Wahl in Grönland | dpa

Aufschwung oder Umweltschutz Schicksalswahl in Grönland

Stand: 06.04.2021 02:42 Uhr

Bei den vorgezogenen Neuwahlen heute geht es um eine Frage: Wird ein seit Jahren umstrittenes Bergbauprojekt genehmigt? Diese Entscheidung könnte für die Insel richtungsweisend sein.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Grönland ist etwa sechs Mal so groß wie Deutschland mit gerade Mal 56.000 Einwohnern. Die meisten verdienen ihr Geld mit dem Fischfang. Der wenige Tourismus liegt gerade wie überall brach, Arbeitslosigkeit und Abwanderung machen der Gesellschaft zu schaffen. Dabei gäbe es eine Chance für die wirtschaftliche Wende, finden einige: Im Boden schlummern wertvolle Rohstoffe, wie etwa seltene Erden. Diese braucht man zum Beispiel für die Herstellung von Batterien. In Grönland sind so große Mengen des Metalls vorhanden wie an nur wenigen anderen Orten der Welt. Bereits seit Jahren bemüht sich das australische Bergbauunternehmen Greenland Minerals darum, seltene Erden abbauen zu dürfen.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Wirtschaftlicher Aufschwung oder Umweltschutz

Die Genehmigung für den Abbau werde viel Geld in die Staatskasse spülen, rund 200 Millionen Euro jährlich verspricht das Bergbauunternehmen. Damit könnte ein weiterer Schritt in Richtung Unabhängigkeit von Dänemark Realität werden. Seit 2009 ist Grönland bereits eine teilautonome Republik mit weitgehenden Selbstverwaltungsrechten. Ein großer Teil des Haushaltes wird jedoch aus Kopenhagen finanziert.

Wenn das Bergbau-Projekt genehmigt wird, wäre das eine großartige Perspektive für die Menschen in Grönland, sagte Josef Peterson von der sozialdemokratischen Partei im Dänischen Radio. Es könnten bis zu 700 Arbeitsplätze im Bergbau entstehen und das wäre noch nicht alles, so der Politiker: "Es sind ja nicht nur die Arbeitsplätze in der Mine, sondern würde auch andere Möglichkeiten schaffen, etwa für Friseure, Kioske, Restaurants."

Nuuk in Grönland | dpa

Schnee liegt in der Hauptstadt Grönlands, Nuuk. Grönland wählt am 6. April ein neues Parlament. Eine Parlamentsmehrheit hatte sich im Zuge des Zusammenbruchs der Regierungskoalition für vorgezogenen Wahlen ausgesprochen. Bild: dpa

Gegner befürchten Verstrahlung der Gegend

Ganz anders sehen das die Gegner des Projekts. Seit Jahren weisen sie daraufhin, dass durch den Abbau seltener Erden radioaktive Stoffe freigesetzt werden könnten. Die Umgebung könne für lange Zeit verstrahlt werden. Eine derjenigen, die gegen den Bergbau protestiert, ist Aviaja Lennert. Ihr Hof liegt nur wenige Kilometer von der Mine entfernt. Sie lebt hier mit ihrer Familie und hunderten Schafen.

Ob Lennert hier bleiben kann, hänge vom Ausgang dieser Wahl ab, sagt die Schafzüchterin: "Wir haben Angst vor den Chemikalien, die austreten. Radioaktive Stoffe können die Tiere beeinflussen. Wir können hier nicht mehr leben, wenn die Mine kommt." Beteuerungen des australischen Bergbauunternehmens, dass diese Ängste unbegründet sind, kann Lennert nicht glauben. Und sie findet auch, dass es für Grönland andere Möglichkeiten gibt, mehr Geld einzunehmen: Beispielsweise durch mehr Investitionen für den Ausbau des Tourismus.

 Klimawandel legt Schätze im Boden frei

Höhere Temperaturen lassen Schnee und Eis schmelzen. Noch sind etwa 80 Prozent der Insel von teils Kilometer dicken Eis bedeckt, jedoch verschwinden jedes Jahr Milliarden Tonnen im Meer. Dadurch können Rohstoffe immer einfacher abgebaut werden. In den vergangenen Jahren rückte Grönland zunehmend in den Fokus internationaler Großmächte: Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump wollte die Insel vor zwei Jahren kaufen, bekam aber eine Absage von der dänischen Regierung.

Auch China hat ein Interesse an den Bodenschätzen und ist bereits in zwei Projekten involviert. Außerdem ist eine chinesische Holding Teilhaber des Bergbauunternehmens Greenland Minerals, was sich derzeit um den Abbau seltener Erden bemüht.

Diese internationalen Machtspielchen interessieren die Grönlander am heutigen Wahltag eher weniger. Ihnen, den Befürwortern und Gegnern des Bergbau-Projekts, geht es schlicht um die Zukunft ihres Landes. Einerseits aus Angst vor einer Umweltkatastrophe, andererseits aus Vorfreude auf bessere, wirtschaftlichen Zeiten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. April 2021 um 02:10 Uhr.