Mitarbeiter von index.hu | Bildquelle: REUTERS

Ungarische Medien unter Druck "Sie wollen uns sprengen"

Stand: 24.07.2020 16:36 Uhr

"Index" ist die größte Nachrichtenseite und gilt als eines der letzten unabhängigen Medien Ungarns. Doch der Einfluss aus dem Regierungsumfeld wächst. Der Chefredakteur wurde entlassen - Dutzende Mitarbeiter kündigten.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Unabhängig, regierungskritisch, reichweitenstark - es gibt nicht mehr viele Medien in Ungarn, auf die diese Attribute zutreffen. Das Onlineportal "index.hu" gehört dazu. In einem Imagevideo erzählen Mitarbeiter des Portals, wie sie ihre Arbeit verstehen:

"'Index' bedeutet für mich auch Freiheit. Und das stört einige. So lange das so ist, denke ich, dass es gut ist, was wir machen und ich kann mit meinen Kindern guten Gewissens in die Augen schauen."

Doch diese Unabhängigkeit sei in Gefahr, warnen Indexmitarbeiter schon seit Wochen. Mitte Juni war bekannt geworden, dass der Unternehmer Miklos Vaszily 50 Prozent der Anteile einer externen Firma gekauft hat, die das Anzeigengeschäft von "Index" abwickelt und damit großen Einfluss auf die Finanzen des Portals hat.

Vaszily steht der Regierungspartei Fidesz und Ministerpräsident Viktor Orban nahe. Und tatsächlich kam es nach Vaszilys Einstig zu einigen personellen Veränderungen - zum Beispiel im Vorstand der Stiftung MFA, die formal als Eigentümerin des Portals fungiert.

Chefredakteur entlassen

Außerdem wurden Pläne bekannt, das Portal umzustrukturieren. Erste Schritte in Richtung einer regierungsfreundlichen Neuausrichtung des Portals, fürchtete die Redaktion. Chefredakteur Szabolcs Dull wehrte sich dagegen und ging an die Öffentlichkeit. Unter anderem ließ er das so genannte Unabhängigkeits-Barometer, das seit zwei Jahren auf der Seite zu sehen ist, von "unabhängig" auf "gefährdet" umstellen.

Szabolcs Dull | Bildquelle: REUTERS
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Der bisherige Chefredakteur Dull verlässt das Redaktionsgebäude, nachdem er entalssen wurde.

Eine der letzten Amtshandlungen Dulls als Chefredakteur, denn er wurde inzwischen gefeuert. Sein Verhalten sei geschäftsschädigend gewesen begründete Aufsichtsratschef László Bodolai die Entscheidung der Stiftung MFA. Dull interpretiert das anders. In seiner Abschiedsrede an die Redaktion, die ungarischen Medien zugespielt wurde, sagte er:

"Meine Botschaft bleibt: 'Index' ist eine starke Burg. Sie wollen sie nun sprengen. Das ist jetzt völlig klar. Mein Gespräch mit Bolodai und seinem Anwalt war zwar privat. Aber wir wissen alle, dass meine Entlassung keine eigene Erfindung von Bolodai ist. Aber ihr habt jetzt eine Verantwortung, dass veröffentlicht wird, was hier passierte. Deswegen sage ich: Solang ihr hier seid, gibt es 'Index'."

Rund 50 Mitarbeiter kündigen

Auch die Redaktion wehrt sich gegen die Entlassung ihres Chefs. Sie sei inakzeptabel, heißt es in einem Statement, das fast 100 Mitarbeiter unterschrieben haben. Zwei Bedingungen habe die Redaktion für die Unabhängigkeit von "Index" genannt, heißt es in dem Schreiben: keinen äußeren Einfluss auf die Inhalte und keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Redaktion. Die Entlassung Dulls verletze offensichtlich die zweite Bedingung.

Wer Dull nachfolgen soll, ist noch unklar. "Wir haben eine Bitte an László Bodolai", sagte Veronika Munk, die stellvertetende Chefredakteurin. "Dull soll wieder als Chefredakteur eingesetzt werden. Dann könnten wir als freie, unabhängige Journalisten unserer Arbeit nachgehen."

Doch diese Bitte wurde nicht erfüllt. Munk und 50 weitere "Index"-Mitarbeiter haben inzwischen gekündigt. Sie sagen, dass sie bei "index.hu" keine Bedingungen für unabhängigen Journalismus mehr sehen.

Kritische Journalisten werden ausgetauscht

Die Sorge kommt nicht von ungefähr. Die Entwicklungen der vergangenen Wochen folgen einem bekannten Muster: Unabhängige Medien werden von Geschäftsleuten ganz oder teilweise aufgekauft und umstrukturiert - angeblich aus wirtschaftlichen Gründen. Kritische Journalisten werden dann ausgetauscht und das Medium auf Regierungslinie gebracht. So oder so ähnlich war es beim Onlineportal "origo.hu" oder der Traditionszeitug "Népszabadság", die nach einem Eigentümerwechsel sogar komplett stillgelegt worden ist.

Laut unabhängigen Studien stehen mittlerweile fast 80 Prozent des ungarischen Nachrichtenmarkts mehr oder weniger direkt unter Regierungseinfluss. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender wurden in der staatlichen Medienholding MTVA zentralisiert, rund 470 Medienunternehmen in einer Holding zusammengefasst, die ihre Berichterstattung zentral koordiniert. So ist auch zu erklären, dass sich Ungarn seit 2010 im Ranking der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen von Platz 23 auf aktuell 89 von 180 verschlechtert hat.

Kritik daran lässt die ungarische Regierung nicht gelten. Nach der Schließung der Zeitung "Népszabadság" sorgte Ministerpräsident Viktor Orban im Europaparlament unfreiwillig für Gelächter, indem er sagte: "Wir würden uns niemals verzeihen, wenn wir diejenigen mundtot machen würden, die mit uns nicht einverstanden sind."

„Sie wollen uns sprengen“ – Index.hu in Ungarn unter Druck
Srdjan Govedarica, ARD Wien
24.07.2020 15:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juli 2020 um 16:30 Uhr.

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