Annalena Baerbock | AP

Afghanische Flüchtlinge in Pakistan Baerbocks unvollendete Mission

Stand: 09.06.2022 08:40 Uhr

Eine Corona-Infektion beendete die Reise von Außenministerin Baerbock nach Pakistan abrupt. Dort warten weiterhin aus Afghanistan geflohene ehemalige Ortskräfte auf ihre Ausreise nach Deutschland.

Von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio

Das Gästehaus der Initiative "Kabul Luftbrücke" steht im Zentrum der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Draußen an der Hauswand lehnen seit kurzem vier BMX-Fahrräder. Der 22-jährige Ali, selbst sehr erfahren auf zwei Rädern, kann jetzt in kleinen Gruppen Ausflüge mit denen machen, die noch nie zuvor in einer Großstadt geradelt sind.

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Die Menschen, die hier im Haus wohnen, verbindet eines: Sie sind aus Afghanistan vor den Taliban ins Nachbarland Pakistan geflohen. Jetzt warten sie auf ihre Weiterreise nach Deutschland. Für zwei Professorinnen soll es demnächst an die Uni Hildesheim gehen. Doch da sind auch die Geschwister, deren Mutter und Bruder bereits in Deutschland sind. Die Wirren der Flucht haben sie getrennt, eine erfolgreiche Zusammenführung der Familie ist noch nicht in Sicht.

Normalerweise sitzen sie an einem Vormittag nicht in der prallen Sonne von Islamabad im Garten. Doch der Besuch aus Deutschland hat einen engen Zeitplan. Also ist ein weißes Zeltdach gespannt, unter dem jetzt alle gemeinsam zusammengekommen sind: die Flüchtlinge aus Afghanistan, die Organisatorinnen der Initiative "Kabul Luftbrücke" und die Delegation des Auswärtigen Amts. Eine fehlt: Annalena Baerbock, die sich hier einen eigenen Eindruck hatte verschaffen wollen. Doch ein positiver Corona-Test warf die Pläne der Ministerin über den Haufen. Isolation statt Kommunikation. Die Nachricht von der Infektion überlagerte für ein paar Stunden die eigentlichen Botschaften dieser Reise.

"Wir müssen dort hinsehen"

War es doch darum gegangen, Öffentlichkeit für ein Thema zu schaffen, um das es zuletzt sehr still geworden war. Die Schicksale seien nicht verschwunden, mahnt Sophia Eckert von der Organisation "terre des hommes" im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio: "Die Krise ist nicht verschwunden. Wir müssen dort hinsehen."

Im August des vergangenen Jahres war die Aufmerksamkeit noch ganz anders gewesen: Die USA waren plötzlich auf dem finalen Rückzug aus Afghanistan. Chaos am Flughafen von Kabul. Die Bemühungen der Bundesregierung, ihre Ortskräfte aus dem Land zu bringen, sorgten für harte Kritik: zu langsam und unkoordiniert. Baerbock wählte als Kanzlerkandidatin deutliche Worte - auch in Richtung der damals beteiligten Minister Maas und Seehofer. Es zeige sich, "wie fatal es war, dass man von Seiten der deutschen Bundesregierung, des Auswärtigen Amts, die Augen vor der Realität verschlossen hat", sagte die grüne Wahlkämpferin bei einem gemeinsamen Auftritt mit Joschka Fischer in Frankfurt/Oder.

Ortskräfte und besonders Schutzbedürftige

Jetzt steht Baerbock selbst in der Verantwortung. Kurz nach Amtsantritt hatte sie erste Ideen präsentiert. Mittlerweile geht es nicht nur darum, Ortskräfte nach Deutschland zu holen, sondern auch besonders Schutzbedürftige in Afghanistan: Kinder, Jugendliche, Journalistinnen, Menschenrechtsaktivistinnen. Eine zentrale Rolle spielt dabei Pakistan. 14.000 Flüchtlinge seien in den vergangenen Monaten über das Nachbarland nach Deutschland gekommen, um dort ein Leben "in Freiheit und ohne Angst" beginnen zu können, wie Baerbock nach einem Treffen mit ihrem pakistanischen Amtskollegen sagte.

Sie lobte das Land als engsten und zuverlässlichsten Partner bei dieser Aufgabe. Bilawal Bhutto-Zardari sprach von einer neuen, "dritten Phase" der Zusammenarbeit. Das klang zumindest wie eine verbindliche Zusage, auch wenn über einen formellen Kabinettsbeschluss öffentlich noch nichts bekannt ist.

Bemühen nach besten Kräften?

Ein Besuch in der deutschen Botschaft in Islamabad erlaubt einen Einblick in den Maschinenraum der deutschen Operation. Für die Ausreise reicht es nicht, dass ein Name auf einer Regierungsliste steht. Ein Mitarbeiter der Bundespolizei prüft die vorgelegten Dokumente und stößt dabei auch immer mal wieder auf Fälschungen. Im Büro nebenan hat eine junge Soldatin ihren Arbeitsplatz, die in ihrer eigentlichen Verwendung in Deutschland aus dem Bereich IT kommt. Sie hat iranische Wurzeln und Sprachkenntnisse, die hier sehr hilfreich sind.

Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist vertreten. In besonders intensiven Wochen seien fünf Flüge mit zusammengerechnet gut 1000 Menschen gestartet, erzählen sie. Bemühen sich alle nach besten Kräften? Oder ist die Kritik an zu langsamen Verfahren berechtigt? Bei einem Kurzbesuch lässt sich das nicht beantworten. Dass jedoch in den vergangenen Monaten das Auswärtige Amt und das Innenministerium oft nicht an einem Strang gezogen haben, berichten viele, die sich mit der Materie intensiv befassen.

 

Mission noch lange nicht abgeschlossen

In der Delegation der Außenministerin waren auch mehrere Nichtregierungsorganisationen nach Islamabad gekommen. Die Reise sei ein "Zeichen für die Bereitschaft, besonders bedrohte Afghaninnen und Afghanen in Deutschland aufzunehmen", so Jeanette Böhme, die für "medica mondiale" dabei war. Sophia Eckert von "terre des hommes" sagt: "Wir freuen uns, dass die Regierung auf die Zivilgesellschaft zugeht. Die Expertise der Zivilgesellschaft muss nun aber auch tatsächlich in der Umsetzung berücksichtigt werden."

Im Gästehaus in Islamabad setzt sich die deutsche Delegation in Bewegung. Theresa Breuer sagt, die Initiative "Kabul Luftbrücke" kümmere sich gerne um die Menschen, die aus Afghanistan nach Pakistan geflohen sind. Sie hat aber auch konkrete Forderungen an die Bundesregierung. Die Ausreisen müssten schneller funktionieren. Es müsse neue Aufnahmezusagen geben für die Personen, die im vergangenen Jahr nicht beachtet worden seien: "Es war damals einfach eine Lotterie, wer eine Aufnahmezusage für Deutschland erhalten hat, und wer nicht. Das Ganze ist sehr intransparent abgelaufen."

Es ist eine unvollendete Mission - nicht, weil für die deutsche Außenministerin die Reise wegen der Corona-Infektion früher zu Ende ging als geplant. Vielmehr ist das Vorhaben, Ortskräfte und besonders Schutzbedürftige nach Deutschland zu holen, noch lange nicht abgeschlossen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juni 2022 um 23:41 Uhr.