Flüchtlinge auf dem Grenzfluss Evros zwischen der Türkei und Griechenland. | ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX
Reportage

Grenzfluss Evros 20 Meter bis zur Hoffnung

Stand: 03.03.2020 05:37 Uhr

Der Fluss Evros trennt die Türkei und Griechenland. Für die syrischen Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa ist er ein meist unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zu einem Leben voller Hoffnung.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Fuat ist gerade einmal 18 Jahre alt. Der junge Syrer steht am Ufer des Evros, dem Grenzfluss zwischen der Türkei und Griechenland

Wenn ich rüber schaue, dann sehe ich, es ist unmöglich. Ich weiß, dass wir nicht übersetzen können. Es sind nur zehn Meter oder so, aber wir kommen hier nicht rüber. Da brauchen wir uns keine falschen Hoffnungen zu machen.
Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Das erzählt er in fließendem Türkisch. Sein kleiner Bruder spielt am Fluss. Die Familie hat acht Jahre in Konya in Anatolien gelebt. Fuats Vater hatte die Idee, zur griechischen Grenze zu gehen:

Als wir in Edirne angekommen sind, hat uns ein Mann hierher gefahren. Er hat gesagt, hier seien viele rüber gekommen, hier sei es einfach. Wir sind auf ihn reingefallen. Er hat uns viel Geld abgenommen. Ehrlich gesagt, es war fast unser letztes Geld.

Griechische Grenzsoldaten schicken Flüchtlinge zurück

Jetzt sind sie gestrandet auf einer Landzunge am Evros, zusammen mit anderen Flüchtlingen. Die fangen gerade an, sich einzurichten. Das erste Iglu-Zelt steht. Junge Männer fällen kleine Bäume im angrenzenden Waldstück. Sie bauen daraus einen Windschutz, ein provisorisches Zelt oder machen Brennholz für die Nacht. Dann hat es einstellige Temperaturen. Kleine Kinder sind schon krank geworden, haben hohes Fieber.

Ein Krankenwagen kommt und versucht sich um die kleinen zu kümmern. Während ein junger Afghane beschreibt, wie sein Freund letzte Nacht von griechischen Grenzsoldaten wieder über den Fluss in die Türkei zurückgeschickt wurde, versucht sich die Krankenwagen-Besatzung um die schreienden Kinder zu kümmern.

Keinerlei Infrastruktur

Es gibt keinerlei Infrastruktur, keine Toiletten, kein frisches Wasser. Ab und zu kommen Bewohner vorbei und kleine Hilfsorganisationen und bringen etwas Essen. Ein, zwei Kilometer weiter ruhen sich Maher und seine Freunde auf dem feuchten Uferboden aus - nicht mehr in Sichtweite des griechischen Wachturms auf der anderen Seite.

Ich will nach Griechenland rüber, aber ich weiß, hier sind griechische Soldaten, das ist ein Problem. Ich wollte von hier aus rüber, aber sie schießen. Mit Maschinengewehren. Nicht auf die Leute, sondern in die Luft.

Maher und und seine Freunde sind Syrer. Einer von ihnen ist wütend:

In Syrien ist Krieg. Die Griechen blockieren, die Türkei sagt, ihr dürft gehen. Aber wohin? In Syrien mischen gerade alle mit, Russland, der Iran, die USA, die Türkei. Was sollen wir bloß machen. Das war meine Heimat, und jetzt bin ich hier.

Schlepper wittern Geschäfte

Ein Taxi hält auf dem Weg oberhalb. Der Fahrer wittert vielleicht ein Geschäft. Auch hundert Meter weiter stehen zwei Männer an einem Auto und sondieren die Lage, vermutlich Schlepper. Maher hat schon seine Erfahrungen gemacht:

Hier lungern Männer rum, das sind echte Diebe. Die nehmen einem Stiefel ab und Kleidung, auch Handys. Ich weiß nicht, wer die sind. Irgendwelche Schleuser.

Die Sonne ist fast schon untergegangen am Evros. Da steigen die Chancen durchzukommen, zumindest für die fitten jungen Männer. Maher will es nicht wagen, sagt er, und zeigt auf seine Familie:

Nachts machen wir Feuer. Es ist richtig kalt, aber wir haben keine Wahl, was sollen wir sonst machen? Wir müssen durchhalten, vielleicht noch eine Woche oder zehn Tage, hoffentlich nicht länger.

Fuat, der junge Syrer hat sich vom griechischen Ufer abgewandt. Er läuft den Damm hoch.

Wir haben keine andere Chance, als abzuwarten. Wir haben fast kein Geld mehr und können nicht mehr zurück. Wir haben alles verkauft, um hierher zu kommen. Wir bleiben hier, bis wir reinkommen."    

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 03. März 2020 um 05:43 Uhr.