Blutabnahme | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Testen für die Rückkehr zur Normalität

Stand: 07.04.2020 15:44 Uhr

Wie viele Menschen haben sich mit dem Coronavirus angesteckt, ohne es zu merken? Weltweit suchen Forscher nach einer Antwort auf diese Frage. Sie wäre entscheidend für eine Rückkehr zur Normalität.

 Von Christian Baars, NDR

Seit Anfang dieser Woche sind Forscherteams in München unterwegs. Sie bitten Freiwillige, ihnen eine Blutprobe abnehmen zu dürfen. Das Blut soll dann auf Antikörper gegen das Coronavirus untersucht werden. Diese fangen an, sich etwa ein bis zwei Wochen nach der Infektion zu bilden. Insgesamt 3000 zufällig ausgewählte Haushalte wollen die Wissenschaftler des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität in München in die Untersuchung einbeziehen. Sie wollen vor allem herausfinden, wie viele Menschen möglicherweise bereits mit dem Virus infiziert worden sind, ohne es zu bemerken.

Dunkelziffer kaum schätzbar

Es geht also darum, die Dunkelziffer abschätzen zu können: Sind tatsächlich schon doppelt so viele Menschen mit dem Virus in Kontakt gekommen, als offiziell registriert? Oder sind es zehn-oder gar 20-mal so viele? "Das sind die Antworten, die wir brauchen", sagte Michael Ryan von der Weltgesundheitsorganisation auf einer Pressekonferenz vor einigen Tagen. Denn dies zu wissen, würde enorm helfen, um einschätzen zu können, wie gefährlich das Virus tatsächlich ist - und welche Maßnahmen zur Eindämmung möglicherweise gelockert werden können.

"Eine repräsentative und randomisierte Testung der Bevölkerung" sei dringend notwendig, teilte auch die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, in einer Stellungnahme mit. Solche Tests seien "Voraussetzung für eine realistische Abschätzung der epidemiologischen Situation" - also um beispielsweise abschätzen zu können, wie viele der Infizierten schwer erkranken oder gar intensivmedizinisch behandelt werden müssen. "Die Daten bilden auch die Grundlage für verlässliche Berechnungen der Wirkung verschiedener Maßnahmen", so die Leopoldina.

Hoffnung auf 100.000 Freiwillige

Kanzleramtsminister Helge Braun kündigte vergangene Woche an, möglichst bald "eine große Serie von Menschen, die glauben, sie hätten nie etwas mit Corona zu tun gehabt", auf freiwilliger Basis zu testen. Eine Studie, bei der 100.000 Menschen untersucht werden sollen, wird derzeit vorbereitet.

In mehreren Orten in Deutschland und in einer Reihe von weiteren Ländern haben Forscher bereits kleinere Studien gestartet. Die WHO hat ein Studienprotokoll aufgesetzt, an dem sich die Wissenschaftler orientieren können. "Das Schöne ist, wenn die meisten Forscher auf der Welt dieses Protokoll benutzen, gibt es am Ende eine Vergleichbarkeit zwischen den Ländern", sagt Professor Hendrick Streeck von der Universitätsklinik Bonn.

Verschiedene Erhebungen zusammenführen

Man könne am Ende die Daten auch in eine große Studie zusammenziehen, so Streeck. Er und sein Team führen aktuell ebenfalls eine Untersuchung zum Vorkommen des Virus durch - und zwar rund um den ersten großen Ausbruchsherd in Deutschland, im Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen.

Nahezu leere Straße in Gangelt im Kreis Heinsberg, NRW | Bildquelle: AFP
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Im Landkreis Heinsberg führt die Universität Bonn schwerpunktmäßig Tests durch.

Die Bonner Wissenschaftler wollen dort insgesamt mindestens 300 Haushalte aufsuchen. Sie testen dann die Menschen mit verschiedenen Verfahren, ob sie sich möglichweise gerade angesteckt haben oder eine Infektion eventuell schon hinter sich haben. "Wir wissen natürlich sehr gut, wer auf der Intensivstation ist und wer im Krankenhaus ist oder wer vielleicht an Covid-19 verstorben ist", sagt Streeck. "Was wir nicht wissen: Wie viele im Moment rumlaufen und das Gefühl haben, sie haben eine Allergie, aber in echt haben sie vielleicht eine Covid-19-Erkrankung."

Interessant ist aus seiner Sicht auch der Vergleich zwischen Heinsberg, wo auf die Zahl der Einwohner berechnet bereits recht viele Infektionen aufgetreten sind, und beispielsweise München. "Je mehr solche Studien wir haben, desto besser", sagt Streeck.

Blutspenden ebenfalls ausgewertet

Zusätzlich zu solchen repräsentativen Testungen in Hunderten oder Tausenden Haushalten untersuchen Wissenschaftler in einigen Ländern bereits vorhandenes Blut - nämlich von Blutspendern. In Kopenhagen fanden Wissenschaftler in 27 von 1000 Blutproben Antikörper - ein möglicher Hinweis darauf, dass vielleicht schon mehr Menschen mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert worden sind, als sich in der Statistik wiederfinden. In einer anderen Region Dänemarks waren allerdings alle 244 Proben negativ.

Blutkonserven in einem Kühlraum des Roten Kreuzes
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Blutspenden sind für Tests gut zugänglich - aber leider nicht repräsentativ.

Grundsätzlich besteht laut Streeck das Problem bei solchen Untersuchungen, dass Blutspender nicht repräsentativ sind für die gesamte Bevölkerung. Dies seien ja nur "junge und fitte" Menschen. Er selbst hofft darauf, schon bald erste Resultate seiner Untersuchung vorlegen zu können. Wann dies der Fall sein werde, könne er aber derzeit nicht genau sagen.

Regelmäßige Wiederholungen geplant

In München rechnen die Forscher damit, in sechs bis acht Wochen erste Ergebnisse zu haben. In der ersten Testrunde erwarten die Mediziner nicht, viele Menschen mit Antikörpern zu finden. Die Tests sollen aber im Laufe des kommenden Jahres regelmäßig wiederholt werden. "Das Besondere in München ist, dass wir dieselben Menschen immer und immer wieder besuchen werden", sagt Professor Michael Hölscher, der die Studie leitet. So lasse sich sehr genau der fortschreitende Verlauf der sogenannten Durchseuchung verfolgen.

Hölscher warnte allerdings davor, bei einem Nachweis von Antikörpern auch von einer Immunität auszugehen. Er sei kein Beweis, dass der Betroffene nun nicht mehr an Covid-19 erkranken könne. "Der Antikörpernachweis bedeutet: Der Mensch hat eine Immunreaktion auf den Erreger gehabt. Wir wissen aber noch nicht, ob er damit sicher gegen eine Neuinfektion geschützt ist."

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