Frank-Walter Steinmeier  | dpa

Bundespräsident Steinmeier "Wir erleben eine menschliche Tragödie"

Stand: 17.08.2021 14:03 Uhr

Nach dem holprigen Start der Evakuierungsmission der Bundeswehr stehen Außen- und Verteidigungsministerium in der Kritik. Bundespräsident Steinmeier spricht angesichts der Lage in Kabul von einer "menschlichen Tragödie".

Von Katharina Kaufmann, ARD-Hauptstadtstudio

Die Bilder von verzweifelten Menschen auf dem Flughafen Kabul gehen um die Welt. Von Menschen, die sich an Flugzeuge klammern, über das Rollfeld rennen, in der Hoffnung, das Land verlassen zu können. Diese Bilder ließen niemanden unberührt, erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. 

Besonders bedrückend sind sie für all die Menschen, die sich in den letzten Jahren dort für ein besseres Leben engagiert und dabei vielfach ihre eigene Gesundheit, ja, das eigene Leben eingesetzt haben. Wir erleben in diesen Tagen eine menschliche Tragödie, für die wir Mitverantwortung tragen und eine politische Zäsur, die uns erschüttert und die Welt verändern wird.

War chaotische Situation am Flughafen Schuld?

Die Evakuierung der deutschen Staatsbürger und ihrer afghanischen Arbeitskollegen habe jetzt die oberste Priorität. Doch die Operation läuft schleppend an. Zu chaotisch sind die Zustände auf dem Flughafen in Kabul. Nur sieben Menschen konnte die erste Bundeswehrmaschine aus Afghanistan fort bringen.

Das habe auch an dem kurzen Zeit-Slot gelegen, den die Bundeswehr für ihren Aufenthalt auf dem Flughafengelände bekommen habe, erklärte Verteidigungsministerin Annegret-Kramp-Karrenbauer im ARD-Morgenmagazin. "Deswegen haben wir nur die mitgenommen, die jetzt wirklich auch vor Ort waren. Und die konnten gestern wegen der chaotischen Situation noch nicht in einer größeren Zahl am Flughafen sein." Eine weitere Bundeswehrmaschine solle sich heute auf den Weg nach Kabul machen, so Kramp-Karrenbauer.

"Es muss jetzt den Leuten geholfen werden"

Diese Aussicht reicht der Opposition in Berlin nicht aus. Wie könne es sein, dass die US-Armee unterdessen hunderte Menschen in überfüllten Fliegern aus dem Land bringe, fragt etwa Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch. Er spricht auf Phoenix von einem "grandiosen" Versagen. "Ich finde es skandalös, dass nur sieben Leute in dieser Maschine waren."

Es sei jetzt nicht an der Zeit für deutsche Bürokratie oder dass mit Listen gearbeitet werde, so Bartsch. "Es muss jetzt den Leuten geholfen werden. Und es ist die katastrophale Situation, dass wir vielleicht schon wissen um die Leute in Kabul, aber schon bei den Leuten in Masar-i-Scharif weiß keiner, wie es denen gerade geht."

Die Anschuldigungen aus der Opposition richten sich vermehrt gegen das Bundesaußenministerium. Die deutsche Botschaft in Kabul hatte das Ministerium frühzeitig vor den Gefahren durch den Vormarsch der Taliban gewarnt und rasches Handeln angemahnt. Claudia Roth, Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, schlussfolgert im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio: "Totalversagen einer deutschen Bundesregierung, die zynisch agiert, die sich ignorant gezeigt hat über lange, lange Zeit, die Unterstützungs- und Evakuierungsforderungen vollkommen blockiert hat."

FDP fordert personelle Konsequenzen

Insbesondere die Rolle von Außenminister Heiko Maas und Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer wird diskutiert. Die FDP fordert gar personelle Konsequenzen. "Wir sind der Meinung, dass sowohl der Außenminister als auch die Verteidigungsministerin angesichts dieser Lage, dieser Fehleinschätzung, ihr Amt rechtzeitig zurückgeben sollten", so die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Ähnliche Töne bei der AfD. Ihr Co-Vorsitzender, Jörg Meuthen, bezeichnet Maas auf Twitter als einen "Traumtänzer". Seine Fehleinschätzungen hätten dazu geführt, dass Deutsche nun in Todesangst in Kabul säßen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. August 2021 um 12:00 Uhr.