Zerstörte Fahrzeuge nach einem Raketenangriff in Saporischschja | REUTERS

Beschuss in Saporischschja 30 Zivilisten durch Raketenangriff getötet

Stand: 30.09.2022 20:28 Uhr

In Saporischschja sind bei einem Raketenangriff auf eine Autokolonne nach ukrainischen Angaben mindestens 30 Zivilisten getötet worden. Ukrainische Truppen rücken auf die strategisch wichtige Stadt Lyman vor.

Bei einem Angriff auf Zivilisten in der Region Saporischschja im Süden der Ukraine sind nach Angaben der ukrainischen Polizei mindestens 30 Menschen getötet worden. Russland und die Ukraine werfen sich den Beschuss gegenseitig vor.

Der Angriff auf die Zivilisten ereignete sich der Ukraine zufolge nahe einem Kontrollpunkt zwischen dem ukrainisch kontrollierten und dem von Russland besetzten Teil der Region. Die Raketen trafen Menschen, die in ihren Autos darauf warteten, in russisch besetztes Gebiet einzufahren, sagte der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinez. Sie wollten demnach Angehörige in ukrainisch kontrolliertes Gebiet holen.

Wohl 50 Menschen verletzt

Der ukrainische Gouverneur Olexandr Staruch berichtete im Online-Dienst Telegram zunächst von 28 Menschen, die verletzt worden seien. Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine sprach von 50 Verletzten. Staruch machte Russland für den Beschuss verantwortlich.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Pro-russische Behörden machen Ukraine verantwortlich

Prorussische Behörden warfen ihrerseits der Ukraine vor, für den "Terrorangriff" verantwortlich zu sein. Das "Kiewer Regime" versuche, den Vorfall als Beschuss durch russische Einheiten darzustellen, schrieb der prorussische Behördenvertreter Wladimir Rogow auf Telegram. Dies sei eine "ruchlose Provokation", "ukrainische Kämpfer" hätten "einen weiteren Terrorakt begangen". 

Ziel des Angriffs sei es gewesen, Zivilisten daran zu hindern, die russisch besetzten Gebiete zu erreichen. Die Ukraine habe "unsere Leute" angegriffen. Beide Seiten veröffentlichten Fotos von zerstörten Autos und daneben liegenden Leichen, die die Folgen des Angriffs zeigen sollen. Belege dafür wurden nicht genannt.

Selenskyj: "So können nur absolute Terroristen handeln"

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht Russland verantwortlich für den Beschuss. Er schrieb auf Telegram: "So können nur absolute Terroristen handeln, für die in der zivilisierten Welt kein Platz ist". Moskau wolle sich für seine Misserfolge und den ungebrochenen ukrainischen Widerstand rächen. Für jedes verlorene Leben von Ukrainern werde Moskau zur Verantwortung gezogen.

Die ukrainische Regionalverwaltung von Saporischschja erklärte den Samstag zum Tag der Trauer um die 25 getöteten Zivilisten. In dem Gebiet gebe es keine militärischen Einrichtungen und es habe sich auch kein Militär dort befunden, betonte sie.

Angriffe auch in Dnipro und Mykolajiw

Unter Raketenbeschuss geriet auch die Großstadt Dnipro. Mindestens ein Mensch starb und fünf wurden verletzt. In Mykolajiw habe eine russische Rakete in einem Hochhaus eingeschlagen und acht Menschen verletzt, sagte Gouverneur Witalij Kim. Die ukrainische Luftwaffe meldete neuerliche Drohnenangriffe auf Mykolajiw und Odessa. Die vom Iran gelieferten Drohnen setzte Russland in den vergangenen Wochen verstärkt ein, offenbar um Verluste weiterer Piloten zu vermeiden.

Pro-russischer Behördenvertreter in Cherson getötet

In der benachbarten russisch besetzten Region Cherson wurde nach Angaben Staruchs außerdem ein prorussischer Behördenvertreter getötet. Der stellvertretende Sicherheitschef der Region, Alexej Katerinitschew, sei bei einem "präzisen Angriff" durch die ukrainischen Streitkräfte getötet worden, erklärte der stellvertretende prorussische Verwaltungschef von Cherson, Kirill Stremusow, nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Tass. Demnach wurden zwei Geschosse mithilfe eines HIMARS-Raketenwerfers auf sein Haus abgefeuert.  

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte gestern die Unabhängigkeit der Regionen Saporischschja und Cherson per Dekret anerkannt. Für heute ist in Moskau eine Zeremonie geplant, bei der diese beiden Regionen sowie Luhansk und Donezk von Russland annektiert werden sollen. International wird dieses Vorgehen verurteilt und nicht anerkannt.

Lyman wohl eingekesselt

Die ukrainischen Truppen sind nach Angaben des prorussischen Separatistenanführers Denis Puschilin auf die strategisch wichtige Stadt Lyman in der ostukrainischen Region Donezk vorgerückt.

Die Nachrichten von der Front seien alarmierend, schreibt der von Russland unterstützte Verwalter der selbsternannten Volksrepublik Donezk auf Telegram. Lyman sei "halb umzingelt". Zwei Dörfer in der Nähe der Stadt würden bereits nicht länger vollständig kontrolliert - Yampil und Drobysheve.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/29.09.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/29.09.2022

In Lyman lebten vor Ausbruch des Kriegs etwa 20.000 Menschen. Russland nahm die Stadt im Mai ein. Seit die Ukraine in diesem Monat in einer Gegenoffensive russische Streitkräfte in der nahe gelegenen Region Charkiw in die Flucht geschlagen hat, steht sie im Zentrum erneuter Kämpfe.

Norwegen verschärft Kontrollen an Grenze zu Russland

Aber nicht nur in der Ukraine verschärft sich die Lage mancherorts: Mit Blick auf die durch Putin angeordnete Teilmobilisierung russischer Reservisten behält Norwegen seine Grenze zu Russland intensiver im Auge. Man kontrolliere die norwegisch-russische Grenze nun stärker und erhöhe das Bereitschaftsniveau, teilte das norwegische Justizministerium mit.

Die Mobilisierung in Russland und ein mögliches Ausreiseverbot für russische Staatsbürger erhöhe das Risiko illegaler Grenzübertritte. Noch heute sollte deshalb ein Polizeihubschrauber in der Region stationiert werden, um mögliche rechtswidrige Übertritte besser im Blick behalten zu können. Norwegen grenzt im hohen Norden auf 198 Kilometern Länge an Russland. Einziger offizieller Übergang ist die Grenzstation Storskog.

Der gemeinsame Nachbar Finnland, der eine 1340 Kilometer lange Grenze zu dem Riesenreich hat, lässt russische Touristen ohne triftigen Einreisegrund seit heute nicht mehr ins Land.