Peter Marki-Zay posiert für ein Foto mit einem Unterstützer. | REUTERS

Wahlkampf in Ungarn Kann es die Opposition schaffen?

Stand: 23.02.2022 14:55 Uhr

Es zeichnet sich ein enger Wahlkampf in Ungarn ab. "Jetzt oder nie" - so das Motto des Oppositionsbündnis, das Orbáns Regierungspartei Fidesz herausfordert und von einer "Schicksalswahl" spricht.

Von Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

Zum Start in die heiße Phase des ungarischen Wahlkampfs sieht es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus: die erstmals verbündete Opposition "Vereint für Ungarn" - ein Anti-Orbán-Bündnis aus sechs Parteien von links bis ziemlich rechts - gegen Viktor Orbáns rechtspopulistische Regierungspartei Fidesz.

Wolfgang Vichtl ARD-Studio Wien

"Kopf-an Kopf" ist allerdings eine eher schlechte Nachricht für die Opposition. Mindestens fünf Prozent Vorsprung bräuchte sie, um die große Regierungspartei Fidesz zu schlagen. Orbáns Parlamentsmehrheit hat in den zwölf Jahren an der Macht das ungarische Wahlrecht und wichtige Wahlkreise auf sich zugeschnitten. Fast alle Medien sind fest in der Hand von Orbán-Freunden, auch die meisten Plakatwerbeflächen und Litfaßsäulen.

Korruption ein zentrales Thema der Opposition

"Jetzt oder nie" - das ist die Stimmung, mit der sich das Bündnis gegen Orbán Mut macht, beim Start in die heiße Phase. Von "Schicksalswahl" ist die Rede, für Ungarn, für die Demokratie. Der gemeinsame Spitzenkandidat ist Péter Márki-Zay, er nennt Orbán einen "Dieb".

Die Korruption in Ungarn ist ein großes Wahlkampfthema für Márki-Zay: "Ein ehrbarer, christlicher Konservativer dürfe nicht reinen Gewissens für Fidesz stimmen!" - ruft der Herausforderer in seiner Wahlkampfrede. Das ist sein Markenkern, wie er schon nach seiner überraschenden Nominierung letzten Herbst erklärt hatte.

Orbáns Herausforderer: Márki-Zay

Der Marketing-Experte Márki-Zay ist ein ehrbarer, sehr christlicher Konservativer. Ein Familienvater mit sieben Kindern, wie er immer wieder betont. Einer, der so ist, wie die Fidesz-Leute vorgeben zu sein, sagt er. Noch dazu einer, der früher überzeugt Fidesz gewählt hat. Also wählbar für Fidesz-Wähler?

"MZP", so sein Spitzname, ist Quereinsteiger und parteiunabhängig. Er war lange Zeit Auslands-Ungar, in Kanada und den USA - hat aber als Bürgermeister der 45.000-Einwohner-Stadt Hódmezővásárhely - ehemals eine Fidesz-Hochburg - gezeigt, wie man Fidesz besiegen kann. Das soll er jetzt bei den Parlamentswahlen wiederholen. Das machte ihn zum Kompromisskandidaten und Hoffnungsträger auch für die, die selbst ganz vorne stehen wollten.

"Schicksalswahl" hält Opposition zusammen

Klára Dobrev zum Beispiel: Sie ist Sozialdemokratin, Ex-Vize-Präsidentin des Europaparlaments und jetzt für die "Demokratische Koalition"/DK im Team Márki-Zay. Ihr Ehemann, Parteichef Ferenc Gyurcsány, war schon mal Ministerpräsident, nach der Regierung "Orbán 1", bis zur Regierung "Orbán 2". Jetzt unterstützt Dobrev Márki-Zay: "Es kann an ein paar tausend Stimmen liegen, ob Orbans System bleibt oder ein freies, ehrbares Ungarn kommen wird - eine Schicksalswahl", sagt sie.

