AfD Gauland  | Bildquelle: JENS SCHLUETER/EPA-EFE/REX

AfD-Chef Gauland Der "Bürgerliche" und der Flügel

Stand: 14.09.2019 18:08 Uhr

Wohin steuert die AfD? Wie kann sie Wähler aus der Mitte gewinnen? Der Vorsitzende Gauland sucht die Gratwanderung zwischen dem gemäßigten Teil seiner Partei und dem radikal-völkischen Flügel.

Von Karin Dohr, ARD-Hauptstadtstudio

Wahlerfolge feiert man gemeinsam - und schiebt für einige Stunden alle Rivalitäten, Konflikte und Flügelkämpfe beiseite. Das ist bei allen Parteien so und bei der AfD nicht anders. Nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen jubelten Vertreter des national-völkischen Flügels und sogenannte Gemäßigte Seite an Seite. Die sonst so harsche Kritik aneinander verstummte für einen Moment. Umso bemerkenswerter ist ein Satz von Alexander Gauland, den der Parteichef seinem Publikum bei der Wahlparty in Brandenburg zurief: Man möge sich auch im Siegestaumel "vernünftig benehmen".

Vom "Übermut" bis zur "Spinnerei"

Er habe sich einfach auf das alte deutsche Sprichwort bezogen, dass Übermut selten gut tue, spielt Gauland die Äußerung am Tag danach vor Journalisten herunter. Wie so häufig belässt Gauland es bei Andeutungen und weiß doch, dass er verstanden wird: "Übermut" - das heißt in der AfD manchmal auch "Spinnerei" oder "törichte Aussage". Klingt irgendwie harmlos und steht doch in der Regel für etwas Gefährliches: allzu große Nähe zum Rechtsextremismus.

Genau in diese Ecke möchte Gauland seine AfD keinesfalls mehr gerückt sehen - schließlich ist "bürgerlich" die neue Losung, die der Parteichef ausgegeben hat. "Bürgerlich" wie in "bürgerliche Mehrheit": Das ist Gaulands Ziel. Offenbar teilt er die Analyse des gemäßigteren Teils seiner Partei: Am rechten Rand sei alles abgefischt, was man in einer Demokratie noch akzeptieren kann.

AfD Gauland | Bildquelle: AFP
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Gauland im Gespräch mit dem thüringischen Spitzenkandidaten Björn Höcke. Geht dessen Kurs auf?

Wie umgehen mit dem Flügel?

Um an die Macht zu kommen, müsse die AfD Wähler aus der Mitte gewinnen. Menschen, die wohl irritiert wären, wenn sie, wie zuletzt auf Wahlkampfveranstaltungen beobachtet, neben sich Leute von Björn Höcke als "neuer Führer" faseln hören oder sehen, wie einer die Hand zum Hitlergruß hebt - ohne dass jemand einschreitet.

Außerdem habe man zwar im Vergleich zu 2014 enorm zugelegt, doch im Vergleich zu den Bundestags- und Europawahlen habe die AfD im Osten kaum gewonnen. Im Westen Deutschlands schade der radikal-völkische Kurs des Flügels sogar. Gauland kennt diese Analysen und auch die Hoffnung eines Teils der AfD, der Parteichef möge da endlich mal einschreiten. Schließlich sei er der Einzige, auf den der Flügel noch höre.

Greift Gauland durch?

Doch ist das tatsächlich so? Lange hat Gauland die Rechts-Ganz-Außen-Vertreter der AfD als Kinderkrankheit einer jungen Bewegung verharmlost. Damit hat er auch geduldet, dass in vielen westdeutschen Landesverbänden Chaos ausbrach. Wann immer dort radikaler Flügel und sogenannte Gemäßigte aufeinandertreffen, eskaliert die Situation: Bayern, Baden-Württemberg, Saarland, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein - die Liste der betroffenen Landesverbände ist lang. Nur selten greift Gauland direkt ein - etwa, wenn Führungspersonal wie Doris von Sayn-Wittgenstein gar zu offensichtlich Grenzen überschreitet. In der AfD nennt man das dann meist nicht "rechtsradikal", sondern "unprofessionell".

