Strand von Antalya mit Touristen (Archiv) | dpa
Reportage

Ukrainische Waisenkinder in Antalya Als Flüchtlinge ins Ferienparadies

Stand: 09.04.2022 12:01 Uhr

Für 800 ukrainische Waisenkinder ist Antalya zum Zufluchtsort geworden. Ein ukrainischer Geschäftsmann hat sie vor kurzem dorthin in Sicherheit gebracht - erstmal für ein halbes Jahr.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Sie rutschen, schaukeln, klettern: die ukrainischen Waisenkinder tummeln sich auf einem der Spielplätze in Antalya. Ruslan Schosdak schaut ihnen zu:

Wenn du die Bilder aus Butscha siehst, aus Hostomel, aus Mariupol oder aus anderen ukrainischen Städten, dann freust du dich, die Kinder hier in diesem sonnigen Park spielen zu sehen. Du freust dich, dass du sie in Sicherheit bringen konntest - für einige Tage, einige Monate. Ich fühle mich geehrt, für diese Kinder was tun zu können.
Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Schosdak ist ukrainischer Unternehmer, ein ruhiger Mann mit rot-blondem Vollbart in T-Shirt und Jeans. Als der Krieg Ende Februar in seinem Land ausbricht, ist er gerade in der türkischen Stadt Antalya. Knapp 80.000 Waisenkinder gibt es in ukrainischen Heimen. Zumindest einem Teil will er das Kriegstrauma ersparen.

Waisenkinder und ihre Betreuerinnen aus der Ukraine in Antalya | ARD

Waisenkinder und ihre Betreuerinnen aus der Ukraine in Antalya. Bild: ARD

"Hier fliegen keine Raketen"

Über Polen kamen die ersten Kinder vergangene Woche in Antalya an. Hanna ist zehn Jahre alt, ein zierliches, aber selbstbewusstes Mädchen mit dunklen Haaren. Sie ist so froh, hier zu sein: "Ja, weil über mir keine Raketen und Flugzeuge mehr fliegen. Ich habe sie gehört, und die Explosionen. Das hat mir wirklich Angst gemacht."

In dem Moment verliert sich der Blick der Kleinen. Sie scheint für einen Moment weit weg, zu Hause in ihrer Heimatstadt Dnipropetrowsk. Die liegt rund 460 Kilometer südöstlich von Kiew. Hanna bekommt dort nur ein paar kleinere Angriffe mit.

Vor wenigenTagen, erzählt der ukrainische Vize-Konsul von Antalya, Sergej Kaian, wurde die Großstadt massiv bombardiert: "Unser Hautproblem ist, die Kinder so früh wie möglich zu evakuieren. Denn wenn die Russen die Städte bombardieren oder die Zugverbindungen, dann müssen sie bleiben, wie zum Beispiel in Mariupol."

Türkische Unternehmer und die Regierung helfen

Sie wollen noch weitere Waisenkinder mit ihren Betreuern nach Antalya holen, insgesamt mindestens 3000, vielleicht auch 5000, erklärt der junge Mann mit Sonnenbrille und weißbesticktem ukrainischem Folklore-Hemd. Türkische Unternehmer und die Regierung helfen, damit das Geld fürs Essen und eine Krankenversicherung reicht - und vor allem die Unterbringung in Hotels. Um die kümmert sich der Geschäftsmann Schosdak:

Da gibt ganz unterschiedliche Angebote. Es hat leider auch Hotels gegeben, die uns sehr hohe Preise angeboten haben, praktisch das Maximale, was sie kriegen können. Aber es gab und gibt aber auch welche, die uns ihre kleinen Hotels zumindest bis zum Saisonbeginn ganz günstig angeboten haben. Die bezahlen wir jetzt und suchen parallel noch nach anderen Lösungen. Wir haben die Hotels ausgesucht, in denen die Kinder garantiert die nächsten Monate bleiben können.

Infrastruktur für Unterricht aufbauen

Sie planen mit mindestens einem halben Jahr. Sollte der Krieg früher zu Ende sein, gehen sie natürlich früher, versichert er. Wirklich daran glauben scheinen er und auch der Vize-Konsul nicht. Im Moment bauen sie die Infrastruktur für Unterricht auf, erzählt er: "Wir versuchen sie gerade mit ihren Lehrern zu Hause zu verbinden. So lange helfen die Erwachsenen aus, die mitgekommen sind. Und ich denke, in den nächsten zwei bis drei Wochen können wir auch ein paar Ausflüge organisieren und Unterrichtsstunden anbieten zur türkischen Kultur und Sprache."

Zuhause in der Ukraine hatten Hanna und die anderen vor dem Krieg schon Online-Unterricht wegen Corona. Nur im Moment klappt es mit dem Internet noch nicht, erzählt die Zehnjährige.

"Besser, als jeden Tag im Bunker zu sitzen"

Sie schwärmt vom Meer, will bald Schwimmen gehen. Im Moment ist es noch ein bisschen zu kalt: "Da freue ich mich so sehr drauf. Das ist besser, als jeden Tag im Bunker zu sitzen. Ich hab immer Angst um meine Freunde gehabt, dass sie sterben könnten. Ich vermisse meine Heimat sehr, kann aber noch nicht zurück."

Sie spricht wie selbstverständlich vom Tod. Die anderen Kinder sind ganz still, hören ihr zu.

"Für ein paar Minuten vergessen"

Eine der Betreuerinnen ist Jewgenija Rebecca, eine junge Frau im Glitzershirt mit wasserstoffblonden langen Haaren. Ihr Zopf reicht über den ganzen Rücken. "Wir fühlen uns hier so sicher. Wenn wir am Meer spazieren gehen, vergessen wir mal für eine Minute oder zwei, was in unserer Heimat passiert", sagt sie.

Die meisten kennen Antalya, auch wenn keiner von ihnen schon mal hier war, erzählt sie, während ein Ferienflieger nach dem anderen über ihren Kopf donnert.

Antalya - beliebtes Urlaubsziel der Ukrainer

Die Urlaubshochburg ist bekannt in der Ukraine. In Friedenszeiten kommen viele Ukrainer hierher. Umso unwirklicher erscheint Jewgenija Rebecca die Situation jetzt. Fühlen sie und die Kinder sich als Touristen oder doch als Flüchtlinge? "Ich kann diese Frage nicht genau beantworten, weil wir uns nicht als Flüchtlinge fühlen. Aber weil uns Freiwillige helfen, klar, verstehen wir irgendwie, dass wir doch Flüchtlinge sind. Wir werden hier mit allem versorgt."

Und trotzdem ist auch der kleinen Hanna ganz wichtig, bald wieder zurück nach Hause gehen zu können. Sie träumt davon: "Ich möchte mal Freiwillige werden, um für Menschen da zu sein, die Hilfe brauchen."

Dann bedankt sie sich ganz spontan auf Türkisch und hüpft zu ihren Freunden. Die stellen sich gerade zum Abmarsch auf, in Zweierreihen halten sie sich an den Händen. Es geht zum Mittagessen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 09. April 2022 um 06:25 Uhr.