Brexit-Hardliner Boris Johnson. | REUTERS
Brexit-Diary

Johnson in der Downing Street Nach der Show ist vor der Show

Stand: 24.07.2019 02:09 Uhr

Boris Johnson wird heute von Königin Elizabeth II. formell zum neuen britischen Premierminister ernannt. Ab dann droht die große Planlosigkeit in der Downing Street.

Eine Analyse von Annette Dittert, ARD-Studio London

Boris Johnson ist dort angekommen, worauf er sein ganzes Leben lang hingearbeitet hat: In der Downing Street. Heute muss noch Queen Elizabeth II. ihren Segen dazu geben, dann ist er tatsächlich britischer Premierminister.

Annette Dittert

Wer glaubt, Johnson habe einen geheimen, verrückten Plan, wie er das Brexit-Schlamassel lösen will, der irrt. Der verrückte Plan war, in die Downing Street zu gelangen. Und er endet genau hier.

Einfach ignoriert

Dafür hat Johnson im Vorfeld alles geopfert, was eine pragmatische Lösung der Brexit-Krise noch möglich machen würde. Sein Versprechen nach der Wahl zum Parteichef, nun das Land einen zu wollen, wird schwer umzusetzen sein. Denn tatsächlich hat er Großbritannien durch seinen Wahlkampf noch tiefer gespalten, die inneren Widersprüche des Brexit weiter zugespitzt.

Dem rechten Flügel seiner Partei versprach er de facto den chaotischen "No Deal", falls die EU keine Kehrtwende vollzieht. Der Tory-Basis erklärte er das als schnellen, klaren Bruch mit der EU, der so gut wie gar nichts koste. Und den Rest des Landes - die 48 Prozent, die den Brexit nach wie vor nicht wollen - ignorierte er einfach.

Hässliche Kollision mit der Realität

Die Tories applaudierten ihm dafür, wie man einem Stand-Up-Comedian applaudiert. Im Zweifel auf Kosten der anderen. Ganz sicher auf Kosten der Realität.

Die Tragik ist, dass die Show hier nicht endet. Sondern erst richtig beginnt. Und diese Kollision mit der Realität dürfte hässlich werden. Denn nichts von dem, was Johnson versprach, wird er halten können.

Er wird scheitern, wenn er versucht, den May-Deal in Brüssel noch einmal aufzuschnüren. Er wird ebenfalls scheitern, wenn er das nicht tut, und es stattdessen darauf anlegt, die EU ohne Deal zu verlassen. Denn dazu fehlt ihm schon jetzt die Mehrheit im Parlament.

Und er wird ganz sicher scheitern, wenn er plötzlich eine 180-Grad-Wende versucht und Brüssel doch noch um eine Verlängerung bittet. Denn dann wird ihn der rechte Flügel seiner Partei politisch umbringen, so wie er es bereits mit Theresa May getan hat.

Drei Jahre Lügen und falsche Versprechungen

Boris Johnson hat die Briten vor drei Jahren mit Lügen und falschen Versprechungen in den Brexit geführt. Jetzt will er ihn auf dieselbe Weise zu Ende bringen. Und vielleicht ist das sogar gut. Denn, wenn Johnson scheitert, wird auch der letzte Gläubige auf der Insel einsehen müssen, dass der Brexit als solcher zum Scheitern verurteilt war.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Juli 2019 um 06:00 Uhr.