Warum aber trennt sich Gauland von den einen, während er andere gewähren lässt? Andreas Kalbitz etwa, Fraktionschef in Brandenburg und Mitglied des Bundesvorstandes? Dessen mannigfaltigen "Bezüge" - wie Kalbitz es nennt - ins rechtsextreme Milieu bringen die AfD immer wieder in die Schlagzeilen. Kalbitz verfährt immer nach demselben Muster: Er gibt zu, was ihm nachgewiesen wird, spielt es herunter, distanziert sich nur soweit wie notwendig.

Andreas Kalbitz, Landesvorsitzender der AfD in Brandenburg, gestikuliert während seiner Vorstellungsrede beim Landesparteitag in Falkensee. (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
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Brandenburgs AfD-Chef Kalbitz gilt als Ziehsohn Gaulands.

Fast uneingeschränktes Vertrauen zu Kalbitz

Gauland spricht ihm fast uneingeschränktes Vertrauen aus. Ihre gemeinsame Vergangenheit mag eine Rolle spielen: Kalbitz hat für Gauland viele politische Kämpfe im Landesverband Brandenburg geführt, hat ihm Mehrheiten und Parteitage organisiert. Einen Ziehsohn Gaulands nennen ihn die einen, lange wurde er als sein Nachfolger gehandelt.

Mag sein, dass Gauland sich Kalbitz persönlich verbunden fühlt. Vor allem aber macht Kalbitz in Gaulands Augen wohl etwas richtig, was andere nicht schaffen: er verhält sich weitgehend "vernünftig" nach außen hin. In Gaulands Rede beim diesjährigen Flügel-Treffen sagte der Parteichef konkret, was er damit meint: Wenn die AfD das Land grundlegend verändern wolle, müsse man sich "auch mal auf die Lippen beißen" so Gauland wörtlich. Man kann das so übersetzen: Ihr dürft alles denken, vieles tun - solange ihr euch dabei nicht erwischen lasst, fällt das in der AfD unter Meinungsfreiheit. Redet nur nicht so darüber, dass unsere Gegner es gegen uns verwenden können.

AfD Gauland | Bildquelle: dpa
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Die Trennung von rechten Randfiguren fällt dem bisher unangefochtenen Übervater Gauland schwer.

"So bürgerlich wie ich selbst"

Kalbitz hält sich nahezu hundertprozentig an diese Regel: Rhetorisch schlägt er nur selten über die Stränge, auch aus den sozialen Medien hält er sich weitgehend fern. Zwar klingt einer von Kalbitz' Lieblingssprüchen zur AfD - "Wir wollen kein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei" - nicht gerade nach dem Ziel einer demokratischen, bürgerlichen Mehrheit. Doch Gauland lässt ihn gewähren, nennt Kalbitz gar "so bürgerlich wie ich selbst".

Vielleicht gibt es aber noch einen anderen Grund für Gaulands Verhalten: Selbst ihm, dem bisher unangefochtenen Übervater der Partei, fällt es erkennbar schwer, sich selbst von offen rechtsradikalen Randfiguren der Partei zu trennen.

Kalbitz aber ist eine zentrale Figur. Gauland braucht ihn, den Strippenzieher des Flügels, um seine AfD zusammenzuhalten. Ein Machtkampf mit Kalbitz wäre selbst für Gauland hochriskant und würde sein politisches Lebenswerk aufs Spiel zu setzen. Das würde auch erklären, warum der Parteichef es mittlerweile bei Andeutungen und leisen Mahnungen belässt.

Gauland im ARD-Sommerinterview

Das ARD-Sommerinterview mit AfD-Parteichef Gauland können Sie um 14.30 Uhr bei uns im Livestream verfolgen. Anders als die anderen Parteivorsitzenden hat Gauland die anschließende Teilnahme am interaktiven Interview "Frag selbst" abgesagt. In der ARD läuft das Sommerinterview mit ihm heute Abend um 18.30 Uhr.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 15. September 2019 um 18:30 Uhr.

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