Interview

Die jesidischstämmige Journalistin und Autorin Düzen Tekkal

Interview zum Völkermord an Jesiden "Ein Angriff auf unser aller Zivilisation"

Stand: 31.07.2016 10:11 Uhr

Die jesidischstämmige Autorin Düzen Tekkal sieht in den IS-Angriffen auf die Jesiden auch einen Anschlag auf die Werte des Westens. Im Interview mit tagesschau.de rät sie den Deutschen, die eigenen Werte zu verteidigen und keine falsche Toleranz zu üben.

tagesschau.de: Eine Untersuchungskommission im UN-Auftrag hat im Juni festgestellt, der sogenannte Islamische Staat verübe einen Völkermord an den Jesiden. Auch Sie nennen das so. Warum?

Düzen Tekkal: Im Falle der Jesiden handelt es sich um einen Völkermord, weil der IS vorsätzlich eine ganze Religion ausrotten will. Er tut dies, indem er nicht nur in deren Siedlungsgebiete vorgedrungen ist, sondern auch alle Religionssprecher köpfen wollte. Dazu muss man wissen, dass das Jesidentum keine Schriftreligion ist, sondern mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wird. Deshalb sind die Religionssprecher immanent wichtig für den Fortbestand der Religion. Das wissen natürlich die IS-Kämpfer.

Deshalb haben sie viele Religionssprecher ermordet. Sie waren in den heiligen Stätten und haben sie zerstört. Und was sie den Frauen und Kindern angetan haben, ging ja um die Welt. Das waren biblische Bilder aus der Sindschar-Region. Vergewaltigung wurde ganz bewusst als Kriegsmittel eingesetzt. Wir haben hier also eine Vielzahl von Beispielen, die den Schluss zulassen müssen, dass es sich um die geplante Ausrottung einer Religionsgemeinschaft handelt.

alt Düzen Tekkal ist Filmemacherin und Journalistin und stammt aus einer jesidisch-kurdischen Einwandererfamilie.

Zur Person

Düzen Tekkal ist Filmemacherin und Journalistin. Sie wurde 1978 als eines von elf Kindern einer jesidisch-kurdischen Einwandererfamilie in Hannover geboren, studierte Politik und Germanistik und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Fragen der Integration. 2010 wurde sie mit dem Bayerischen Fernsehpreis  ausgezeichnet. Ihr Dokumentarfilm "Hawar - Meine Reise in den Genozid" führte sie in die Heimat ihrer Eltern im jesidisch besiedelten Nordirak. Im März erschien ihr Buch "Deutschland ist bedroht - Warum wir unsere Werte verteidigen müssen".

1000 Jesiden als Kindersoldaten missbraucht

tagesschau.de: Die Vereinten Nationen haben einen Plan zur Rettung der Jesiden gefordert. Passiert denn konkret etwas?

Tekkal: Es passiert immer noch viel zu wenig. An der Lebensperspektive der Jesiden hat sich de facto kaum etwas verändert. Sie sind der Welt zwar als Opfer bekannt geworden, doch sie wollen keine Opfer sein. Sie müssen immer noch in Flüchtlingscamps ausharren - ohne Zukunftsperspektive. Wir reden in diesem Zusammenhang immer wieder vom Wiederaufbau der jesidisch-geprägten Stadt Shingal, aber es geht auch um den Wiederaufbau von Menschen und die Gewährleistung von Sicherheit.

Wir können diesen Menschen aber keine Sicherheit geben, weil es die de facto nicht gibt. Immer noch sind 4000 jesidische Frauen in IS-Gefangenschaft, und 1000 jesidische Kinder werden als Kindersoldaten missbraucht - das lässt den Menschen natürlich keine Ruhe.

Das Problem ist, dass nicht nur der IS die Jesiden auslöschen wollte, sondern auch die eigenen Nachbarn zu Mördern wurden. Das kennen wir vom Bosnien-Konflikt - die Wiederentdeckung religiöser Unterschiede, die sich Kriegsführer häufig zunutze machen. Die Jesiden brauchen also internationalen Schutz, notfalls durch UN-Blauhelme.

