In einem Krankenhaus in Sarajavo liegt ein Corona-Patient | AFP

Corona auf dem Westbalkan Große Unterschiede bei Impfkampagnen

Stand: 18.04.2021 04:15 Uhr

Während im Kosovo die Triage bevorstehen könnte, lädt Serbien werbewirksam alle zum Impfen ein - wegen großer Ungleichheit im Anti-Corona-Kampf wächst auf dem Westbalkan vielerorts die Wut. Ein Überblick.

Von Ariane Dreisbach, ARD-Studio Wien

Es fehlt Impfstoff, die maroden Gesundheitssysteme sind überlastet, die Wirtschaftszahlen ob der hohen Arbeitslosigkeit schlecht. Laut dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) wird es bei der aktuellen Geschwindigkeit in Teilen des Westbalkans noch Jahre dauern, die Bevölkerung zu impfen. Gleichzeitig hängt laut wiiw von den Impfraten ab, wie schnell sich die Wirtschaft wieder fängt: Serbien sei auf einem guten Weg, während Bosnien und Herzegowina sich erst 2022 wirtschaftlich von der Pandemie erholt haben werde, Montenegro sogar erst 2023.

Bosnien und Herzegowina: Kaum Impfungen, viele Proteste

"Was für eine Erniedrigung für alle Bürger Bosniens und Herzegowinas!" So beschreibt eine Frau aus Sarajevo ihr Gefühl in Belgrad, wo sie sich gegen Covid-19 impfen ließ, weil die Regierung ihres Landes an der Impfstoff-Beschaffung scheiterte. Die Menschen in Bosnien und Herzegowina sind wütend auf ihre Politiker. Der Vorwurf: Diese würden sich lieber innenpolitischen Querelen hingeben, anstatt Impfstoff zu besorgen.

Im März lag der Sieben-Tage-Inzidenzwert teilweise bei über 1000. Inzwischen hat sich nach verschärften Einschränkungen die Lage in Bosnien und Herzegowina verbessert, seit Beginn der Pandemie gab es aber mehr als 7700 Tote. Das sind bei 3,3 Millionen Einwohnern mehr als 225 Corona-Tote pro 100.000 Einwohner. Vereinzelt mussten Angehörige sogar auf Beerdigungen warten, weil die Bestatter überlastet waren. Weil Impfstoff fehlt, gab es Proteste, die andauern dürften.

Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei Landesteilen, der Föderation Bosnien und Herzegowinas und der serbischen Republika Srpska. In der Föderation ist noch nicht einmal das medizinische Personal komplett geimpft, geschweige denn die mehr als 60.000 Menschen, die sich allein im Kanton Sarajevo zur Impfung angemeldet haben. In der Republika Srpska haben die Impfungen für Menschen über 65 begonnen.

In Sarajevo protestieren Bürger gegen die Regierung und kritisieren ungenügende Maßnahmen gegen das Coronavirus | EPA

Unzufrieden und voller Wut auf ihre Regierung: In Sarajevo protestieren Bürgegen unzureichende Corona-Schutzmaßnahmen. Bild: EPA

Serbien: Impfhoffnung für den Westbalkan

Auch in Serbien sind die Corona-Zahlen nach wie vor besorgniserregend hoch. Trotzdem hat das Land in der jüngsten Zeit positive Schlagzeilen mit dem Impfen gemacht. Ungeachtet der Nationalität können sich dort prinzipiell alle zu einer Impfung anmelden. Dass Serbien großzügig den Westbalkan mitimpft, ist auch den politischen Interessen von Präsident Aleksandar Vučić geschuldet: als EU-Beitrittskandidat - der auch enge Verbindungen zu Russland und China pflegt. Seit dieser Woche stellt Serbien als erstes europäisches Land in Kooperation mit Russland den russischen Impfstoff Sputnik V selbst her. Anfang Juni sollen die ersten Dosen zur Impfung bereitstehen.

