Zwei Polizisten stehen vor dem Gefängnis Sincan nahe Ankara, im Hintergrund stehen Insassen Schlange, die sich noch am selben Tag vor Gericht wegen des gescheiterten Putschs 2016 verantworten sollen. | AFP

Prozess um Putsch in der Türkei Gericht verhängt 337 lebenslange Haftstrafen

Stand: 26.11.2020 17:16 Uhr

2016 scheiterte ein Militärputsch in der Türkei - nun fielen gegen Hunderte Angeklagte die Urteile. 337 Mal entschieden die Richter auf lebenslange Haft, teils unter verschärften Bedingungen.

Mehr als vier Jahre nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei hat ein Gericht in der Hauptstadt Ankara Hunderte Beschuldigte zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Insgesamt mussten sich in dem jahrelangen Verfahren 475 Angeklagte verantworten.

337 Angeklagte müssen lebenslang ins Gefängnis. Sie wurden unter anderem wegen des Vorwurfs eines Umsturzversuchs, eines Attentats auf den Präsidenten und wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt. Teilweise sprachen die Richter Strafen bis zu 79-facher lebenslänglicher Haft unter verschärften Bedingungen aus. Diese verschärften lebenslänglichen Freiheitsstrafen wurden in der Türkei 2004 eingeführt und hatten die Todesstrafe ersetzt.

60 weitere Beschuldigte erhielten ebenfalls Gefängnisstrafen, 75 Angeklagte wurden freigesprochen. Der Prozess hatte Anfang August 2017 begonnen.

Zu den Verurteilten zählen hochrangige Militärs, Piloten, aber auch Zivilisten, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. 2016 seien sie alle rund um den Luftwaffenstützpunkt Akinci am Putschversuch beteiligt gewesen.

250 Tote, mehr als 2000 Verletzte

Am Abend des 15. Juli 2016 hatten Militärangehörige den damaligen Generalstabschef und heutigen Verteidigungsminister Hulusi Akar in Akinci sowie weitere Kommandeure festgesetzt, während F-16-Kampfflugzeuge das Parlament und Regierungsgebäude bombardierten. Sowohl in Ankara als auch in Istanbul kam es in der Nacht zu Gefechten. Die Putschisten setzten Panzer ein und feuerten auch auf Zivilisten. Rund 250 Menschen wurden nach Angaben der türkischen Behörden getötet. Hinzu kämen mehr als 2000 Verletzte.

Der Putschversuch scheiterte jedoch, als sich Zehntausende Menschen auf den Straßen den Putschisten entgegenstellten. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte zu dem Widerstand der Bevölkerung gegen den Umsturz aufgerufen.

300.000 Menschen festgenommen

Die türkische Regierung macht die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich. Dieser lebt seit 1999 im US-Exil und bestreitet die Vorwürfe. Die Türkei fordert bis jetzt vergeblich seine Auslieferung. Gülen ist ebenfalls angeklagt, sein Verfahren wurde abgetrennt.

Im Zuge der Putschnacht gibt es zig Verfahren in der Türkei. Knapp 300.000 Menschen wurden wegen Kontakten zur Gülen-Bewegung nach Angaben des türkischen Innenministers Süleyman Soylu festgenommen. Rund 2500 Mal fiel das Urteil lebenslang.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. November 2020 um 13:05 Uhr.