Ein Mehrfamilienhaus des Immobilienkonzerns Vonovia in Bochum | dpa
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Immobilienkonzerne Profit nicht nur auf Kosten der Mieter

Stand: 06.07.2021 13:51 Uhr

Große Immobilienkonzerne generieren jedes Jahr vierstellige Gewinne pro vermieteter Wohnung. Das zeigt ein Sharepic eines Abgeordneten der Linkspartei. Die Zahlen sind korrekt - ihre Aussagekraft fragwürdig.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

"So viel Geld zahlen Mieter an Aktionäre!" Unter dieser Überschrift steht ein Sharepic des Linkspartei-Bundestagsabgeordneten Victor Perli. Demnach erhalten Vonovia-Aktionäre 2045 Euro Dividende pro Jahr und Wohnung, die Anteilseigner der Deutsche Wohnen 1948 Euro pro Wohnung. In ähnlicher Höhe bewegen sich die Angaben für drei weitere Immobilienunternehmen.

Tweet von Viktor Perli, der eine Grafik zeigt, wieviel Euro Mieter an Aktioänre zahlen

Perli teilte die Grafik auf Twitter.

Perli ist Mitglied im Haushaltsausschuss und umverteilungspolitischer Sprecher der Linksfraktion. Woher die Angaben stammen, teilte das Büro des Abgeordneten auf Anfrage des ARD-faktenfinder nicht mit und verwies stattdessen auf einen Artikel der "tageszeitung" sowie den Berliner Mieterverein. In einem Beitrag des Mietermagazins des Vereins sind die angegebenen Zahlen dann auch zu finden.

Richtige Zahlen...

Nach Recherchen des ARD-faktenfinder sind die Angaben zumindest in der Größenordnung korrekt, liegen inzwischen sogar um einiges höher. Die Schlussfolgerung ist jedoch nicht korrekt, denn die Konzerne generieren nur einen Teil ihrer Gewinne aus Mieten. Insbesondere in den vergangenen Jahren haben hier zwei weitere Faktoren an Bedeutung gewonnen: Der Wertzuwachs des Immobilienbestands und die Erlöse aus Verkäufen.

Darauf weist auch der Berliner Mieterverein hin, von dem die Zahlen des Sharepics stammen:

Der Gewinn des Immobilien-Giganten Deutsche Wohnen aus der Wohnungsbewirtschaftung ist - bedingt durch den Mietendeckel - von 730 Millionen auf 720 Millionen Euro zurückgegangen. Dem Dax-Konzern macht das aber nichts aus. Denn gleichzeitig verzeichnet er eine Wertsteigerung seines Immobilienbestandes um 1,9 Milliarden Euro. Der Zuwachs resultiert nur minimal aus Modernisierungsinvestitionen, sondern ganz überwiegend aus einer Steigerung des Bodenwertes. Mit Immobilienbesitz wird man ohne eigenes Zutun immer reicher.

Trotzdem folgert der Autor des Artikels:

Die Deutsche Wohnen erhöht daher die Dividendenausschüttung kräftig: Die Anteilseigner sollen 1,03 Euro je Aktie bekommen - das sind 14,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Pro Wohnung und Gewerbeeinheit schüttet der Konzern rund 2340 Euro aus. Das bedeutet, die Mieter zahlen im Durchschnitt jeden Monat mit ihrer Miete 195 Euro allein an die Aktieninhaber - etwa 40 Prozent der Miete fließt direkt in deren Taschen.

... falsche Schlüsse

Ganz so einfach, wie es der Beitrag darstellt, ist die Profitlage der Wohnungskonzerne in der Realität dann doch nicht zu erklären: So nahm die Vonovia 2020 2077,9 Millionen Euro an Mieten ein. Addiert man die Erlöse aus den vom Unternehmen ausgewiesenen Wertsteigerungen, Verkäufen, der Immobilienentwicklung und anderen Posten, so liegen diese mit 2081,8 Millionen Euro ähnlich hoch. Mit 1053,0 Millionen Euro ist der Erlös aus Wertsteigerungen (Value-add) dabei der weitaus größte ausgewiesene Posten nach den Mieten. Laut einer internen Berechnung von Vonovia stieg der Wert der Immobilien 2020 sogar um knapp 5,6 Milliarden Euro auf gut 58,9 Milliarden Euro. Dagegen gerechnet werden müssen Aufwendungen für Instandhaltung, Abschreibung und Werterhaltung.

Diese so erzielten Gewinne sind jedoch zunächst "virtuell", da sie erst realisiert werden können, wenn die Immobilie den Marktwert auch behält und zu dem angenommenen Preis verkauft wird. Allerdings wirkten sie sich positiv auf den Kurs der Aktie des Immobilienunternehmens aus, sodass die Anteilseigner direkt einen Mehrwert erhalten - und die Mieter teilweise steigende Mieten durch die Wertsteigerung der von ihnen bewohnten Immobilien befürchten müssen.

Mieter nicht nur Einkommensquelle

Dass die Mieter für die Wertsteigerung der von ihnen genutzten Immobilien verantwortlich sind, kann pauschal nicht gesagt werden: Für Immobilieneigentümer ist es teilweise sogar lukrativer, Wohnungen nicht zu vermieten und lediglich auf die Wertsteigerung zu spekulieren - was immer wieder zu Leerständen führt. Mieter wären bei solchen Spekulationen eher ein Hindernis für den schnellen Weiterverkauf.

Kurz gesagt: Dass Immobilienkonzerne Profitmaximierung betreiben, werden sie selbst nicht abstreiten. Jeder Vermieter hat ein Anrecht darauf, sein Eigentum zu verwerten. Dass aber bei börsennotierten Wohnungsunternehmen "der Mieter die Dividende zahlt", wie es der Berliner Mieterverein und der Abgeordnete Perli postulieren, kann so nicht gesagt werden.

Mit Informationen von Mark Ehren, tagesschau.de