Protest gegen interreligiöse Ehen im indischen Bhopal | Bildquelle: picture alliance / dpa

Indien Hindus wüten gegen "Liebes-Dschihad"

Stand: 04.12.2020 10:41 Uhr

Ein Muslim küsst eine Hindu-Frau vor der Kulisse eines Hindu-Tempels: Diese Szene in der BBC-Serie "A Suitable Boy" bringt die Gemüter in Indien in Wallung. Hindu-Extremisten erregen sich über einen "Liebes-Dschihad".

Von Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu-Delhi

Das Publikum in Indien liebt Romanzen und Schmonzetten, je kitschiger, desto besser. Doch es ist eine schlechte Zeit für Liebe über Religionsgrenzen hinweg. Die Serie basiert auf einem populären indischen Roman, der in den 1950er-Jahren spielt. Sie ist seit einigen Wochen auf Netflix zu sehen und zog prompt den Zorn der Hindu-Fanatiker auf sich.

Denn sie passt gut zu einer finsteren Verschwörungstheorie vom "Love Jihad" (Liebes-Dschihad), mit der die Radikalen gegen die muslimische Minderheit im Land Stimmung machen: Muslime verdrehten demnach Hindu-Frauen den Kopf, um sie zu einer Hochzeit und dann zum Glaubenswechsel zu zwingen. Dies sei eine Strategie, um die hinduistische Bevölkerungsmehrheit zu untergraben.

Was sich einigermaßen absurd anhört, wenn man bedenkt, dass die rund 200 Millionen Muslime im Land fast einer Milliarde Hindus gegenüberstehen. Dazu kommt, dass nur zwei Prozent der Hochzeiten in Indien über Religionsgrenzen stattfinden. Doch den Hindu-Extremisten geht es nicht um Fakten. Es geht darum, der muslimischen Minderheit im Land zu zeigen, wer in Indien das Sagen hat.

Hindus demonstrieren im indischen Bhopal gegen einen angeblichen "Liebes Dschihad" | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Eine Verschwörungstheorie, die alle Vorurteile gegen Molems in Indien befeuert: In Bhopal protestieren extremistische Hindus gegen den angeblichen "Love Jihad".

Der Ton gegenüber Muslimen wird schärfer

Befeuert wird die Diskussion von der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP unter Premierminister Narendra Modi. Seit ihm im vergangenen Jahr mit einem Erdrutschsieg die Wiederwahl gelang, ist der Ton gegenüber den Muslimen noch einmal deutlich rauer geworden.

Die Verschwörungstheorie des "Love Jihad" geistert schon länger durch die sozialen Netzwerke. Doch in diesem Jahr nahm sie Fahrt auf. "Die kulturelle Aggression der Muslime durch den 'Love Jihad' ist die größte Gefahr für die indische Gesellschaft", schwadroniert etwa Surendra Kumar Jain. Er ist Generalsekretär des VHP, einer der zahlreichen radikalen Vorfeldorganisationen der Regierungspartei. "Es ist fast wie Terrorismus. Und wenn wir nicht aufpassen, wird es uns in Indien genauso ergehen wie in Frankreich, Deutschland oder England. Dort fordern die Muslime doch bereits die Einführung der Scharia."

Aus Verschwörungstheorie wird ein Gesetz

Lange Zeit wurden Hitzköpfe wie er als extreme Außenseiter belächelt. Doch mittlerweile ist das Gift des Minderheitenhasses tief in die Mitte der indischen Gesellschaft eingesickert. So hat Uttar Pradesh, mit 200 Millionen Einwohnern der größte Bundesstaat Indiens, in der vergangenen Woche ein eigenes Gesetz verabschiedet, das den "Love Jihad" unter Strafe stellt. Die BJP-Regierung von Uttar Pradesh gilt als noch extremistischer als die Zentralregierung.

Viele politische Analysten dachten, dass es sich bei dem Gesetz um Schaufensterpolitik handelt, um die radikale Parteibasis zu beruhigen. Doch bereits wenige Tage nach der Verkündung des Gesetzes wurde der erste Muslim festgenommen. Die hinduistischen Eltern seiner künftigen Braut hatten ihn angezeigt. Er habe Druck auf die Tochter ausgeübt, zum Islam zu konvertieren.

Beweisen lassen sich solche Vorwürfe eigentlich nie. So hatte noch im Frühjahr selbst die Zentralregierung eingestanden, dass es in ganz Indien keinen einzigen Fall gebe, in dem "Love Jihad" nachgewiesen wurde. Trotzdem wollen die BJP-Regierungen in vier weiteren Bundesstaaten ähnliche Gesetze erlassen wie in Uttar Pradesh.

In Bangalore protestieren Menschenrechtsaktivisten gegen das Gesetz gegen den "Liebes-Dschihad" | Bildquelle: JAGADEESH NV/EPA-EFE/Shutterstoc
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Die Gegenbewegung formiert sich: In Bangalore protestieren Menschenrechtsaktivisten gegen das Gesetz gegen den "Liebes-Dschihad"

Säkularismus in Gefahr?

"Diese Gesetze sind ein direkter Angriff auf die indische Verfassung", sagt die Menschenrechtsanwältin Seema Misra. Denn die Verfassung sieht ausdrücklich vor, dass Indien ein säkulares Land ist. Der Staat habe sich aus religiösen Dingen herauszuhalten. "Die Radikalen aber sagen, das Prinzip des Säkularismus sei 'unindisch' und gegen die Werte der Hindus gerichtet. Letztlich wollen sie nichts anderes als einen hinduistischen Gottesstaat." Und so droht der Streit um eine Kuss-Szene zu einem wahren Kampf um die indische Gesellschaft auszuarten.

Leidtragende sind die interreligiösen Liebespaare. In Sonntagsreden feiern indische Politiker ihr Land gerne als gelungenes Beispiel für einen Vielvölkerstaat, in dem alle Weltreligionen friedlich zusammen leben. Doch in Wahrheit leben sie bestenfalls nebeneinander her.

Der Druck auf Liebespaare

Wie stark der Druck werden kann, hat die Wirtschaftsprofessorin Vineeta Sharma am eigenen Leib erfahren. Als sie ihren muslimischen Verlobten heiraten wollte, lehnten die Eltern das rundheraus ab. "Sie kannten selbst keine Muslime, hatten nur die üblichen Vorurteile im Kopf", erinnert sie sich. Sharma setzte sich durch, heiratete ihren Tanvir.

Sie haben ihre Liebesgeschichte jetzt auf Instagram öffentlich gemacht. Auf der Seite des "India Love Project" erzählen viele interreligiösen Paare ihre Geschichte. Innerhalb weniger Tage erreichte der Account 20.000 Abonnenten. "Das sind nur sehr wenige im Vergleich zu den Extremisten", sagt Vineeta Sharma, "aber immerhin es ist ein Anfang". 

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