Stadtansicht von Genf | picture alliance / imageBROKER

Beschluss des Stadtparlaments "Null Werbung" in Genf ab 2025

Stand: 17.09.2021 03:52 Uhr

Eine Stadt ohne kommerzielle Werbeplakate? Das Projekt "Zero Pub" einer Bürgerinitiative in Genf soll Realität werden. Eine linke Mehrheit im Parlament hat beschlossen, dass die Werbung ab 2025 aus der Stadt verschwinden soll.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Zürich

"Werbung verschandelt die Stadtlandschaft", sagt Emmanuel Deonna von der Initiative "Zéro Pub" - also: "null Werbung". "Ohne Werbung würden wir hier das Flussufer der Arve sehen und die schönen Bäume auf den Quais." Doch hier, im Genfer Stadtteil Carouge, versperren mehrere hintereinander auf dem Trottoir installierte Plakatwerbewände die Sicht.

Kathrin Hondl

Da ist eine Werbung für eine Krankenkasse, für die Schweizer Supermarktkette Migros und die Unterwäsche-Marke Calida. "Sexistisch!", kommentiert Emmanuel das Foto mit den jungen Frauen in Unterhosen und BHs. Auch die Kaffeekapseln auf dem nächsten Plakat kommen nicht besser weg. Und erst recht nicht die Werbung für Kreditkarten.

"Die behaupten, dass wir überall willkommen seien. Mit ihren Goldkarten und so. Aber leider gibt es viele Menschen, die weder Visa noch Mastercard haben und die sich jeden Monat fragen, wie sie ein bisschen Geld auf ihre Prepaidkarten bekommen. Da werden Träume verkauft, die für viele hier im Viertel unerreichbar sind", so Emmanuel.

Vier Jahre im Einsatz für die "Befreiung"

Aber damit soll nun bald Schluss sein. Als erste Stadt in der Schweiz will Genf kommerzielle Werbeplakate ab 2025 aus dem öffentlichen Raum verbannen. So hat es gerade die rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament beschlossen. Ein erster Erfolg für die "Null Werbung"-Initiative. Die kämpft seit vier Jahren für die - so nennen es Emmanuel und seine Mitstreiterinnen - "Befreiung" der Genfer Straßen. Auslöser war damals eine außergewöhnliche Situation: Der Vertrag mit einer Werbefirma war ausgelaufen, der neue noch nicht in Kraft.

"Zwei Wochen lang blieben 3500 Plakatflächen leer", berichtet Emmanuel. "Und viele Leute fingen an, auf die weißen Flächen zu malen, zu zeichnen oder einfach Sprüche draufzuschreiben. Es entstanden richtige Kunstwerke. Man hatte den Eindruck, die Leute erobern sich ihre Stadt zurück. Also: Warum nicht einfach richtig Schluss machen mit der Werbung?"

Ein Straßenkünstler arbeitet an einem Wandbild im Fontenette-Viertel in Carouge, Schweiz. | EPA

Im Genfer Stadtteil Carouge gibt es viele Straßenkünstler - hier ein Kunstwerk der Aktion "Pump Up The Jam". Gigantische Wandbilder wurden an Gebäuden gemalt, die abgerissen werden sollten. Bild: EPA

Einwohner dürfen kreativ werden

Allein Plakate für kulturelle Veranstaltungen sollen ab 2025 in Genf erlaubt sein. Ansonsten soll die Kreativität der Bürgerinnen und Bürger wieder eine Spielwiese bekommen. Eine Idee, bei der die konservativ-liberale Oppostitionspolitikerin Michèle Roullet rot sieht - tiefrot.

Das sei Zensur nach Sowjet-Manier, sagt sie: "Das wird teuer für die Stadt. Wir werden fast 4,5 Millionen Franken an Einnahmen verlieren. Und es ist zu befürchten, dass die Kreativität der Bürger auf den frei werdenden Flächen scheußliche Graffitis hervorbringt!"

Internationale Schützenhilfe

Über das Werbeverbot ist also ein Kulturkampf entbrannt im sonst so gediegenen Genf. Umso mehr freuen sich die Verfechter der "Null-Werbung"-Initiative über internationale Schützenhilfe.

"Genf ist die Stadt der Menschenrechte, der Vereinten Nationen und internationalen Organisationen", sagt Emmanuel. "Und es gibt einen langen UN-Bericht zu kulturellen Menschenrechten, der sagt: Kommerzielle Werbung drängt uns zu schädlichem Verhalten für Menschen und Umwelt. Deshalb sollte sie so weit als möglich eingeschränkt oder verboten werden, um unsere Unversehrtheit zu schützen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 16. September 2021 um 06:37 Uhr.