Wolodymyr Selenskyj spricht per Videoschalte vor dem Parlament in Dublin. | via REUTERS

Selenskyj zum Ukraine-Krieg "Russland nutzt Hunger als Waffe"

Stand: 06.04.2022 17:46 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat Russland vorgeworfen, gezielt die Lebensmittelversorgung zu attackieren - mit Folgen auch für andere Länder. In der Ukraine wächst die Sorge vor einer Offensive im Osten und Süden des Landes.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat erneut die Art der russischen Kriegsführung aufs Schärfste kritisiert - und zielte dabei nicht nur auf militärische Angriffe mithilfe von Raketen und Beschuss ab.

In einer Rede, die per Videostream in das irische Parlament übertragen wurde, warf Selenskyj Russland vor, Hunger gezielt als Waffe zu nutzen. Die russischen Truppen griffen Lebensmittellager an und versuchten, die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu unterbinden. Hinzu kämen die Blockaden von Seehäfen, wodurch nicht nur die Belieferung mit Hilfsgütern und Nahrungsmitteln verhindert werde, sondern auch der Export von Gütern aus der Ukraine.

Russland zerstöre gezielt die Lebensgrundlage der Bevölkerung, betonte Selenskyj:

Warum tun sie das? Weil sie Hunger als Waffe gegen uns, gegen einfache Menschen als Instrument der Unterdrückung einsetzen.

Dieses Vorgehen wirke sich nicht nur auf die Ukraine aus. Preise in anderen Ländern würden steigen. Zudem drohe eine internationale Hungerkrise. Die Ukraine ist ein wichtiger Exporteur gerade von Weizen. Der Einbruch der Warenausfuhren aus der Ukraine, aber sanktionsbedingt auch aus Russland verschärft vor allem in afrikanischen Ländern bereits jetzt die Versorgungslage.

Bevölkerung soll Ostukraine verlassen

Noch bei der letzten Verhandlungsrunde zwischen ukrainischen und russischen Vertretern im türkischen Istanbul hatte Russland in Aussicht gestellt, seine militärischen Aktivitäten zu reduzieren. Tatsächlich befinden sich Kiew und mehrere Vororte wieder unter ukrainischer Kontrolle. Zu diesen Orten zählt auch Butscha - die Bilder von getöteten Zivilisten und Hinweise auf Folter hatten weltweit Entsetzen ausgelöst. Mehrere Länder, darunter auch Deutschland, wollen Beweise für mögliche Kriegsverbrechen Russlands zusammentragen.

Nun wird befürchtet, dass sich die Kämpfe verstärkt auf den Süden der Ukraine mit der wichtigen Handelsstadt Odessa am Schwarzen Meer und den Osten des Landes konzentrieren werden. Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg mutmaßte zuletzt, die russischen Streitkräfte sollten nach ihrem Rückzug aus dem Norden der Ukraine verstärkt und neu bewaffnet werden, um den gesamten Donbass im Osten einzunehmen und eine Landbrücke zur bereits besetzten ukrainischen Halbinsel Krim zu schaffen.

Die ukrainische Regierung rief die Bevölkerung der Ostukraine daher auf, sich in Sicherheit zu bringen. Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk teilte auf Telegram mit, dass die Regionalbehörden der Bevölkerung rieten, "diese Gebiete zu verlassen". Es werde alles getan, damit Evakuierungen "organisiert ablaufen" könnten. Dies müsse sofort geschehen, andernfalls riskierten die Menschen zu sterben.

Neue Angriffe auf Charkiw und Mariupol

In der Nacht soll unter anderem die ostukrainische Stadt Charkiw erneut Ziel russischer Angriffe geworden sein. Der Gouverneur des gleichnamigen Gebiets, Oleh Synjehubow, sprach von 27 Attacken mit unterschiedlichen Waffen auf das Stadtgebiet. Charkiw als zweitgrößte Stadt der Ukraine steht seit Kriegsausbruch am 24. Februar fast ununterbrochen unter Beschuss.

Auch in der Hafenstadt Mariupol im Südosten der Ukraine dauern die Kämpfe weiter an, wie das britische Verteidigungsministerium mitteilte. Noch immer sollen sich in der Stadt bis zu 160.000 Zivilisten aufhalten, die dort unter katastrophalen Bedingungen ausharren. Zuletzt konnten etwa 500 Einwohnerinnen und Einwohner aus Mariupol ins rund 200 Kilometer entfernte Saporischschja fliehen, wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz mitteilte. Den Menschen sei die Flucht per Bus oder in privaten Fahrzeugen gelungen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russland kritisiert "zähflüssige" Verhandlungen

Russland bestreitet, im Krieg gegen die Ukraine Angriffe auf Zivilisten zu verüben. Auch die Verantwortung für die Gräueltaten in Butscha weist die russische Regierung zurück. Außenminister Sergej Lawrow sprach von "Inszenierungen" der Ukraine - eine Formulierung, die Kremlsprecher Dmitri Peskow erneut aufgriff. Und er warnte, dass "all diese Inszenierungen" ein Scheitern der Verhandlungen mit der Ukraine zur Folge haben könnten. Schon jetzt verliefen die Gespräche "viel zähflüssiger" als von Moskau erhofft. "Ich kann nur sagen, dass der Arbeitsprozess weitergeht. Es liegt aber noch ein ziemlich langer Weg vor uns", sagte Peskow und drängte auf "mehr Dynamik von der ukrainischen Seite".

Auf der Suche nach einem möglichen Kompromiss, um den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, bringt sich nach der Türkei nun auch Ungarn als möglicher Verhandlungspartner ein. Staatschef Viktor Orban gab an, er habe Russlands Präsident Wladimir Putin per Telefon vorgeschlagen, dass in Ungarn weitere Gespräche stattfinden sollen. An diesen könnten dann auch der ukrainische Präsident Selenskyj sowie Bundeskanzler Olaf Scholz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron teilnehmen. Putin habe auf den Vorschlag positiv reagiert, aber auch Bedingungen gestellt, hieß es von Orban weiter. Welche Bedingungen das wären, ließ er offen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. April 2022 um 16:35 Uhr.