Interview

Die Holocaust-Überlebende und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in Deutschland Esther Bejarano | Bildquelle: dpa

Holocaust-Überlebende "Es war eine Befreiung für alle"

Stand: 08.05.2020 08:53 Uhr

Russische und US-Soldaten verbrannten ein Bild Hitlers, sie spielte dazu Akkordeon - so erinnert sich Esther Bejarano an das Kriegsende. Als Auschwitz-Überlebende kritisiert sie die aktuellen politischen Geschehnisse scharf.

tagesschau.de: Der 8. Mai 1945 jährt sich nun zum 75. Mal. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Tag?

Esther Bejarano: Ich habe noch ziemlich klare Erinnerungen an die Zeit. Ich bin zwar nicht am 8. Mai befreit worden, aber kurz davor. Es waren Amerikaner, die uns in einem Wald in Mecklenburg-Vorpommern aufgelesen haben. Wir waren sieben Mädchen auf der Flucht vor unserem Todesmarsch. Als die Soldaten uns sahen, haben sie uns noch gewarnt, dass wir aufpassen müssen vor den Deutschen. Wir zeigten ihnen unsere eintätowierte KZ-Nummer am linken Arm, da umarmten und küssten sie uns und sagten: "Wir wollen euch helfen." Sie nahmen uns mit in einen kleinen Ort Lübz. Aber uns war nicht klar, dass wir jetzt wirklich befreit sind, dass der Krieg zu Ende ist.

alt Esther Bejarano | Bildquelle: picture alliance / dpa

Zur Person

Esther Bejarano wurde als Esther Loewy 1924 als Tochter eines jüdischen Kantors in Saarlouis geboren. Im Alter von 16 Jahren scheiterte ihre geplante Ausreise nach Palästina, und sie wurde Zwangsarbeiterin in Brandenburg. Zwei Jahre später, 1943, deportierten die Nazis sie nach Auschwitz. Sie überlebte als Akkordeonspielerin im "Mädchenorchester", kam dann ins KZ Ravensbrück, konnte schließlich von einem Todesmarsch fliehen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Bejarano einige Jahre in Israel, heiratete und bekam zwei Kinder. 1960 zog die Familie nach Deutschland zurück. Von Hamburg aus beteiligt sich Bejarano noch heute immer wieder an Debatten und berichtet an Schulen als Zeitzeugin.

tagesschau.de: Wie haben Sie von dem Kriegsende erfahren?

Bejarano: Die Amerikaner haben uns in ein Restaurant eingeladen. Die wollten genau wissen, was uns passiert ist. Ich habe zum Glück Englisch gesprochen. Als ich ihnen erzählt habe, dass ich in Auschwitz für die Nazis immer Akkordeon spielen musste, da kam ein Soldat und brachte mir eins.

Esther Bejarano: Erinnerungen. Laika-Verlag 2013. | Bildquelle: Esther Bejarano: Erinnerungen. L
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Esther Bejarano kam mit 18 Jahren nach Auschwitz. Sie musste dort für die Nazis im Orchester spielen.

Er sagte: "Dieses Akkordeon schenke ich dir. Der Krieg ist bald vorbei. Das müssen wir feiern!" Und dann haben wir dort angefangen zu singen und ich habe gespielt. Aber plötzlich war das Restaurant ganz leer. Die Deutschen waren alle weg. Von draußen hörten wir großen Krach. Wir liefen also raus. Wir sahen, wie die Rote Armee angefahren kam. Sie schrien: "Der Krieg ist zu Ende, Hitler ist tot."

Die amerikanischen und die russischen Soldaten fielen sich daraufhin in die Arme. Das war wunderbar! Ein russischer Soldat hat dann ein großes Bild von Hitler aus einem Laden geholt und es auf den Marktplatz gestellt. Gemeinsam mit einem amerikanischen Soldaten hat er es angezündet. Das hat ungeheuerlich gebrannt. Alle tanzten um das brennende Bild herum. Ich stand mit meinem Akkordeon daneben und habe Musik gespielt.

