Ein Mensch geht an einem Gedenkplakat für indigene Kinder vorbei, die unter dem "residential school"-System litten. | REUTERS

Kanada Offenbar erneut Gräber auf Schulgelände entdeckt

Stand: 26.01.2022 15:39 Uhr

Mehr als 1000 Gräber indigener Heimkinder wurden in Kanada bereits entdeckt - nun hat eine indigene Gemeinschaft einen weiteren Fund gemeldet: 93 mutmaßliche Gräber wurden per Radar auf einem früheren Internatsgelände aufgespürt.

In Kanada sind offenbar erneut Dutzende anonyme Gräber für indigene Kinder entdeckt worden. 93 mutmaßliche Gräber seien mithilfe von Radar-Untersuchungen auf dem Gelände eines ehemaligen Internats im Westen des Landes aufgespürt worden, erklärte die indigene Gemeinschaft Williams Lake First Nation.

Forscher hatten eine Fläche von 14 Hektar untersucht, die zu einem früheren Internat nahe Kamloops in der westlichen Provinz British Columbia gehört. In der Einrichtung waren von 1886 bis 1981 Tausende Kinder untergebracht. Sie sei "von verschiedenen religiösen Sekten" und hauptsächlich von katholischen Missionaren im Auftrag der kanadischen Regierung betrieben worden, hieß es.

Trudeau: "Viele schmerzhafte Emotionen"

Die Nachricht von weiteren möglichen Gräbern bringe "viele schmerzhafte Emotionen wieder zum Vorschein", erklärte der kanadische Premierminister Justin Trudeau. Der Gedanke an "die Mitglieder der Gemeinschaft und diejenigen, deren Angehörige nie wieder nach Hause gekommen sind" lasse sein Herz brechen, schrieb er auf Twitter.

Anfang Januar hatte die kanadische Regierung Finanzmittel in Höhe von umgerechnet 1,3 Millionen Euro zur Untersuchung des ehemaligen Internatsgeländes zugesagt. Insgesamt hat die Regierung nach eigenen Angaben bislang mehr als 80 Millionen Euro für die Suche nach verschwundenen indigenen Kindern und zum Gedenken an sie bereitgestellt. 

Misshandlungen und Missbrauch

Kanada wird seit Monaten von einem Skandal um den historischen Umgang mit seiner indigenen Bevölkerung erschüttert. Seit Mai wurden in dem Land mehr als tausend anonyme Massengräber indigener Kinder in der Nähe verschiedener Internate entdeckt. Die Funde sorgten landesweit für Entsetzen. 

Seit 1874 waren in dem Land rund 150.000 Kinder von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt und in kirchliche Heime gesteckt worden, um sie so zur Anpassung an die weiße Mehrheitsgesellschaft zu zwingen. Viele von ihnen wurden in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht. Mindestens 4000 Kinder starben, viele von ihnen an Tuberkulose. 4000 bis 6000 Kinder gelten nach Behördenangaben bis heute als vermisst.

Die letzten dieser Schulen schlossen erst in den 90er-Jahren. Eine nationale Untersuchungskommission bezeichnete den Umgang mit den indigenen Kindern als "kulturellen Völkermord".

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. Juni 2021 um 22:15 Uhr.