Melanie Huml und Markus Söder | dpa
Analyse

Test-Panne in Bayern Söder gibt den Teamplayer

Stand: 13.08.2020 18:42 Uhr

900 Menschen, die in Bayern positiv auf Corona getestet wurden, wussten oder wissen nichts davon. Ein Desaster für Ministerpräsident Söder, das zeigt, wie steinig der Weg ins Kanzleramt ist.

Von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Heute stellen sie sich gemeinsam der Presse: Der über 1,90 Meter große Markus Söder von den Journalisten aus rechts und Melanie Huml, mindestens einen Kopf kleiner, links daneben. Wird Söder seine Gesundheitsministerin opfern, um Stärke zu zeigen? Wirft der Ministerpräsident die Ressortchefin raus, weil Fehler im Kampf gegen Corona - und im Rennen um die Kanzlerkandidatur der Union - unverzeihlich sind?

Daniel Pokraka ARD-Hauptstadtstudio

Söders Erstarken in den zurückliegenden Wochen und Monaten hatte auch mit Schwächen und der Unsichtbarkeit der potenziellen Konkurrenz zu tun. Armin Laschet agierte im Kampf gegen Corona mitunter tollpatschig. Jens Spahn stand zwar lange gut da, hat jetzt aber großen Ärger mit den Lieferanten von Schutzmasken. Und Friedrich Merz und Norbert Röttgen scheinen in der Corona-Krise abgemeldet. Söder, geachtet für sein Corona-Krisenmanagement, galt plötzlich als derjenige in der Union, dem das Kanzleramt am ehesten zuzutrauen sei.

Söder kündigt Wechsel an - Huml bleibt

Bei seiner Pressekonferenz mit der Gesundheitsministerin baut Söder Spannung auf. Die "Panne" - dass 900 positiv Getestete nicht über ihren Befund informiert wurden - sei ärgerlich und bedauerlich. Sie tue der gesamten Staatsregierung leid, auch ihm persönlich.

Den Leiter des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Andreas Zapf, schickt Söder ins Innenministerium. Aber Huml darf bleiben. Söder sagt, die Gesundheitsministerin habe ihm ihren Rücktritt angeboten, "zweimal". Er habe sie dann gefragt, ob sie sich ihren Job weiter zutraue, und Huml habe "Ja" gesagt. Söder legt Wert darauf, von einem menschlich sehr bewegenden Gespräch mit seiner Ministerin zu erzählen, die ihre "Scharte auswetzen" wolle. Und dann gibt er einen Einblick in sein Verständnis von Personalführung: In schweren Zeiten hake man sich unter.

Der alte Söder hätte möglicherweise anders reagiert und das Rücktrittsangebot angenommen oder die Ministerin gleich rausgeworfen, um zu zeigen, dass Fehler in seinem Team Konsequenzen haben. Der neue Söder allerdings, der Insekten schützt und sich für Frauenquoten einsetzt, profiliert sich als Teamspieler.

Huml musste Debakel allein verkünden

Das sah gestern aber noch anders aus. Da schickte Söder seine Gesundheitsministerin alleine vor die Presse. Huml musste das bayerische Corona-Test-Debakel ohne ihren Chef im Rücken eingestehen. Ein Umstand, der rasch auf Kritik stieß. "Peinlich", twitterte der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff. Sonst immer vorweg, schicke Söder jetzt seine Gesundheitsministerin vor.

Der Generalsekretär der Bayern-SPD, Uli Grötsch, sagte dem BR, Söder müsse "Buße tun, weil er als Ministerpräsident seiner Verantwortung schlichtweg nicht gerecht geworden ist und mit der Gesundheit der Menschen in Bayern gespielt hat". Und Grünen-Chefin Annalena Baerbock sagte der Nachrichtenagentur dpa, wer sich als Ministerpräsident permanent als Krisenmanager inszeniere, müsse auch sicherstellen, dass es funktioniert.

Söder hält an bayerischer Strategie fest

Dass Bayern im Kampf gegen Corona Vorreiter sei - diese Meinung vertritt Markus Söder allerdings nach wie vor. Kein anderes Bundesland teste so großzügig wie der Freistaat, das Tempo sei hoch und es seien Fehler passiert, aber das Tempo gebe ja das Virus vor. Söder gesteht also nicht mehr ein als eine "Panne". An seiner Gesamtstrategie und Hauptbotschaft - große Vorsicht, viel testen - rüttelt er nicht.

Söders Versäumnisse zu Beginn der Corona-Krise, als in Bayern noch Volksfeste zugelassen wurden, sind fast vergessen. An seinem Image als konsequentester Kämpfer gegen Corona, Seit' an Seit' mit der Kanzlerin, hat der CSU-Chef lange und erfolgreich gearbeitet. Jetzt hat seine weiße Weste Flecken bekommen - und Söder steht fortan ähnlich unter Beobachtung wie seit Wochen sein nordrhein-westfälischer Konkurrent um die Kanzlerkandidatur, Laschet.

Dass Söder der Versuchung widerstanden hat, seine Gesundheitsministerin vor die Tür zu setzen, könnte sich allerdings als doppelter Vorteil erweisen. Zum einen inszeniert er sich damit als Teamspieler und vermeidet den ungalanten Eindruck, eine Ministerin seinen Kanzlerambitionen zu opfern. Zum anderen kann er Huml immer noch später zum Rücktritt drängen, falls es neue Probleme gibt.

K-Frage der Union lange nicht entschieden

Für die Frage nach der Kanzlerkandidatur in der Union zeigt das bayerische Corona-Debakel vor allem eines: Das Rennen ist offen. Umfragen sind Momentaufnahmen, mehr nicht. Corona ist eine nie dagewesene Krise, die jedem Kandidaten die Möglichkeit bietet, einen dicken Fehler zu machen und sich ins Aus zu schießen.

Die SPD, die kaum noch etwas zu verlieren hat, hat seit Montag ihren Kanzlerkandidaten. Die Union, die mindestens das Kanzleramt zu verlieren hat, muss sich noch entscheiden - zwischen Bewerbern, von denen keiner ohne Makel ist.

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Moderation 13.08.2020 • 21:42 Uhr

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