Marschierende Kämpfer der Terrormiliz IS
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Marschierende Kämpfer der Terrormiliz IS

Kämpfen für den Säkularismus

tagesschau.de: Das Schicksal der Jesiden rückte zwischenzeitlich ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Allerdings hört man inzwischen nicht mehr viel. Hat die Welt die Jesiden schnell wieder vergessen?

Tekkal: Der IS konnte nur so groß werden, weil es nicht unsere Toten hier im Westen waren, sondern "nur" Jesiden. Und das war der fatale Irrtum. Es geht nicht nur um Jesiden, es geht um Menschen - und es geht darum, was Menschen mit Menschen machen. Das ist ein Angriff auf unser aller Zivilisation. Was jetzt hier in Europa passiert, das Gefühl haben die Jesiden schon seit zwei Jahren.

Die Kämpfer gegen den IS, die ich begleitet habe, haben immer gesagt: Wir kämpfen für Säkularismus, für Demokratie, für westliche Werte. Alles Dinge, die der IS nicht akzeptieren kann und wegen derer die Jesiden bestialisch ermordet werden. Und nun erfahren wir den IS-Terror auch leidvoll in Deutschland - die Insel der Seligen gibt es nicht mehr.  Davor haben die Jesiden immer gewarnt. Sie sind vor zwei Jahren durch die Städte gezogen mit Schildern, auf denen stand "Heute wir, morgen ihr".

Jesidische Mädchen und Frauen im Nordirak
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Jesidische Mädchen und Frauen im Nordirak

tagesschau.de: Wie soll man mit der Angst vor dem Terror hierzulande umgehen?

Tekkal: Wir dürfen uns von den Angstmachern nicht beeinflussen lassen. Das Beispiel der Jesiden zeigt: Sie hatten keine Chance und haben trotzdem überlebt, weil sie keine Angst hatten. Millionenstädte wie Rakka und Mosul wurden überrannt, Sherfedin, der zweitwichtigste religiöse Ort der Jesiden, wurde von einer Handvoll Kämpfer verteidigt. Das hat etwas mit Widerstand zu tun. Darum geht es. Es geht um die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie, wir dürfen uns da nicht unterwerfen.

Wir müssen für unsere selbstverständlich geglaubten Werte kämpfen - Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung. Uns fehlt in Deutschland manchmal der Mut. Ich erlebe das selbst. Ich bekomme immer wieder gesagt: Du lebst gefährlich, wenn du öffentlich für diese Werte eintrittst. Aber es kann doch nicht der Maßstab sein, dass man versucht, mir Angst zu machen. Das ist doch der Anfang vom Ende, dann hören wir doch auf zu leben, wenn wir nicht mehr sagen dürfen, was wir kritisieren.

Gesellschaft handelt gegen ihre eigenen Interessen

tagesschau.de: Mit dem selbstbewussten Eintreten für westliche Werte scheinen manche in Deutschland angesichts der Bedrohung durch radikale Islamisten noch ziemlich zurückhaltend zu sein. Wie bewerten Sie das?

Tekkal: Wir unterstützen die Falschen mit unserer Toleranz in Deutschland. Die Gesellschaft hier muss erkennen, dass sie grob fahrlässig handelt und gegen das eigene Interesse. Das heißt: Wer sagt, dass ihn Integration nicht interessiere, dem sage ich: Falsch, es geht um deine Gesellschaft. Es geht um die Welt, in der du lebst, in die du deine Kinder entlässt. Wir können es uns gar nicht erlauben, uns da rauszuhalten. Kein anderes Thema ist momentan so bestimmend für das Weltgeschehen, wie Terror, Angst vor dem Islam und Integration. Es ist wichtig für uns zu erkennen, dass auch der innere Friede in unserer Gesellschaft davon abhängig ist, ob die Menschen hier integriert sind oder nicht und was wir zulassen oder nicht. Deswegen: Selbst wenn ihr nicht an die Jesiden denkt, denkt an euch.

Das Interview führte Christian Thiels, tagesschau.de.

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