zerstörte Gebäude und Trümmer | Bildquelle: via REUTERS

Koreanische Strahlenopfer "Wir waren für sie Barbaren"

Stand: 06.08.2020 10:32 Uhr

Fast zwei Millionen Koreaner lebten in Japan, als am 6. August die Atombombe über Hiroshima explodierte. Litten sie schon zuvor unter Ausgrenzung, wurden viele nun als Strahlenopfer stigmatisiert. Zwei Überlebende erzählen von ihrem Schicksal.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Es war der 6. August 1945, kurz nach acht am Morgen, als die USA die Atombombe Little Boy über Hiroshima abwarfen. Lee Jong Keun war gerade auf dem Weg zur Arbeit. Der heute 92-Jährige zeigt Fotos von damals. "Es war ein schöner Tag, ein ganz klarer Himmel. Ich stand auf einer Brücke, als sich Himmel plötzlich orange-gelblich verfärbte. Danach kam eine Hitze- und dann eine Druckwelle", erzählt er.

Lee Jong Keun warf sich auf den Boden, hielt sich die Hände vors Gesicht. Als er zehn Minuten später wieder aufblickte, war alles um ihn herum dunkel, kein Haus stand mehr. Der Jugendliche flüchtete sich unter eine Brücke. Ein Mann habe dann zu ihm gesagt: "Dein Gesicht ist ganz rot und verbrannt". "Erst da habe ich einen Schmerz gespürt. Der gesamte Teil meines Körpers, der nicht von Kleidung bedeckt war, war verbrannt", sagt Lee Jong Keun.

Monatelang litt er furchtbar. In seinen offenen Wunden legten Fliegen ihre Eier ab, mit Essstäbchen entfernte die Mutter jede einzelne Made. Ihre warmen Tränen tropften dabei auf meine Wangen hinab, beschreibt er Jahre später diese Zeit.

Immer wieder kam es zu Konflikten

Damals lebten fast zwei Millionen Koreaner in Japan. Ein Teil aus wirtschaftlichen Gründen, weil Japan ihnen in ihrer Heimat als Kolonialmacht die wirtschaftliche Basis entzogen hatte, ein anderer Teil waren Zwangsarbeiter.

Die Bombenabwürfe sind für südkoreanische Hibakusha (Strahlenopfer) eine doppelte Bürde. Schon vorher wurden sie als Ausländer diskriminiert, nun kam noch die Stigmatisierung dazu.

Kim Jin-Ho war beim Unglück noch im Mutterleib. "Es fing in der Grundschule an und ging bis zur Mittelschule. Ich wurde dauernd von den japanischen Schülern gehänselt, Dummkopf genannt", erzählt er. "Wir waren für sie Barbaren und schmutzig." Die, die schwächer waren, seien daran zerbrochen. Die Stärkeren hätten versucht, sich zu wehren, so dass es immer wieder zu Konflikten gekommen sei.

Anstandslose Entschädigung

Dieses Gefühl kennt auch Lee Jong Keun. Der 92-Jährige, der mit seinem Strohhut, Schal und Spitzbart heute geradezu dandyhaft mit leichtem Schritt daherkommt, gab sich erst vor acht Jahren als Koreaner zu erkennen. Bis dahin hieß er Masaichi Egawa, ein Name, dem ihm die Japaner zugewiesen hatten.

"Aus Angst vor weiterer Diskriminierung kam es mir überhaupt nicht in den Sinn, meinen koreanischen Namen zu verwenden", sagt er. Er wollte als Japaner wahrgenommen werden.

Trotz aller Diskriminierungen: Der japanische Staat, sagt Lee, habe ihn anstandslos als Strahlenopfer anerkannt und ebenso entschädigt wie die Japaner. Lee hat die südkoreanische Staatsangehörigkeit. Das macht vieles einfacher.

Eine Art halber Kommunist

Kim Jin-Ho hingegen hat, obwohl seine Eltern geographisch aus dem Süden kamen, seit 1972 den nordkoreanischen Pass. Fast 40 Jahre war der 74-Jährige Präsident eines vom kommunistischen Regime finanzierten Vereins. In dem Büro im Westen Hiroshimas hängen natürlich Fotos der "ewigen und großartigen Führer" Kim Il Sung und Kim Jong Il an der Wand.

Kim ist eine Art Halbkommunist, denn leben wollte und will er nicht in Nordkorea. Und als Opfer eines Atombombenangriffs steht er dem Rüstungsprogramm des Landes eher distanziert gegenüber. "Unabhängig von Nordkorea bin ich grundsätzlich gegen alle atomaren Waffen", stellt er klar.

Desolate Lage für Nordkoreaner

Nach dem Atombombenabwurf waren schätzungsweise 2000 Opfer in den Norden ausgewandert. Heute lebt davon noch etwa jeder Zehnte, schätzt Kim. Ihre Lage sei desolat, sagt der 74-Jährige.

Das Gesundheitssystem in Nordkorea sei natürlich nicht so gut wie das japanische. Dementsprechend sei die Situation natürlich eine andere. "Das bedeutet, dass viele medizinischen Untersuchungen nicht gemacht werden können. Insgesamt ist sehr wenig Wissen vorhanden, die Versorgung schlecht und im Ergebnis die Sterberate höher", sagt er. Es gebe nicht viele Hibakusha, die sehr alt würden.

Obwohl der Oberste Gerichtshof 2015 entschieden hat, dass Japan für Arztkosten aller Hibakusha, egal, wo sie leben, aufkommen muss, haben die nordkoreanischen Opfer bisher keine Entschädigung erhalten.

Hiroshima - wie die Atombombe bis heute nachwirkt
Kathrin Erdmann, ARD Tokio
06.08.2020 08:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 06. August 2020 um 10:50 Uhr.

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