Mitarbeiter eines Krankenhauses in Lima beten nach der Landung eines Flugzeugs mit dem Impfstoff gegen Covid-19 | dpa

Pfizer/BioNTech Impfstoff-Poker in Peru 

Stand: 11.02.2021 16:28 Uhr

Peru kämpft massiv mit der zweiten Corona-Welle. Monatelang rangen das Land und Pfizer um Impfstofflieferungen. Details der Verhandlungen bleiben unter Verschluss.

Von Marie-Kristin Boese, SWR 

Fernando Mejia hat eine fast unmögliche Aufgabe: Er sucht Betten für Covid-19-Patienten in Lima. Die Kliniken seien überfüllt, sagt der Arzt, das Personal ausgelaugt - und die Impfkampagne habe erst in dieser Woche mit zunächst nur 300.000 Impfdosen aus China begonnen.

Marie-Kristin Boese ARD-Hauptstadtstudio

Der neue Vertrag zwischen Peru und Pfizer/BioNTech müsste da eigentlich bejubelt werden: Peru bekommt 20 Millionen Impfdosen von dem Konsortium. Bis Juli sollen fast sechs Millionen Dosen kommen. Victor Zamora, bis zum Sommer Gesundheitsminister Perus, ist vorsichtig: Er sei "sehr überrascht nach der Vorgeschichte." 

Monatelanger Streit zwischen Peru und Pfizer 

Die Vorgeschichte ist ein monatelanges Ringen zwischen Peru und dem Pharmariesen. Zamora erhebt den Vorwurf, Pfizer habe bei den Verhandlungen um zunächst neun Millionen Dosen weitreichende Garantien gefordert, für den Fall, dass Peru nicht zahlen kann. "Nach meiner Kenntnis wollte Pfizer auf Staatseigentum zugreifen. Ich weiß nicht, was genau gemeint war. Aber in Peru wurde beispielsweise über unser Eigentum im Ausland gesprochen", sagt er.

Die Verhandlungen sind vertraulich. Worum es konkret ging, bleibt unklar. Die amtierende Ministerin Pilar Mazzetti deutete im Januar an, es könnte im Streitfall um "Perus Rücklagen" gehen.  

Rechtlich wären solche Sicherheiten möglich, sagt Pedro Villarreal, Experte für internationales Recht. In Frage kämen ausländische Bankkonten, Aktienpakete, die Peru von Unternehmen im Ausland hält, oder Gebäude - nicht aber die Botschaft. Solche Garantien seien nicht unüblich, wenn Staaten mit geringer Kaufkraft von internationalen Unternehmen Maschinen oder Software kauften.

Diesmal geht es aber um einen lebensrettenden Impfstoff in einer globalen Notlage. "Die Besonderheit wäre, dass ein essenzielles Arzneimittel unter so harten Geschäftsbedingungen verhandelt wird", sagt Villarreal.  

Covid-19-Impfstoff vor dem Logo von Pfizer | REUTERS

Das Rennen um Impfstoffe gegen Covid-19 läuft weltweit. Um Verträge wird hart verhandelt. Bild: REUTERS

Peru braucht dringend Impfstoff 

Was jetzt zwischen Pfizer und Peru vereinbart wurde, ist geheim. Klar ist: Peru braucht den Impfstoff dringend. In Lima gilt derzeit ein Lockdown. Viele Menschen bringt das in Existenznot, denn ein Großteil der Peruaner lebt von Tageseinnahmen. Seit Wochen demonstrieren Ärzte gegen schlechte Arbeitsbedingungen.

Zudem steckt das Land in einer Regierungskrise. Nach der Amtsenthebung von Präsident Martín Vizcarra im November ist eine Übergangsregierung im Amt, die politisch unter Druck steht. Das Land verhandelt in schwieriger Lage. 

Pfizer verweist auf Anfrage zu den Verhandlungen mit Peru darauf, dass "die Gespräche zwischen Pfizer und den Regierungen […] vertraulich sind und wir daher keine weiteren Kommentare abgeben". Anfang der Woche verbreiten BioNTech und Pfizer in einer Mitteilung, es sei ihr gemeinsames Ziel, die Peruaner schnell mit einer Impfung zu versorgen.

Suerie Moon, Co-Direktorin des Global Health Centre in Genf, sieht die Intransparenz der Verhandlungen kritisch. "Die Öffentlichkeit sollte wissen: Worum hat meine Regierung gebeten? Oder was hat sie aufgegeben, um Zugang zu Impfstoff zu bekommen?", sagt sie.

Perus Präsident Sagasti zeigt nach der Impfung mit einem Covid-19.Vakzin seinen Impfausweis | dpa

Mit gutem Beispiel voran: Perus Übergangs-Präsident Sagasti zeigt nach der Impfung mit dem Vakzin von Sinopharm seinen Impfausweis. Bild: dpa

EU-Parlamentarier wollen Verträge sehen 

Auch auf europäischer Ebene hatten sich die Gespräche mit Pfizer/BioNTech verhakt. Die Kommission, die für die Mitgliedstaaten verhandelt, soll mit den US-Anwälten um Haftungsfragen gerungen haben. EU-Parlamentarier fordern Zugang zu den Verträgen. Drei Verträge anderer Hersteller sind bisher öffentlich, aber an relevanten Stellen geschwärzt - der Vertag von Pfizer/BioNTech fehlt.

BioNTech teilt mit, man prüfe derzeit, wie der Vertrag veröffentlicht werde. "Wir wollen mehr Informationen darüber, wer im Schadensfall haftet", sagt Rasmus Andresen, der für die Grünen im Europaparlament sitzt. "Die Impfstoffe werden mit europäischen Geldern bezahlt. Wir sind als Parlament zuständig, nicht nur die Kommission, sondern auch die Verwendung der Gelder zu kontrollieren." 

Frau in Lima (Peru) wartet darauf, dass Behältnisse mit medizinischem Sauerstoff nachgefüllt werden. | AFP

Nicht nur der Impfstoff ist begehrt, auch medizinischer Sauerstoff ist knapp in Peru. Bild: AFP

Intransparenz trotz Millionenförderung 

Deutschland hatte zudem 750 Millionen Euro Steuergeld in die Impfstoff-Entwicklung gesteckt. Zu BioNTech aus Mainz flossen 375 Millionen. Wissenschaftlerin Moon befürwortet, dass Firmen, die etwas riskierten, finanziell belohnt werden. Allerdings haben Staaten die unternehmerischen Risiken durch die Förderungen stark reduziert, meint sie. "Fair wäre, wenn wir volle Transparenz hätten", sagt Moon, "dann könnten wir faktenbasiert bestimmen, welche Preise und Haftungsregeln fair sind." 

Transparenz würde auch Peru helfen, sagt Ex-Minister Zamora. Was haben andere bezahlt? Wie sehen bestimmte Klauseln aus? Er bezweifelt, dass derzeit auf Augenhöhe verhandelt werden kann. "Pfizer weiß, zu welchem Preis und zu welchen Bedingungen die einzelnen Länder kaufen. Das Unternehmen weiß, welche Länder welche Klauseln akzeptiert haben."

Moon fordert eine grundsätzliche Debatte, die über die Corona-Pandemie hinausreicht: "Es geht um die Frage, wie viel Transparenz die Öffentlichkeit von einer Industrie erwarten kann, deren Entscheidungen so viel Einfluss auf Leben und Tod haben."

Über dieses Thema berichtete der ARD-Weltspiegel am 07.02.2021 um 19:20 Uhr.