"Mit 18 war ich nach Auschwitz gekommen"

tagesschau.de: Wie alt waren Sie damals?

Bejarano: Ich war damals 20 Jahre alt. Mit 18 war ich nach Auschwitz gekommen.

tagesschau.de: War Ihnen, als Sie nach Auschwitz kamen, klar, an was für einen Ort man Sie gebracht hat?

Bejarano: Natürlich nicht. Wir haben nicht gewusst, dass sie uns nach Auschwitz bringen, als sie uns in Viehwaggons dahin transportiert haben. Man sagte uns, dass wir in ein Arbeitslager kommen. Von einem Konzentrations- oder Vernichtungslager war nicht die Rede. Als wir ankamen, wurden wir von drei SS-Männern in Zivil empfangen.

Die sagten uns, dass die, die nicht gut laufen können - wie Mütter mit kleinen Kindern und Frauen ab 45 - mit dem Lkw ins Lager fahren sollten. Das Lager war nämlich etwas weiter weg. Wir dachten da noch, dass das hier ja nicht so schlimm sein wird, wenn die sogar die Schwächeren mit den Lastautos abholen.

Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano plädiert für 8. Mai als gesetzlichen Feiertag
tagesthemen 22:20 Uhr, 08.05.2020

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tagesschau.de: Sie dachten also, dass man Sie in Auschwitz gut behandeln würde?

Bejarano: Ja. Bis wir dann ins Lager kamen. Hinter dem Tor standen die SS-Leute. Die schrien uns sogleich an: "Ihr Sau-Juden, wir zeigen Euch jetzt was Arbeit ist!" Sie trieben uns in einen großen Saal. Den nannte man die "Sauna". Dort spielte sich alles ab. Wir mussten unsere Kleider ausziehen. Wir wollten natürlich direkt wissen, wo unsere Freunde, Bekannte und Verwandte sind, die mit dem Lkw ins Lager gebracht wurden. Aber wir haben sie nicht gesehen. Erst diejenigen, die schon länger dort waren, haben uns dann gesagt: "Die seht Ihr nie wieder. Die sind alle ins Gas gegangen." Uns wurde klar, dass wir in einem Vernichtungslager gelandet sind.

tagesschau.de: Waren auch von Ihnen Verwandte darunter?

Bejarano: Nein, zum Glück nicht. Ich bin mit einer Gruppe jüdischer Mädchen und Jungen aus einem Vorbereitungslager für die Auswanderung nach Palästina gekommen. Das wurde von den Nazis geschlossen und wir kamen in ein Zwangsarbeitslager nach Neuendorf in Brandenburg und dann ging es 1943 nach Auschwitz.

Zwangsarbeit für Siemens im KZ Ravensbrück

tagesschau.de: Sie standen also vor der Ausreise nach Palästina als 18-jähriges Mädchen. In diesem Alter hat man noch so viele Ziele, Pläne und Vorstellungen. Und Sie waren an diesem Ort. Was hat Auschwitz mit Ihnen damals gemacht?

Bejarano: Was soll das schon mit mir gemacht haben? Das war schrecklich. Wir wussten, dass die uns alle umbringen. Ich hatte Glück. Die Nazis haben für Mischlinge, also Halb- und Viertel-Juden, eine Ausnahmebestimmung gehabt. Mischlinge sollten nicht im Vernichtungslager sein. Ich hatte eine christliche Oma. Und so konnte ich nach deren Nazi-Gesetzen sagen: "Ich bin ein Viertel arisch." Und dann kam ich da raus und bin nach Ravensbrück gekommen. Da habe ich für die Firma Siemens Zwangsarbeit geleistet.

Als der Krieg schon fast zu Ende war, wurden wir auf den Todesmarsch geschickt. Die Nazis wollten nicht, dass die Rote Armee sieht, wie viele Gefangene es gibt. Die Nazis marschierten neben uns. Es war im wahrsten Sinne ein Todesmarsch. Die haben alle erschossen, die zu schwach waren, einfach erschossen. Die sind auf der Straße liegengeblieben und wir mussten über sie drüber hinweggehen. Wir hatten Angst, dass sie uns auch erschießen. Das war furchtbar, eine Katastrophe.

tagesschau.de: Wie wichtig ist Ihnen, dass diese Erinnerung von Ihnen und all den anderen Menschen, die den Holocaust erlebt haben, nicht vergessen wird?

