergehen muss, sagt sich auch Petra Gründler. Wie das aber genau funktionieren soll mit dem Weitermachen, das weiß die 51-Jährige noch nicht. Unter Tränen und mit bebender Stimme berichtet sie, dass die Flut ihr Lebenswerk und das ihres Mannes zerstört habe.

Jahrzehnte hätten sie gespart, sich keinen Urlaub gegönnt, jeden Cent ins Haus investiert, zum Beispiel in eine schöne Fassade. Erst vor zwei Wochen hätten sie und ihr Mann sich noch gesagt, dass jetzt die harten Zeiten vorbei seien, man sich ja sogar mal einen Urlaub erlauben könne. Und jetzt, nach nur einer Nacht, hätten sie weniger als je zuvor, stünden vor dem Nichts.

Todesangst in der Flutnacht

Und dann erzählt Petra Gründler eher beiläufig die Geschichte der Flutnacht. Die Wassermassen hätten verhindert, dass sie durch die Tür aus ihrem überfluteten Haus flüchten konnten. Sie habe ihren Sohn gebeten, sie zurückzulassen, wichtig sei vor allem, dass er überlebe. Nach einigem Hin und Her hätten sie es jedoch geschafft, gemeinsam über eine Leiter ins Freie zu kommen. Die Idee: Wir retten uns auf den höchsten Punkt im Ort, die Brücke über der Ahr. Doch genau diese Brücke wurde nur kurze Zeit später von den Wassermassen zerstört. Nach und nach bröckelten immer mehr Steine ab. Mutter und Sohn waren von Wasser umzingelt, wussten nicht, wie lange es noch dauert, bis die Fluten sie unter sich begraben. Beide hatten Todesangst. Erst am nächsten Morgen wurden sie gerettet.

Heute sagt Petra Gründler: "Wenn ich meinen Sohn nicht gehabt hätte, ich wäre freiwillig in die Ahr gegangen." Sie schäme sich, dass sie es nicht geschafft habe, für ihr Kind stark zu sein. Sie hoffe immer noch darauf, dass das alles nur ein böser Traum sei. "Zwick mich und lass mich wach werden!", habe sie schon mehr als einmal in Gedanken gefleht.

Not sehen und nicht helfen können

Während Petra Gründler das alles erzählt, nimmt sie ihr Nachbar Wilfried Kasper immer wieder tröstend in den Arm.  Er musste von seinem Haus aus alles beobachten, er hat die Panik von Mutter und Sohn gesehen und gehört. Und konnte doch nicht helfen. In den reißenden Fluten wäre er selbst untergegangen, Hilfe konnte er nicht rufen, Telefon und Handyempfang gab es zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Die Todesangst seiner Nachbarin zu sehen und nichts tun können, auch das ist für Wilfried Kasper Tage nach der Schicksalsnacht kaum auszuhalten.

Petra Gründler und Wilfried Kasper

Die Nachbarn Petra Gründler und Wilfried Kasper halten in der Not zusammen.

Große Hilfsbereitschaft

Bei Gesprächen mit Menschen in den zerstörten Dörfern im Ahrtal fließen in diesen Tagen immer wieder Tränen. Tränen der Erschöpfung, der Trauer, der Hilfslosigkeit. Aber auch der Rührung und Dankbarkeit. Denn die Katastrophe hat auch eine unglaubliche Hilfsbereitschaft ausgelöst.

Aus ganz Europa werden Geld und Sachspenden in die Eifel geschickt, Hotels in der Region lassen die Hochwasseropfer kostenlos übernachten, freiwillige Helfer in Gummistiefeln kommen mit Schubkarren und Schaufeln in die zerstörten Dörfer, packen dort an, wo Hilfe gebraucht wird. Zum Beispiel im Haus und Garten von Manuela Göken. Die Insulerin in der grünen Arbeitslatzhose erzählt, dass am Wochenende plötzlich wildfremde junge Menschen neben ihr gestanden und gefragt hätten: "Was können wir tun?" Während Manuela Göken das erzählt, bricht ihre Stimme. Sie könne nicht fassen, dass Menschen, deren Namen sie noch nicht einmal kenne, ihr so selbstlos unter die Arme greifen. Auch das müsse sie erst einmal verarbeiten. Freude und Leid, sie liegen in den Hochwassergebieten derzeit sehr nah beieinander.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 19. Juli 2021 um 05:37 Uhr.