Israels Außenminister Jair Lapid (links im Bild) und Premierminister Naftali Bennett. | REUTERS

Israels Sicht auf Iran-Gespräche "Sorge vor einem schlechten Deal"

Stand: 29.11.2021 05:00 Uhr

Die israelische Regierung blickt mit Sorge auf die Atomgespräche mit dem Iran. Sie fürchtet, eine Neuauflage des Vertrags könnte die Sicherheitsinteressen des jüdischen Staats gefährden.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Nein, Wien steht nicht auf dem Reiseplan von Yair Lapid, aber bei der aktuellen diplomatischen Mission von Israels Außenminister geht es darum, was in Wien passiert.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Lapid brach am Wochenende nach London und Paris auf. Großbritannien und Frankreich sind an den Wiener Verhandlungen zur Wiederbelebung des Nuklearabkommens beteiligt und Israels oberster Diplomat will die Sorgen seines Landes deutlich machen.

Das tat, einen Tag vor Beginn der Verhandlungsrunde, auch Israels Regierungschef Naftali Bennett. "Israel ist sehr beunruhigt über die Bereitschaft, Sanktionen aufzuheben und Milliarden von US-Dollars in den Iran zu lassen - im Gegenzug für unzureichende Nuklear-Beschränkungen. Das ist die Botschaft an die Amerikaner und alle anderen Länder, die mit dem Iran verhandeln."

"Die Iraner umzingeln Israel mit Raketen"

Die Regierung in Jerusalem fürchtet, dass die USA ein Abkommen um jeden Preis wollen und am Ende eine Vereinbarung stehen könnte, bei der die Sanktionen gegen Teheran weitgehend aufgehoben werden und der Iran dafür die Anreicherung von Uran einstellt.

Der israelischen Führung wäre das viel zu wenig. Wie schon sein Vorgänger Bemjamin Netanyahu ist auch der neue Premier Bennett davon überzeugt, dass der Iran mögliche Ambitionen zum Bau von Atomwaffen nie ganz einstellen, sondern nur auf Eis legen wird. Außerdem hält Israel eine Begrenzung des Abkommens auf das iranische Nuklearprogramm für nicht ausreichend.

Israel sieht sich durch iranische Verbündete bedroht - wie die Hisbollah im Libanon, schiitische Milizen in Syrien und palästinensische Extremisten im Gaza-Streifen. Israels Regierungschef Bennett beschrieb diese Bedrohung vor einigen Tagen in einer sicherheitspolitischen Grundsatzrede: "Die Iraner umzingeln Israel mit Raketen, während sie sicher in Teheran sitzen. Sie bedrängen uns, kosten uns Kraft, erschöpfen uns und müssen dafür nicht mal ihr Zuhause verlassen. Sie bluten uns aus, ohne dafür zu zahlen."

Wird Israel im Stich gelassen?

Diese Bedrohung Israels durch iranische Verbündete in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wird durch eine Wiederbelebung des Nuklearabkommens nicht kleiner. Es bestehe sogar die Gefahr, dass Israel mit diesem Problem allein gelassen werde, glaubt Alon Pinkas, ehemaliger israelischer Topdiplomat und Spezialist für die Beziehungen zu den USA.

"Ab diesem Moment wird sich Israel dem Problem, das meiner Meinung nach größer ist, nämlich der gesamten Aktivität des Iran, die nicht nuklear ist, allein stellen müssen. Dazu zählt die Unterstützung der Hamas, der Hisbollah und der Huthis im Jemen, also der Einsatz von Stellvertretern", so Pinkas.

Alleingang möglich

Mit Blick auf das iranische Atomprogramm sieht Amos Gilad, langjähriger Direktor im israelischen Verteidigungsministerium, die Politik der Sanktionen gegenüber dem Iran als gescheitert an. Er hält eine glaubhafte militärische Drohkulisse für nötig. Gilad sagte im israelischen Sender Kanal 11. "Die frühere Strategie ist tatsächlich gescheitert, denn die Idee, das Abkommen aufzukündigen und dann mit harten Sanktionen den Iran zu zerbrechen, ist nicht aufgegangen. Stattdessen sind die Iraner voran gekommen. Wenn es keinen militärischen Versuch durch Amerikaner oder Andere gibt, die Iraner zu bedrohen, bleiben sie unbeeindruckt."

Israel hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, das iranische Atomprogramm zu stören und zurück zu werfen. Naftali Bennett, machte vor Kurzem klar, dass sein Land auch weiter eigenständig handeln wird. "Selbst wenn es eine Rückkehr zum Abkommen gibt, ist Israel nicht Teil der Vereinbarung und nicht daran gebunden."

Bennetts Botschaft: Israel hält sich einen Alleingang gegen den Iran offen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. November 2021 um 07:08 Uhr.