Bejarano: Das darf nicht vergessen werden. Die Menschen müssen doch wissen, was damals geschah. Denn, wenn sie es nicht wissen, besteht die Gefahr, dass sich dasselbe noch einmal abspielt. Sie müssen wissen, welche Verbrechen begangen wurden. Sie hatten ja damals keine Ahnung vom Holocaust. Sie hatten keine Ahnung, wie viele Menschen umgebracht wurden. Ich habe damals zu mir gesagt: Jetzt ist meine Zeit gekommen. Jetzt muss ich anfangen, den Menschen meine Geschichte zu erzählen. Damit so etwas nie, nie wieder passieren kann. Man muss das immer wieder machen. Diese Befreiung war nicht nur für die Menschen eine Befreiung, die in den KZs gesessen haben, sie war für alle Menschen eine Befreiung.

Man stelle sich mal vor, die Alliierten und die Rote Armee wären nicht gekommen, was wäre dann heute? Wir sehen ja, was sich in Deutschland tut, wie viele Nazis wir wieder haben. AfD, NPD oder "Pegida". Die wollen keine Demokratie. Ich weiß nicht, was werden soll, wenn es noch mehr werden, die so eine menschenverachtende Ideologie haben. Ich weiß nur, was ich gesehen habe. Und ich weiß, was dann kommen wird.

Die Pegida-Funktionäre Lutz Bachmann, (mitte) und Siegfried Daebritz (li.) sprechen am 3. März 2020 mit einem Demonstranten in Erfurt. | Bildquelle: AP
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Die Pegida-Funktionäre Lutz Bachmann (Mitte) und Siegfried Daebritz (links) sprechen am 3. März in Erfurt mit einem Demonstranten.

"Nationalsozialismus ist noch in den Köpfen"

tagesschau.de: Was muss getan werden aus Ihrer Sicht?

Bejarano: Jeder Einzelne muss etwas tun, um sich dem entgegenzustellen. Es kann nicht sein, dass rechtslastige Parteien wieder das Sagen bekommen. Das darf einfach nicht passieren.

tagesschau.de: Tut die Politik genug gegen Rechtsextremismus?

Bejarano: Nein. Das tut sie nicht. Sie sollte stärker darauf achten, was sie sich selbst ins Grundgesetz geschrieben hat. Alle Symbole, Schriften oder Nachfolgeorganisationen der Nazis sollten sie verbieten. Sonst erleben wir dasselbe, was wir damals erlebt haben.

tagesschau.de: Es gibt gerade in rechten Kreisen Menschen, die den 8. Mai als Niederlage bezeichnen. Macht Sie das wütend?

Bejarano: Ja, natürlich. Es gibt viele, die so denken. Und das ist eben das Schlimme. Der Nationalsozialismus ist leider immer noch in den Köpfen. Der 8. Mai als Tag der Befreiung sollte daher immer als Feiertag gefeiert werden.

tagesschau.de: Wie gehen Sie im Alltag mit Ihrer ganz persönlichen Geschichte um?

Bejarano: Ich spiele mit einem muslimischen Türken, mit einem katholischen Italiener und meinem Sohn in einer Band. Die "Microphone Mafia" (lacht). Ja, so heißen wir. Unsere Texte setzen sich mit Antisemitismus und Rechtsextremismus auseinander. Neben meinen regelmäßigen Besuchen in den Schulen ist das auch ein Weg, meine Geschichte vor allem auch den jungen Leuten zu erzählen - über die Musik, die mich mein Leben lang begleitet hat. Nur das Akkordeon spiele ich dabei nicht.

Das Gespräch führte Iris Marx, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die NDR-Sendung DAS! am 07. Mai 2020 um 18:44 Uhr.

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