Karl Lauterbach | Bildquelle: dpa

Lauterbach auf Twitter Aufklärung oder Panikmache?

Stand: 16.09.2020 08:11 Uhr

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ist zum gern gesehenen Talkshowgast und politischen Experten rund um die Corona-Pandemie avanciert. Doch wie zutreffend sind seine Tweets zum Thema?

Von Andrej Reisin, NDR

Als mehrfach promovierter Arzt und Gesundheitsökonom ist der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach ein ausgewiesener Fachmann für Epidemiologie und Prävention. Daher hat sein Wort in der Pandemie ein besonderes Gewicht.

Lauterbach äußert sich nicht nur in Talkshows und anderen medialen Formaten, er twittert auch zum Thema - oft mehrfach täglich. Meist postet er dabei neue Studien oder Zeitungsartikel - versehen mit einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse und seiner Interpretation. Die meisten Tweets sind fundiert und nicht zu beanstanden, doch einige sind ungenau oder lassen bestimmte Aspekte unter den Tisch fallen.

Falsche Zuschreibung von Aussagen

So twitterte Lauterbach am 12. September, dass der amerikanische Immunologe und Berater mehrerer US-Präsidenten, Dr. Anthony Fauci, davon ausgehe, dass eine "Impfung vielleicht nur zu 70 Prozent wirkt. Das kann bedeuten: 30% infizieren sich trotzdem, aber leichterer Verlauf. Oder 30% trotz Impfung auch schwerer Verlauf."

Dazu verlinkte Lauterbach einen Artikel der "New York Times", die wiederum auf ein Instagram-Live-Interview mit Fauci zurückgriff, dass die Schauspielerin Jennifer Garner geführt hatte.

Das Problem: Weder in dem NYT-Artikel noch in dem Interview selbst findet sich eine entsprechende Aussage Faucis. Die umfassendste Aussage zur Effektivität eines möglichen Impfstoffs, die Fauci getätigt hat - und mit der er in vielen US-Medien zitiert wurde, stammt aus einem Webinar der Brown University vom 7. August. Dort sagte er:

Ein zugelassener Impfstoff gegen das neue Coronavirus könnte nur zu 50 bis 60 Prozent effektiv sein. Wir wissen noch nicht, wie hoch die Effektivität sein wird. Ich würde mir wünschen, es wären 75 Prozent oder mehr, aber die Chancen auf 98 Prozent sind nicht groß. Das bedeutet, man wird weiterhin Maßnahmen brauchen, um die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt zu schützen.

Ungenaue Wiedergabe von Ergebnissen

Ebenfalls am 12. September twitterte Lauterbach über eine Studie zum Risiko von Restaurantbesuchen im Hinblick auf die Infektionsgefahr. In seinem Tweet behauptete er: "Restaurantbesuche und Cafébesuche" würden "das Risiko einer Corona-Infektion mehr als verdoppeln. Beides gehörte leider zu den wichtigsten Risikofaktoren. Sogar Terrassenbesuche erhöhten Risiko", so Lauterbach.

Doch die Studie, die er verlinkt, erhob gar nicht den Unterschied zwischen Innen- und Außenplätzen in Bars und Restaurants. Dort heißt es: "Bei den Fragen wurde nicht zwischen Restaurants mit Innen- und Außenbereichen unterschieden." Ob "sogar Terrassenbesuche" das Risiko erhöhen, kann damit nicht festgestellt werden - die Autorinnen und Autoren der Studie weisen sogar extra darauf hin.

Auch weitere Einschränkungen passen nicht zu Lauterbachs pauschaler Aussage. So wurden im Rahmen der Studie lediglich die Antworten von 314 Personen ausgewertet, die mit Symptomen auf SARS-CoV-2 getestet wurden. 154 davon waren positiv, 160 negativ getestet worden. Bei diesen beiden Vergleichsgruppen stellte sich heraus, dass die positiv Getesteten doppelt so häufig angaben, in Bars oder Restaurants gewesen zu sein. Doch 65 der 154 gaben an, vor ihrer Infektion einen engen Kontakt zu einer positiv getesteten Person gehabt zu haben, die meisten zu Familienangehörigen. Ob sie sich im Restaurant ansteckten oder das Virus dorthin mitbrachten, konnte die Studie im Nachhinein nicht ermitteln.

Wie die Autorinnen und Autoren selbst schreiben, ist zudem unklar, in welcher statistischen Relation die Studiengruppe zu Café- oder Restaurantbesuchern steht, die keine Symptome zeigten und nicht getestet wurden. Was man sagen kann: Bar- und Restaurantbesuche erhöhen laut einer Studie mit einer kleinen Stichprobe symptomatischer Personen das Risiko für eine Covid-19-Infektion. Über die Unterscheidung von Indoor- oder Terrassenbesuchen kann keine Aussage getroffen werden.

Auslassungen verändern Aussage

Ein Beispiel für selektives Zitieren ist ein Tweet vom 16. August: Darin behauptete Lauterbach, "dass auch relativ milde Fälle in 60% 3 Monate nach Covid erheblich mit Symptomen kämpfen. Es ist wichtig, dass dies auch diejenigen erfahren, die jetzt durch rücksichtsloses Verhalten ihre und Gesundheit Anderer riskieren."

Doch die "milden Fälle", die die Studie untersucht, wurden stationär im Krankenhaus behandelt. Die Studie widmet sich nämlich der Nachkontrolle von hospitalisierten Personen.

Zwar können "milde" Krankenhausverläufe ohne künstliche Beatmung mit Verläufen verglichen werden, bei denen sich Patientinnen und Patienten Zuhause selbst versorgen. Aber im allgemeinen Verständnis sind "milde Fälle" Menschen mit wenig oder gar keinen Symptomen - und nicht solche, die immerhin so stark betroffen sind, dass sie im Krankenhaus landen. Trotz Hinweisen in den Kommentaren unter seinem Tweet erwähnte Lauterbach diesen Umstand auch im Nachhinein nicht.

Lauterbach korrigiert sich nur selten

Obwohl Lauterbach auch von prominenten Twitter-Nutzern, wie dem Virologen Hendrik Streeck, darauf hingewiesen wurde, dass er mit seinen Behauptungen daneben oder nicht ganz richtig liegt, korrigiert er sich eher selten.

Ebenso wenig postet er in der Regel Korrekturen zu von ihm verbreiteten Studien, wenn sich diese im Laufe des wissenschaftlichen Peer-Review-Prozesses als mangelhaft erweisen. Insgesamt tendiert Lauterbach dazu, die Gefahren von Covid-19 äußerst schwer einzuschätzen. Und manchmal schießen seine Interpretationen dabei über wissenschaftlich belastbare Aussagen hinaus.

Nach der Veröffentlichung bedankte sich Karl Lauterbach bei der Redaktion für die konstruktive Kritik. Es sei schwer, auf Twitter immer den richtigen Ton zu treffen, so dass die Menschen einerseits die Botschaft verstünden, andererseits aber die Wissenschaftlichkeit gewahrt bleibe. Er wolle sich in Zukunft noch mehr darum bemühen.

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Andrej Reisin, NDR Logo NDR

Andrej Reisin, NDR

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