Russlands Präsident Putin geht mit roten Nelken am Grab des unbekannten Soldaten in Rahmen der Feierlichkeiten zum 75. Tag des Sieges.  | Bildquelle: dpa

Siegesfeier in Russland Stilles Gedenken statt großer Parade

Stand: 09.05.2020 16:00 Uhr

Putin allein an der Kremlmauer: Wegen der Corona-Ausgangssperren fiel die große Parade zum 75. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland aus. Das rückte die Trauer in den Vordergrund.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Ein grauer, verregneter Himmel. Ein Präsident, der ganz allein vor der Kremlmauer einen Blumenstraß niederlegt. Und statt der Parade auf dem Roten Platz gibt es eine Art Parade in der Luft: 75 Militärmaschinen malen Russlands Flagge in die Regenwolken. Kein Vergleich zu den blankgeputzen Himmeln, die die Moskauer gewohnt sind zum 9. Mai, wenn Flugzeuge mit Silberjodid-Kanonen zuverlässig die Regenwolken vertreiben und der Rote Platz, Parks und Prospekte bevölkert sind von Menschen in Festtagsstimmung.

Es ist bitter, dass ausgerechnet in diesem Jahr die Feiern ausfallen müssen. Bitter für Russlands Präsidenten, der den 9. Mai in den vergangenen Jahren mit ganz neuer Bedeutung aufgeladen hat. Die Erinnerung an den Sieg ist zur identitätsstiftenden nationalen Ideologie geworden. Der Sieg von damals wird zum Triumph von heute.

Russische Kampfflugzeuge fliegen in Formation | Bildquelle: REUTERS
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Russische Militärmaschinen am grauen Moskauer Himmel

Das Russland von Wladimir Putin sieht sich als Nachfolger der Sowjetunion und reklamiert den Sieg der Roten Armee als Sieg Russlands. Die Sowjetunion hat im zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verloren. Soldaten aller damaligen Sowjetrepubliken waren beteiligt - Kasachen, Georgier, Weißrussen, Ukrainer und viele mehr. Den höchsten Blutzoll trugen die Zivilbevölkerungen der heutigen Ukraine und des heutigen Belarus.

Tag der Trauer statt des Triumphs

Zum 75. Jahrestag hatte Putin auf viele internationale Staatsgäste gehofft, auch auf solche, die wegen der Annexion der Krim und Russlands Rolle im Krieg in der Ukraine den letzten großen Feiern zum 70. Jahrestag noch ferngeblieben waren.

Allein im Regen vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten - das war so gar nicht die Bühne, die Putin für seine Ansprache geplant hatte. Kein Pomp, keine marschierenden Einheiten, kein schweres militärisches Gerät. Und so wirkt dieser Tag des Sieges, ob geplant oder nicht, zum ersten Mal seit langem nicht wie eine Demonstration von Stärke und Triumph, sondern vor allem wie ein Tag der Trauer um die vielen Toten dieses Krieges.

Putins Rede war kurz, er verbeuge sich vor der Generation der großen Sieger, sagte er. "Die geistige und moralische Bedeutung des Siegestags bleibt für immer groß, wir heiligen ihn. Das ist unser Gedächtnis, unser Stolz, die Geschichte unseres Landes, die Geschichte jeder Familie."

75. Jahrestag des Sieges der früheren Sowjetrepubliken über Hitler-Deutschland
tagesschau 20:00 Uhr, 09.05.2020, Ina Ruck, ARD Moskau

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Das "unsterbliche Regiment"

Bitter ist der heutige Tag vor allem aber für all jene Russen, für die der 9. Mai noch immer eine ganz besondere, persönliche Bedeutung hat. Denn es gibt keine Familie hier, die im Krieg nicht jemanden verloren hätte. Die Erinnerung daran wird bis heute wachgehalten. Es ist auch einer der letzten große Jahrestage, an dem noch Menschen leben, die sich an den Krieg erinnern.

Vor einigen Jahren war deshalb die Idee des "unsterblichen Regiments" entstanden - als eine Art Gegenentwurf zur immer stärkeren Militarisierung des Kriegsgedenkens: der Soldaten nicht nur als strahlender Helden gedenken, sondern um die Opfer trauern, die Schrecken des Krieges thematisieren. Als "unsterbliches Regiment" zogen Menschen mit den Fotos ihrer im Krieg gebliebenen Angehörigen durch die Straßen. Ein unbeschreibliches Gefühl sei das, sagt die 23-jährige Moskauerin Anastasija Machanek, die letztes Jahr mitgelaufen ist, wenn man sich zu Tausenden mit den Fotos seiner gefallenen Familienmitglieder in einer Kolonne aufstelle.

Drei Frauen halten Schilder mit Bildern von im Krieg Verstorbenen hoch. (Quelle: Anastasija Machanek )
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Mit Schildern erinnerten im vergangenen Jahr Angehörige an im Krieg Gefallene.

"Gefühl der Dankbarkeit und des Stolzes"

Längst hat der russische Staat die Idee des "unsterblichen Regiments" übernommen. In diesem Jahr wurden landesweit Schüler aufgefordert, sich mit Fotos ihrer Angehörigen zu fotografieren und die Bilder online zu stellen. Auch Anastasija ist diesmal online dabei.

"Der 9. Mai hat einen besonderen Platz in meinem Leben, denn meine beiden Urgroßväter und meine Urgroßmütter haben für uns gekämpft. Als ich klein war, erzählten sie mir oft Geschichten aus dieser Zeit, das gab mir ein Gefühl der Dankbarkeit und des Stolzes. Es geht beim unsterblichen Regiment nicht so sehr um einen Siegeszug. Es geht vor allem um Erinnerung. Und um Dankbarkeit."

Am Abend soll es im ganzen Land Feuerwerke geben. Die Moskauer werden sie aber nur aus den Fenstern bestaunen können. Die Ausgangssperre wurde gerade um weitere drei Wochen verlängert.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 09. Mai 2020 um 15:00 Uhr.

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