Ein Mann in Uruguay raucht eine mit Marihuana gefüllte Zigarette. | Bildquelle: picture alliance / Pablo Abareng

Uruguay Gras vom Staat

Stand: 18.10.2020 08:18 Uhr

In Uruguay kann man Marihuana ganz legal in Apotheken kaufen. Die Regierung will mit der Legalisierung der Droge den illegalen Handel und den Einfluss der Mafia eindämmen. Das Problem: Die Nachfrage ist zu hoch.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Sergio Rédin erinnert sich noch gut an den Tag, als seine kleine, familiengeführte Apotheke begann, mit Marihuana zu handeln. "Das war traumatisch. Die Leute standen Schlange um den ganzen Block, drängelten, mein Telefon klingelte ununterbrochen. Wir waren völlig überfordert."

Rédins Apotheke Antártida liegt mitten im Zentrum von Montevideo. Neben Medikamenten und Hygieneprodukten werden dort auch Hanfpfeifen, Hanfmühlen, Zigarettenpapierchen und kleine, genau fünf Gramm schwere Päckchen mit Marihuana-Blüten verkauft. Feinste Qualität, alle ordentlich bedruckt mit staatlichem Gütesiegel.

Mehrere Hanf Pflanzen sind zum trocknen aufghehängt | Bildquelle: Anne Herrberg
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Zum Trocknen aufgehängte Cannabis-Pflanzen. Kiffer können einem von landesweit 157 Cannabis-Klubs beitreten, in denen gemeinsam gegärtnert wird.

Legalisierung gegen illegalen Drogenhandel

Willkommen in Uruguay, dem einzigen Land der Welt, das Cannabis nicht nur komplett legalisiert hat, sondern auch den Anbau und Verkauf regelt. "Ein Experiment, das die Rückwärtsgewandten wahrscheinlich erschrecken wird", sagte Uruguays linker Präsident Pepe Mujica, dessen Regierung das Gesetz 2013 verabschiedete.

Das Kalkül: Den Drogenbanden sollte die Geschäftsgrundlage entzogen werden, zumindest beim Cannabis-Handel. Uruguay wurde zum Pionier in einer Region, in der die Prohibition zu mehr Gewalt und größerer Macht der Mafias geführt hat. Und tatsächlich soll der illegale Hanf-Handel zwischen 2014 und 2018 um ein Fünftel zurückgegangen sein, heißt es im Bericht der staatlichen Beobachtungsstelle für Drogen.

Das heißt, in die Kassen der organisierten Kriminalität flossen etwa 22 Millionen US-Dollar weniger. Kiffen ist in Uruguay heute zwar so normal wie das Feierabendbier, dafür aber ein sehr viel strenger regulierter Genuss. Wer will, kann sein Gras selbst anbauen oder einem der 157 Cannabis-Klubs beitreten, in denen gemeinsam gegärtnert wird. Maximal 45 Mitglieder dürfen dort 99 Pflanzen beackern.

Seit 2017 ist es außerdem möglich, Marihuana ganz legal in der Apotheke zu erstehen. Käufer müssen sich offiziell mit Ausweis, digitalem Fingerabdruck und Wohnsitzbestätigung beim Postamt registrieren. Die Obergrenze liegt bei 40 Gramm pro Person und Monat. Außerdem darf nur, wer in Uruguay wohnt, Marihuana kaufen. Das kleine Land zwischen Brasilien und Argentinien wollte nicht zum Ziel von Cannabis-Tourismus werden, mit dem etwa die Niederlande zu kämpfen haben.

In einer Halle in Uruguay stehen Töpfe mit Hanf-Pflanzen | Bildquelle: AP
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Auch ein Exportgut: Hanfpflanzen dürfen seit neuestem von Uruguay aus auch ins Ausland verkauft werden.

Der Staat liefert zu wenig Cannabis

Bei Rédin gehen monatlich etwa vier Kilo Blüten über den Ladentisch. Mittlerweile vergibt er in einem Online-Kalender Termine für jeden Käufer. Alles in allem sei das ein "sehr gutes Zusatzgeschäft" für die kleinen Apotheker, meint Rédin, das Problem sei nur: "Uns fehlt es an Ware."

Denn der Staat kommt mit der Produktion nicht hinterher. Statt in geplanten zehn werden in nur zwei zugelassenen Unternehmen etwa vier Tonnen Hanf jährlich produziert - für mehr als 40.000 Kiffer, die sich registriert haben. Im ganzen Land gibt es nur 14 registrierte Apotheken. Die meisten befinden sich in oder um Montevideo, der Hauptstadt Uruguays.

Zwar stehen weitere Apotheken auf der Warteliste, doch schon die bestehenden haben mehr Anfragen als Vorräte. Vergangenen Herbst reagierte der Staat, indem er drei weiteren Unternehmen Lizenzen zum Cannabisanbau erteilte. Doch mit einer ersten Ernte ist wohl erst im April kommenden Jahres zu rechnen.

"Es reicht hinten und vorne nicht“, sagt Majo Miles, Vorsitzende der Vereinigung der Cannabis-Klubs in Uruguay. "So suchen sich die Leute ihr Gras eben anderswo." Den Schwarzmarkt, auf dem vor allem das gepresste Marihuana aus Paraguay verkauft wird, gibt es weiterhin, aber: "Das ist ein scheußliches Zeug, voller Zweige, Blätter und Chemikalien, das bläst dir den Kopf weg", sagt Majo Miles, deswegen sei ein "Mercado Gris" entstanden, eine Grauzone. "Selbst angebaute Blüten werden illegal verkauft."

Cannabis-Indoorplantage mit Pflanzen und Equipment (Foto: Zollfahndungsamt Frankfurt)
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Cannabis-Klubs, die Hanf legal anbauen, werden öfter Opfer von Überfällen. Deshalb verlegen einige den Anbau vom Feld nach innen.

Grauer Markt für grünen Stoff

Der graue Markt blüht. Uruguays Innenminister Jorge Larrañaga warf den registrierten Cannabis-Klubs kürzlich vor, Teile ihrer Ernte abzuzweigen und sogar bis nach Brasilien zu schmuggeln. "Das ist völliger Unsinn, es gibt wohl nichts und niemanden im Land, was so streng kontrolliert wird wie wir Klubs", verteidigt sich Miles.

Sie macht aber auch auf ein Problem aufmerksam. Immer wieder würden Cannabis-Klubs ausgeraubt. Auf dem Feld ihres eigenen Klubs CLUC, das versteckt im ländlichen Großraum Montevideos liegt, gab es in der Erntesaison im April einen Überfall. Die Mitglieder haben daher beschlossen, den Cannbisanbau in ein Haus mit künstlichem Licht zu verlegen. Auf dem Feld haben sie stattdessen einen Bio-Garten angelegt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 03. Dezember 2017 um 12:30 Uhr.

Korrespondentin

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Anne Herrberg, BR

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