Polizisten vor der Synagoge in Hagen | dpa

Alarm an Synagoge in Hagen Die Rückkehr des IS-Instrukteurs

Stand: 14.10.2021 17:00 Uhr

Ein 16 Jahre alter Syrer soll einen Bombenanschlag auf die Synagoge von Hagen geplant haben. Die Ermittler stützen sich dabei vor allem auf Handychats. Sein Gesprächspartner ist kein Unbekannter.

Von Florian Flade, WDR, und Georg Mascolo, NDR/WDR

Der junge Syrer war an jenem Morgen gerade auf dem Weg zum Bus, als die Spezialkräfte der nordrhein-westfälischen Polizei zugriffen und ihn festnahmen. Sie sicherten den Rucksack des 16-Jährigen. Die Sorge war groß, dass sich darin möglicherweise Sprengstoff befinden könnte. Letztendlich aber fanden die Polizisten nur Schulsachen.

Florian Flade
Georg Mascolo

Auch bei der anschließenden Wohnungsdurchsuchung entdeckten die Ermittler keinen Sprengstoff, keine Bombe und keinerlei Waffen. Dennoch besteht der dringende Verdacht, dass der junge Mann einen Terroranschlag auf die Synagoge von Hagen verüben wollte. Und zwar möglicherweise an Jom-Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag.

Die Fahnder wollten kein Risiko eingehen und griffen am 16. September zu. Seitdem sitzt der Syrer in Untersuchungshaft. Die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf wirft ihm die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor.

Staatsanwalt sieht Entschlossenheit zur Tat

Viel Vorbereitung aber gab es wohl noch nicht, es waren vor allem Terrorfantasien, die der junge Mann geäußert haben soll. Aus Sicht der Staatsanwälte aber besteht der dringender Verdacht, dass er bereits fest zur Tat entschlossen war.

Ein Hinweis eines ausländischen Geheimdienstes hatte die Sicherheitsbehörden Mitte September auf die Spur des Hageners gebracht. Jemand plane offenbar einen Anschlag auf eine Synagoge, wohl an einem jüdischen Feiertag, so lautete die Warnung. Im LKA Nordrhein-Westfalen wurde daraufhin eine rund 50-köpfige Sonderkommission (Soko) "Dach" ins Leben gerufen, die schließlich den syrischen Schüler aus Hagen, der als Flüchtling im Rahmen des Familiennachzuges nach Deutschland gekommen war, als Tatverdächtigen identifizieren konnte.

Zunächst war der Vater des jungen Mannes ins Visier der Fahnder geraten. Den Behörden lagen Informationen vor, dass er über Kontakte in die salafistische Szene verfügen soll. Er soll unter anderem einen gemeinsamen Bekannten mit einem der Paris-Attentäter haben.

IS-Propaganda

Bei einem Haftprüfungstermin legten die Ermittler vor kurzem einem Haftrichter die Beweise vor, die den Verdacht gegen den 16 Jahre alten Terrorverdächtigen stützen sollen. Auf seinem Handy, dessen Passwort sie knacken konnten, hatten sie beispielsweise große Mengen Propagandamaterial der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) entdeckt, darunter auch Enthauptungsvideos.

Den brisantesten Fund aber stellen Chatnachrichten dar, die der Tatverdächtige mit einem mutmaßlichen IS-Terroristen ausgetauscht haben soll. Über WhatsApp soll der Schüler aus Hagen an einer Art "Online-Kurs" für die Herstellung von Sprengstoff und den Bau von Bomben teilgenommen haben. Die Anleitungen soll dabei ein Instrukteur gegeben haben, der sich "Abu Harb" nannte, Arabisch für "Vater des Krieges".

"Gebäude bereits ausgekundschaftet"

Am 17. August, um 11:14 Uhr, soll "Abu Harb" seinen Lehrling per Chat gefragt haben, was er denn mit einer Bombe anstellen wolle? Sein Ziel sei eine Synagoge, soll der Hagener nur zwei Minuten später geantwortet haben. Er habe das Gebäude bereits ausgekundschaftet. Zwar werde die Synagoge vorne von der Polizei bewacht, hinten aber könne er unbemerkt eine Bombe platzieren.

"Er distanziert sich ganz klar davon, irgendeinen Anschlag vorgehabt zu haben", sagt Ihsan Tanyolu, der Anwalt des Syrers. Die Ermittler des LKA hingegen sind überzeugt, dass es nicht bloß Spielerei war. Dafür spreche die Dauer des Kontakts zu dem Terrorinstrukteur, mit dem er sich über Wochen auf unterschiedlichen Kanälen ausgetauscht haben soll. Außerdem sollen auf seinem Handy auch zahlreiche Fotos der Hagener Synagoge gefunden worden sein.

Der Terrorinstrukteur "Abu Harb" war zudem bereits zuvor in einem ähnlichen Fall aufgetaucht. Anfang August nahmen Fahnder in Berlin-Schmargendorf einen ebenfalls 16 Jahre alten Syrer fest, der auch von "Abu Harb" angeleitet worden sein soll. Auch hier hatte ein ausländischer Geheimdienst einen entscheidenden Hinweis geliefert. Die Ermittler der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) "Hydra" durchsuchten die elterliche Wohnung des jungen Mannes und stellten dabei verdächtige Utensilien fest, die sich der Tatverdächtige möglicherweise für die Sprengstoffherstellung beschafft hatte. Darunter Motorenöl und Kühlakkus.

Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen den Jungen wegen der Vorbereitung eines Terroranschlags. Er befindet sich allerdings im Gegensatz zu dem Hagener wieder auf freiem Fuß.

Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass es sich bei "Abu Harb" um einen Sprengstoff-Experten der Terrororganisation IS handelt, der sich möglicherweise im Irak aufhält - und der auch mit weiteren Personen in Europa in Kontakt gestanden haben soll.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. September 2021 um 16:00 Uhr.