Passanten überqueren eine Straße in Tokio. | AP

Steigende Corona-Zahlen in Japan Olympia, Delta und Sorglosigkeit

Stand: 29.07.2021 13:38 Uhr

Die Corona-Situation rund um Olympia spitzt sich zu: Japan meldet immer mehr Neuinfektionen und warnt vor einer Überlastung des Gesundheitssystems. Infizierte Olympioniken sprechen von "unmenschlichen" Quarantäne-Zuständen.

In Japan und besonders in Tokio nehmen die Corona-Neuinfektionen rasant zu. Die japanische Hauptstadt meldete heute den dritten Tag in Folge einen neuen Höchstwert der neuen Fälle. 3865 Neuinfektionen mit dem Coronavirus wurden verzeichnet, das waren doppelt so viele wie vor einer Woche. Die Olympia-Organisatoren registrierten mit 24 Fällen im Umfeld der Spiele einen neuen Tageshöchstwert.

Deshalb sorgen sich die japanischen Behörden um die Belastungsfähigkeit des Gesundheitssystems. "Wir haben noch nie eine Ausbreitung der Infektionen in diesem Ausmaß erlebt", sagte Kabinettschef Katsunobu Kato vor Journalisten.

"Größtes Risiko ist fehlendes Krisenbewusstsein"

Ein führender medizinischer Berater der Regierung nannte mögliche Gründe für den Anstieg der Zahlen. "Während fast nichts dazu beiträgt, die Infektionen zu verlangsamen, gibt es viele Faktoren, die sie beschleunigen können", sagte Shigeru Omi und verwies auf die Olympischen Spiele und die Sommerferien. "Das größte Risiko ist das Fehlen eines Krisenbewusstseins, ohne das sich die Infektionen weiter ausbreiten und die medizinischen Systeme stark belastet werden."

Anderen Experten zufolge geht das Ansteigen der Zahlen vor allem auf die Delta-Variante des Virus zurück. Bislang gebe es keine Hinweise darauf, dass der Erreger von Olympia-Teilnehmern auf die Allgemeinheit übertragen werde.

IOC zeigt sich zuversichtlich

Richard Budgett, medizinischer Direktor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ist zuversichtlich, dass "die Olympischen Spiele ohne Beeinträchtigung der für die Einwohner Japans so wichtigen Sekundärversorgung und Krankenhausversorgung" stattfänden. Er erklärte, infizierte Athleten würden von medizinischen Mitarbeitern ihrer Teams und in einer Klinik im Olympischen Dorf betreut.

Die Zahl der Infektionen und Todesfälle ist in Japan immer noch deutlich niedriger als in vielen anderen Ländern, aber die Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter an und liegt nach Angaben der Nachrichtenagentur AP derzeit landesweit bei 28 pro 100.000 Einwohner. In Tokio beträgt die Inzidenz 88. Das geht laut AP aus Daten der Johns-Hopkins-Universität hervor. Laut Zahlen der Regionalregierung liegt die Inzidenz in Tokio sogar noch höher - bei mehr als 110.

Kritik an Quarantänebedingungen

Von infizierten Sportlerinnen und Sportlern gibt es indes Kritik an den Quarantänebedingungen. Zum Beispiel vom deutschen Radprofi Simon Geschke. Der 35-Jährige ist seit Samstag in einem Quarantäne-Hotel in Tokio, nachdem er einen Tag zuvor kurz vor dem Start der Spiele positiv getestet wurde. Er kritisierte in mehreren Interviews die Umstände in der ihm zugewiesenen Unterkunft.

Simon Geschke (Archivbild: August 2019) | picture alliance / SvenSimon

Radprofi Geschke kritisierte die Umstände seiner Quarantäne. (Archiv) Bild: picture alliance / SvenSimon

Die niederländische Skateboarderin Candy Jacobs beschrieb in einer Video-Botschaft aus dem Quarantänehotel die Bedingungen dort als "unmenschlich". Der Technische Direktor der niederländischen Delegation, Maurits Hendriks, bezeichnete die Umstände für die Sportler in Hotel-Quarantäne als "inakzeptabel". Neben dem eher auf japanische Bedürfnisse abgestimmten Essen beklagte er die geringe Größe der Zimmer, in denen kein Fenster geöffnet werden darf, und den Mangel an Tageslicht.

IOC sichert Unterstützung für Infizierte zu

Das IOC sicherte inzwischen Unterstützung für die betroffenen Athletinnen und Athleten zu. Man arbeite daran, dass die "Prozesse verbessert" werden, sagte Kirsty Coventry, Chefin der Athletenkommission beim IOC. Man stehe in Kontakt mit den betroffenen Athleten, ihre Beschwerden würden angegangen. Die IOC-Funktionärin wies allerdings zugleich darauf hin, dass die Quarantäne-Hotels Einrichtungen der japanischen Regierung seien.

IOC-Medizinchef Budgett zeigte einerseits Mitgefühl für die betroffenen Athleten. Im Quarantäne-Hotel zu landen, sei "wirklich hart". Doch die Regularien besagten nun einmal, dass positiv getestete Athleten isoliert werden. "Da gibt es keinen Weg dran vorbei", sagte er, fügte jedoch hinzu: "Es wird alles dafür getan, sie zu unterstützen." Trotzdem bedeute die Isolation großen Stress.

Nach offiziellen Angaben wurden seit dem 1. Juli bis Mittwoch 198 Menschen, die für die Spiele in Tokio akkreditiert sind, positiv auf das Coronavirus getestet, darunter 23 Athleten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juli 2021 um 19:40 Uhr.