Blick zwischen begrünten Zweigen auf den Gedenkfriedhof in Potocari bei Srebrenica.  | dpa

Gedenken an Srebrenica-Massaker Begräbnis nach 25 Jahren

Stand: 11.07.2020 07:42 Uhr

Vor 25 Jahren wurden in Srebrenica mehr als 8300 bosniakische Jungen und Männer ermordet. Neun von ihnen, die erst jetzt identifiziert werden konnten, werden heute beigesetzt.

Von Anna Feininger, ARD-Studio Wien

Vor dem heutigen Gedenken an den Völkermord vor 25 Jahren fahren blumengeschmückte Busse durch Sarajevo. Wer sie auf ihrem Weg zum Friedhof nach Potocari nahe Srebrenica sieht, hält inne. Was denken die Menschen, die wissen, dass Särge in den Bussen sind? Eine Frau drückt es so aus:

Ich denke daran, was diese Menschen durchmachen mussten. Allah soll sich erbarmen und ihnen das Paradies schenken. Ich bitte die Welt, wenn sie das sieht, dass sich so etwas nie wiederholt. Alle sollen nach Srebrenica gehen, alle Menschen - um diese Last, dieses Leid zu fühlen.

In den Bussen sind Überreste von neun weiteren Ermordeten, die endlich gefunden und identifiziert wurden. Ihre Familien mussten 25 Jahre lang darauf warten, ihre Söhne, Ehemänner und Väter begraben zu können.

Sarajevo: Autos mit Blumen und der bosnischen Flagge fahren bei einem Trauerzug zum Gedenken an die Opfer, die bei dem Massaker in Srenenica vor 25 Jahren ums Leben gekommen sind.  | dpa

Der Trauerzug in Sarajevo - mit Opfern, die erst jetzt identifiziert werden konnten. Bild: dpa

"Ich habe 70 Prozent meiner Familie verloren"

Allein sind sie nicht: Auch wenn das Gedenken Corona-bedingt in diesem Jahr kleiner ausfällt, kommen Menschen am 11. Juli nach Srebrenica-Potocari. Gäste, die ihren Respekt zollen wollen, aber auch Familien mit ähnlichem Schicksal. Sie kennen das Leid der Angehörigen, weil auch sie es spüren - wie etwa Damir:

Ich habe selber Srebrenica überlebt, damals war ich Zwölf. Ich habe mehr als 70 Prozent meiner Familie verloren: Meinen Vater, meine Onkel mütterlicher- und väterlicherseits, Opas.

In Massengräbern verscharrt

11. Juli 1995. Während des Bosnienkrieges kommt es in und um Srebrenica zum schlimmsten europäischen Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg. Srebrenica liegt im Osten von Bosnien-Herzegowina und ist damals eine UN-Schutzzone. Zehntausende muslimischen Bosnier fanden hier Zuflucht. Bosnisch-Serbische Verbände unter der Führung von Ratko Mladic nehmen die Stadt ein.

In den folgenden Tagen misshandeln sie die Menschen, vergewaltigen Frauen - und ermorden mehr als 8300 der bosniakischen Jungen und Männer. Einer von ihnen ist gerade mal 13 Jahre alt, das jüngste Todesopfer ein Mädchen im Säuglingsalter. Ihre Leichen verscharren die Soldaten in Massengräbern. Bis heute wissen viele Familien nicht, wo ihre ermordeten Angehörigen sind.

Bahrudin Salkovic, der seinen Vater bei dem Massaker verloren hat, vor einem neu ausgehobenen Grad auf dem Gedenkfriedhof.  | REUTERS

Bahrudin Salkovic, der seinen Vater bei dem Massaker verloren hat, vor einem neu ausgehobenen Grad auf dem Gedenkfriedhof. Bild: REUTERS

Viele Serben lehnen Einstufung als Völkermord ab

Das Internationale Jugoslawien-Tribunal in Den Haag bewertete das Massaker von Srebrenica als Völkermord. Doch viele Menschen auf serbischer Seite lehnen dies ab: Verbrechen ja, Völkermord nein. Und sie stören so die Aufarbeitung und die Trauer, sagt Emir Suljagic, Leiter der Gedenkstätte von Srebrenica-Potocari:

Wenn du jemandes Familie tötest und dann ihr Haus niederbrennst, bleibt nur noch die Erinnerung übrig. Und Verleugnung ist ein Angriff auf die Erinnerung von dem, was passiert ist.

Geplant waren in diesem Jahr mehr als neun Bestattungen, dann kam Corona. Viele Familien können deswegen nicht nach Srebrenica reisen. Die Veranstaltung zum Gedenken an den Völkermord beginnt am späten Vormittag. Im Anschluss werden die Überreste der neun Opfer auf dem Friedhof von Potocari bestattet - unter Corona-bedingten Einschränkungen: Sowohl zur Gedenkveranstaltung als auch auf den Friedhof dürfen in diesem Jahr weit weniger Besucher kommen als sonst.

Hinweis: In einer früheren Version des Berichts hieß es, das jüngste Opfer der Morde in Srebrenica sei ein 13-jähriger Junge gewesen, nicht ein Mädchen im Säuglingsalter. Unsere Korrespondentin hat uns auf Ihren Fehler aufmerksam gemacht.

Dieser Beitrag lief am 11. Juli 2020 um 09:03 Uhr auf B5 aktuell.