Dieses "Schicksal" hält die Opposition zusammen. "Für DK-Wähler war es erst schwierig", sagt Gergely Arató, früher Staatssekretär, jetzt Kandidat in Budapest für die sozialdemokratische DK, "aber wir haben das überwunden". Schwierig, weil für viele ein Bündnis zum Beispiel mit der rechten Jobbik-Partei undenkbar war.

Jobbik: nach wie vor rechtsextrem?

Koloman Brenner winkt ab, die Rechtsextremisten habe man aus der Partei geworfen, die "neue" Jobbik-Partei sei jetzt "christdemokratisch". Außerdem stark auf dem Land, also unverzichtbar beim Versuch, Fidesz-Wähler zur Opposition zu ziehen.

Koloman Brenner ist Ungarn-Deutscher aus Sopron, er sagt lieber: Ödenburg. Brenner ist Politik-Profi. Er ist einer der Vize-Präsidenten des ungarischen Parlaments und Vordenker der "neuen Jobbik". Der Fehler der ungarischen Opposition sei immer gewesen, dass jede Partei einzeln gegen Orbán antreten wollte: "Chancenlos".

Koloman Brenner | Attila Poth, ARD-Studio Wien

Koloman Brenner ist der Vordenker der "neuen" Jobbik-Partei, rechts, aber jetzt auch "christdemokratisch". Wählbar vor allem auf dem Land für Fidesz-Wähler, so das Kalkül des Anti-Obán-Bündnisses. Bild: Attila Poth, ARD-Studio Wien

Deshalb jetzt das Experiment mit Márki-Zay. Der komme aus der zivilen Gesellschaft, ohne Erfahrung in der Parteipolitik, das sei ein Vorteil und ein Nachteil, sagt Brenner. Klingen da leichte Zweifel durch, ob das mit "MZP" klappen könnte? Brenner beschreibt den Kompromisskandidaten mit den Worten "eigenwillig", aber "doch sehr sympathisch und charismatisch."

Schmähplakate gegen den Herausforderer

Fidesz und die hilfreichen Freunde des "Systems Orbán" tun sich sichtbar schwer mit dem Kandidaten Márki-Zay. Auf vielen Plakatflächen und Litfaßsäulen in Budapest wird der Herausforderer gerade verspottet, als "Mini-Feri", als geklonte Marionette des als Ex-Regierungschef unbeliebten Ferenc Gyurcsány, in der Bösen-Rolle des "Mr. Evil", frei nach der 007-Parodie "Austin Powers".

Auf einer Litfasssäule in Ungarn ist ein Plakat zu sehen, das Ferenc Gyurcsany und Peter Marki-Zay als Figuren der "Austin Powers"-Serie zeigen. | Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

Schmähplakate gegen den Herausforderer Márki-Zay in Budapest: Er wird als Marionette des unbeliebten Ex-Regierungschefs Gyurcsány verspottet. Bild: Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

Die meisten Litfaßsäulen und Plakatwände im Land gehören Lőrinc Mészáros, Ungarns Oligarch Nummer eins, ein alter Schulfreund Orbáns. Das Video, die vielen Plakate zeigen die Nervosität im Orbán-Lage, das sich wegduckt. Fest vereinbarte Interviews werden kurzfristig abgesagt. "Kopf-an-Kopf" ist für die Regierungspartei eine gewöhnungsdürftige Ausgangslage.

"Jetzt oder nie"? - "telex.hu", ein von Orbán-Freunden unabhängiges Online-Portal zählt fünf Gründe auf, warum es Márki-Zay schaffen könnte. Ein Grund: das Überraschende am Spitzenkandidaten. Davor aber listet "telex.hu" fünf gewichtige Gründe, warum es auch diesmal wieder nicht reichen könnte. Die Übermacht der Orbán-Freunde über die Medien und die Litfaßsäulen gehört dazu.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Februar 2022 um 12:45 Uhr.