Nordmazedonien: 20.000 Euro für eine Behandlung

In den überfüllten staatlichen Krankenhäusern Nordmazedoniens sind Sechsbettzimmer für Covid-Patienten die Regel, die Sterberaten sind hoch. Wer es sich leisten kann, lässt sich in Privatkliniken behandeln - die laut Gesundheitsminister bis zu 20.000 Euro für eine Corona-Behandlung berechnen. Die Forderung der sozialdemokratisch geführten Regierung unter Zoran Zaev an die privaten Krankenhäuser, ihre Preise zu senken, lehnten diese ab.

Seit Beginn der Impfungen Anfang April haben gerade einmal 26.000 der offiziell knapp zwei Millionen Einwohner eine erste Corona-Impfdosis bekommen, auch wenn sich schon 150.000 Menschen online für die Impfung angemeldet haben. Laut dem Gesundheitsministerium in Skopje sollen bis Monatsende allerdings 200.000 Impfdosen aus China geliefert werden. Dass die chinesischen Corona-Impfstoffe möglicherweise nur geringen Schutz bieten, wird nicht kommentiert. Nach der Rekordzahl von mehr als 1500 Corona-Neuinfektionen pro Tag vor zwei Wochen sinken die Zahlen in Nordmazedonien nun. Allerdings registrierte das Land zuletzt rund 950 neue Coronafälle und 33 Todesfälle.

Impfzentrum in Skopje (Nordmazedonien) | dpa

Es gibt Impfzentren in Nordmazedonien - aber die Zahl der Geimpften ist noch niedrig. Bild: dpa

Kosovo: Ärzte befürchten Triage

Auch der Kosovo ist ein Schlusslicht beim Impfen. Bisher wurden im Kosovo nur 10.000 Menschen geimpft - Ärztinnen und Ärzte und Menschen über 80. Unterdessen steckten sich in den vergangenen Wochen noch mehr Menschen an und starben. Zuletzt gab es in dem Land mit knapp zwei Millionen Einwohnern 700 Infizierte und 14 Corona-Tote. Ärzte befürchten eine Situation, in der nicht alle Patienten medizinisch versorgt werden können. Damit die Corona-Zahlen sinken, wurden Gastronomie und Einkaufszentren im Kosovo für zwei Wochen geschlossen. Um dem zu entgehen, machten am vergangenen langen Wochenende nach Regierungsangaben fast 30.000 Menschen einen Kurztrip nach Albanien. Für die Einreise ins Nachbarland ist kein negativer Corona-Test erforderlich.

Bürger aus dem Kosovo kommen in Albanien an, um sich impfen zu lassen | AP

Zum Impfen kurz über die Grenze: Bürger aus dem Kosovo kommen im albanischen Kukes an. Bild: AP

Albanien: Corona-Entspannung vor der Parlamentswahl

In Albanien hat sich die Corona-Lage zuletzt verbessert. Seit zwei Wochen sinken die Infektionszahlen und die der Corona-Toten. In den letzten Tagen gab es rund 170 Neuinfektionen und vier Tote. Bisher wurden mehr als 280.000 der knapp drei Millionen Einwohner geimpft. Laut Gesundheitsministerin sollen es bis Ende Mai mehr als 500.000 sein. Vor der Parlamentswahl am 25. April wächst die Sorge, dass sich wieder mehr Menschen bei Kundgebungen anstecken könnten.

Montenegro: Gesundheitssystem nicht mehr überlastet

Der kleinste Balkanstaat Montenegro impft seine gut 620.000 Einwohner seit Ende Februar. Nach offiziellen Angaben sind bisher knapp 50.000 Impfdosen verabreicht worden, fast doppelt so viele Menschen haben sich für die Impfung angemeldet. Das Gesundheitssystem ist nicht mehr an der Belastungsgrenze. Zuletzt meldete Montenegro rund 180 neue Fälle und sieben Corona-Tote.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 05. Februar 2021 um 17:45 Uhr.