Ein Polizist steht in Hmaburg vor einem Schild mit einem Hinweis auf die Maskenpflicht. | dpa
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Scheinbarer Widerspruch Mehr Neuinfektionen - geringere Inzidenz?

Stand: 16.04.2021 16:35 Uhr

Es kommt vor, dass die gemeldete Sieben-Tage-Inzidenz sinkt, obwohl die Zahl der Neuinfektionen an dem Tag gestiegen ist. Der Effekt lässt sich mathematisch erklären - und ist auch gewollt.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

Sie ist derzeit die wohl wichtigste Orientierungszahl für Entscheidungen zur Corona-Pandemie: die Sieben-Tage-Inzidenz. Um sie zu ermitteln, werden alle per PCR-Test bestätigten und gemeldeten Neuinfektionen der zurückliegenden sieben Tage addiert, durch die Einwohnerzahl der untersuchten Region dividiert und mit 100.000 multipliziert. Heraus kommt die Zahl der Fälle pro 100.000 Einwohner.

Wulf Rohwedder

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist leicht zu berechnen und für jeden nachvollziehbar. Sie gleicht zu einem gewissen Grad Sondereffekte aus, die zum Beispiel durch Wochenende und Feiertage entstehen, an denen deutlich weniger Meldungen erfolgen.

Unterschiedliche Datengrundlagen und rechtliche Erwägungen

Allerdings werden die beiden grundlegegenden Datenreihen, die Sieben-Tage-Summen sowie die aktuellen Zahlen der Neuinfektionen, nicht ganz "synchron" ermittelt: Die täglich gemeldete Zahl der Infektionen basiert auf den aus den Gesundheitsämtern fortlaufend an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelten Daten und wird fortlaufend aktualisiert.

Bei den Sieben-Tage-Fallzahlen und -Inzidenzen der Vortage werden ausschließlich die Fälle mit einbezogen, die an dem jeweiligen Tag gemeldet wurden, nicht jedoch Nachmeldungen. Das RKI spricht hier von für den Berichtstag "eingefrorenen" Werten.

Daher ist die der Sieben-Tage-Inzidenz zugrunde liegende Zahl grundsätzlich zu niedrig. So kann es sein, dass an einem Montag, an dem die gemeldete Fallzahl grundsätzlich deutlich höher als an einem Sonntag ist und an dem eher mehr Nachmeldungen zu erwarten sind, die Sieben-Tage-Inzidenz trotzdem fallen kann - was manchen irritieren mag.

Die Ungenauigkeit ist nicht zuletzt der Rechtssicherheit geschuldet: Da die Werte für das In- und Außerkrafttreten der "Bundesnotbremse" maßgeblich sind, sollen sie keinen Schwankungen und nachträglichen Korrekturen unterliegen.

Aussagekraft wird angezweifelt

Die Sieben-Tage-Inzidenz hat weitere Nachteile: So wird zum Beispiel die Vergleichbarkeit der Werte durch Änderungen im Testverhalten reduziert, wie es zum Beispiel nach der massenhaften Einführung der Schnelltests der Fall war. Dies führte dazu, dass mehr PCR-Tests bei wahrscheinlich Erkrankten durchgeführt wurden.

Zudem werde der Effekt, den Impfungen auf Schwere und Ausbruch der Covid-19-Erkrankungen haben, nicht berücksichtigt - wie der Epidemiologe Gérard Krause im Interview mit tagesschau.de kritisiert. Er schlägt daher vor, die Anzahl der intensivmedizinischen Neuaufnahmen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner als Orientierungswert zu nutzen, da die Sieben-Tage-Inzidenz das Infektionsgeschehen nicht mehr korrekt wiedergebe.

Dem widerspricht der Virologe Christian Drosten: Er meint, dass durch die Schnelltests zwar nicht mehr, aber zielgerechter getestet werde. Die Covid-19-bedingten intensivmedizinischen Neuaufnahmen würden den aktuellen Verlauf zudem mit einer deutlichen Zeitversetzung anzeigen und somit derzeit noch keine bessere Entscheidungsgrundlage zum Verlauf der Pandemie bieten. Der von Krause angesprochene Effekt werde sich seiner Meinung erst in ein paar Monaten bemerkbar machen.