Giorgio Gori

Bürgermeister Gori Was Bergamos Todesfälle lehren

Stand: 24.03.2020 18:00 Uhr

Kaum eine Stadt beklagt so viele Corona-Tote wie Bergamo. Der Bürgermeister der Stadt spricht über die Fehler, die Italien machte - und was andere daraus lernen sollten.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Seine zupackende und dynamische Art hat ihn vor der Coronakrise weit über die Grenzen Bergamos hinaus bekannt gemacht. Jetzt, da seine Stadt zum Symbol für das Leiden und Sterben durch Covid-19 geworden ist, wirkt der einstige Hoffnungsträger unter den Bürgermeistern Italiens müde.

Giorgio Gori sitzt von seinem Schreibtisch im Rathaus von Bergamo und hat sich per Facebook mit Auslandsjournalisten verbunden - auch um über Fehler zu sprechen, die Italien im Umgang mit dem Coronavirus gemacht hat. Zum Beispiel gleich am Anfang, als im Februar die ersten Infektionsfälle auch in der Provinz Bergamo bekannt wurden.

Ein Mann berührt den Sarg seiner Mutter bei einer Beerdigung nahe Bergamo | Bildquelle: AFP
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Ein Mann berührt den Sarg seiner Mutter bei einer Beerdigung nahe Bergamo.

"Leider hat man dann einige Tage gezögert"

"Ich habe damals tagelang gebeten, dass bei uns in der Provinz eine Sperrzone eingerichtet wird", sagt er. Es sei klar gewesen, dass sich um das Krankenhaus in Alzano, genau wie in Codogno, ein Infektionsherd verbreitet habe. "Leider hat man dann einige Tage gezögert."

Es sind Tage, die ausgereicht haben, um das Coronavirus vom Vorort Alzano in Bergamo und der gesamten Provinz rasant schnell zu verbreiten. Was der sozialdemokratische Bürgermeister nicht offen sagt: Unter anderem die lokale Wirtschaft, die Regionalregierung, aber auch Ministerpräsident Giuseppe Conte zögerten damals, eine der wirtschaftlich dynamischsten Regionen schnell unter Quarantäne zu stellen.

Konvois mit Särgen

Inzwischen haben Videoaufnahmen aus Bergamo die Welt erschüttert: Konvois von Militär-Lkw, mit denen Leichen zu Krematorien gefahren werde, weil die Verantwortlichen der Friedhöfe in der Stadt mit den virusinfizierten Toten überfordert sind. Das Zögern, gleich zu Beginn der Coronavirus-Krise, strikte Ausgangsbeschränkungen zu verhängen habe sich als tödlich erwiesen, meint Bergamos Bürgermeister.

"Auch in Italien haben wir einige Tage lang geglaubt, dass es ausreicht, ein paar Vorsichtsregeln zu beachten", sagt er. Also: Menschenansammlungen zu meiden, Distanzvorschriften einzuhalten und ansonsten normal weiterzuleben. "Aber das kann man nicht machen."

Goris Appell aus der in Europa am stärksten betroffenen Stadt: Nehmt die Erfahrungen aus Bergamo in der Coronavirus-Krise ernst, greift eher früher als später zu konsequenten Maßnahmen. "Auch wir haben Fehler gemacht", sagt er. Niemand sei dagegen gefeit davor, diese schreckliche Epidemie zunächst zu unterschätzen.

"Wir sind erst stufenweise dazu gekommen", sagt er. Auch weil Italien das erste Land in Europa war, das von der Epidemie betroffen gewesen sei. "Länder wie Holland, Großbritannien und andere, die jetzt einige Tage Vorsprung haben, weil das Virus dort später hingekommen ist, sollten diese Tage für die Gesundheit ihrer Bürger nutzen." Sie sollten Maßnahmen vorziehen und nicht darauf warten, dass sich die Epidemie ausbreite.

Welche Rolle hatte das Fußballspiel?

Der Bürgermeister äußerte sich auch zur Theorie, das Fußballspiel zwischen Atalanta Bergamo und Valencia, mit 40.000 Besuchern im Stadion, habe zur weiteren Verbreitung des Virus beigetragen. Dies sei derzeit Spekulation, meint Gori. Wichtig sei ihm aber der Hinweis, dass das Spiel stattgefunden habe, bevor das Virus erstmals bei Italienern im Land identifiziert wurde. "Da damals alle unwissend waren, so der Bürgermeister, könne niemandem Leichtsinn vorgeworfen werden."

Nach seinen Informationen, betont Gori, sei der entscheidende Infektionsherd in Bergamo das Krankenhaus im Vorort Alzano gewesen. Es sei davon auszugehen, erläutert der Bürgermeister, dass hier bereits im Januar und Anfang Februar zahlreiche der Patienten, die an einer Lungenentzündung gestorben sind, mit dem Coronavirus infiziert waren.

Dies, sagt Gori, sei eine weitere Lehre aus dem Drama seiner Stadt: Möglichst viele Patienten sollten zu Hause behandelt werden, auch mit Sauerstofftherapie - um zu verhindern, dass Krankenhäuser zu Infektionsherden werden.

Zum Abschluss gab es von Gori einen Dank: Unter anderem an Deutschland, wo das Bundesland Sachsen sich bereit erklärt hat, einige der Coronavirus-Patienten aus der Provinz Bergamo aufzunehmen.

Appell von Bergamos Bürgermeister Gori zu Corona-Pandemie: "Auch wir haben Fehler gemacht"
Jörg Seisselberg, ARD Rom
24.03.2020 15:45 Uhr

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