Marokkanische Erntehelferinnen bei der Erdbeerernte in Cartaya, Archivbild. | Julian Perez/EPA-EFE/Shutterstoc

Harte Arbeitsbedingungen "Bittere" Erdbeeren aus Spanien

Stand: 10.06.2021 10:56 Uhr

Von dem Preis, der in Deutschland für Erdbeeren aus Spanien bezahlt wird, bekommen die Saisonkräfte vor Ort nur einen Bruchteil. Die Erdbeerbauern sagen: Die Supermärkte drücken den Preis.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Erdbeeren so weit das Auge reicht und ein intensiver Duft, der so kräftig ist, dass er schon fast unangenehm wird. Auf dem Weg zwischen den Feldern parkt ein kleiner Kühl-Lkw. Zwischen den grünen Beeten stehen zwei Dutzend von gut 100.000 Saisonarbeitern, die während der Saison die knallroten Früchte pfücken.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

"In Marokko ist es schwierig", sagt die alleinerziehende Mutter Fatima. Als Erntehelferin bekommt die Marokkanerin in ihrer Heimat umgerechnet nur sechseinhalb Euro pro Tag - in Spanien über 40.

Fatima hat das verabredete Interview vor Ort am Morgen abgesagt. Die Fragen beantwortet sie per Voicemail. Denn ihr Chef hat ihr gesagt, sie dürfe nicht einfach mit Journalisten sprechen.

"Wir wissen nicht, wie hoch unsere Lohn ist"

Gibt es denn sonst auch Druck? Ja, sagt sie, wer eine angegammelte Erdbeere mit einsammele, der werde nach Hause geschickt oder dürfe sogar einen ganzen Tag nicht arbeiten.

Wir wissen noch nicht mal, wie hoch der Lohn ist. Die einen sagen 42, die anderen 40 Euro.

"Nein, nein", sagt Manuel Reina vom Bauernverband im Schatten des Kühl-Lasters. Alle würden ordentlich behandelt. Die Erdbeerbauern stellten ja sogar kostenlose Wohnungen:

Wenn sich einzelne nicht an die Vorgaben halten, dann ist das wie in der Politik, bei der Polizei oder in der Verwaltung. Von ein paar wenigen schwarzen Schafen kann man nicht auf die ganze Provinz Huelva schließen.
Eine marokkanische Erntehelferin bei der Erdbeerernte in Cartaya, Archivbild. | Julian Perez/EPA-EFE/Shutterstoc

Eine marokkanische Erntehelferin bei der Erdbeerernte in Cartaya, Archivbild. Bild: Julian Perez/EPA-EFE/Shutterstoc

Gewerkschaft spricht von Ausbeutung

Gewerkschafter José Antonio Brazo von der andalusischen Arbeitergewerkschaft runzelt die Stirn. Er schaut ein paar Kilometer weiter von einem Bahndamm aus auf das endlose Meer von Gewächshäusern. Silbrig glänzende Kunststoffolie bis zum Horizont.

Der Tariflohn werde systematisch nicht gezahlt, sagt Brazo. "Wir reden hier über Ausbeutung. In jedem Dorf hier gibt es eine Marienfigur, die verehrt wird - aber in Wirklichkeit beten alle den Mammon an." Tatsächlich stellt auch eine Studie der Löning-Nachhaltigkeitsberatung in Berlin fest, dass Erntehelfer oft schlecht bezahlt würden.

Studie: Preisdiktat der Supermärkte

Manuel Reina vom Bauernverband wehrt sich: Eigentlich seien doch die Landwirte die "Gekniffenen". Sie trügen das ganze Risiko, klagt er. Sie müssten alles vorstrecken und bekämen keinen angemessenen Preis für ihr Produkt.

Von dem, was die Konsumenten bezahlen, sähen die Landwirte kaum etwas. Einen bis eineinhalb Euro pro Kilo Erdbeeren, die im Supermarkt für sechs Euro über den Tresen gingen. Das Preisdiktat wird auch in der Berliner Studie thematisiert.

Für Gewerkschafter José Antonio Brazo steht fest:

Die roten Früchte, die Erdbeeren, sie sind nicht mehr süß, sondern bitter.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2021 um 05:53 Uhr.