Munition liegt auf dem Boden nach einem Kampf zwischen ukrainischen und russischen Einheiten bei Charkiw (Ukraine) | AP

Munition im Krieg um die Ukraine Ausgebrannt

Stand: 22.05.2022 09:42 Uhr

Fast drei Monate Krieg in der Ukraine - und ein Ende ist nicht absehbar. Je länger aber die Kämpfe dauern, desto größer wird der Verbrauch an Waffen und Munition. Was bedeutet das für beide Seiten?

Von Eckart Aretz, tagesschau.de

Das Wort vom Abnutzungskrieg: Je länger der Angriff Russlands auf die Ukraine anhält, desto öfter ist diese Beschreibung der Auseinandersetzung zu hören. Statt des von Russland offenkundig erhofften schnellen Zusammenbruchs der ukrainischen Armee könnte sich das Kampfgeschehen nach Einschätzung von Militärexperten noch Monate hinziehen.

Eckart Aretz tagesschau.de

Die Ukraine selbst spricht von einem "Stellungskrieg" im Osten des Landes, der, so Präsidentenberater Mychailo Podoljak, "eine Weile" dauern werde - und hinsichtlich der Ressourcen "sehr kostspielig" sein werde.

Für beide Seiten bedeutet das: Sie müssen sicherstellen, dass sie noch auf Monate hinaus nicht nur genügend Waffen, sondern auch ausreichend Munition haben. Das stellt die Ukraine und Russland vor unterschiedliche Herausforderungen.

Ballistische Raketen werden knapp

Auf russischer Seite, sagt der Militärexperte Gustav Gressel gegenüber tagesschau.de, würden ballistische Raketen vom Typ Iskandr und Marschflugkörper vom Typ Kalibr "langsam knapp". Dies könne man daran ablesen, dass inzwischen auch ältere Typen eingesetzt würden.

Der frühere stellvertretende US-Außenminister und Brigadegeneral Mark Kimmitt stellte gegenüber dem "Handelsblatt" fest, es sehe danach aus, als ginge der russische Vorrat an Präzisionswaffen zur Neige. Theoretisch kann Russland zwar selbst für Nachschub sorgen - aber das kann dauern und möglicherweise viel mehr Zeit beanspruchen, als der Kriegsverlauf zulässt.

Auch ist unklar, wie sich hier die internationalen Sanktionen auf Russlands Möglichkeiten auswirken, einzelne Bauteile wie etwa Chips im Ausland zu erwerben. Schon im März gab es deshalb - energisch dementierte - Gerüchte, Russland habe China um Waffenlieferungen gebeten.

Es mangelt "an allem"

Der ukrainischen Armee dagegen mangele es "in gewissem Maße an allem", konstatiert Gressel und verweist zum einen auf die Generalmobilmachung im Land, durch die die Armee stark angewachsen ist - auch das ein Unterschied zu Russland. Der Mangel beginne bei Helmen und erstrecke sich über Sturmgewehre hin bis zu gepanzerten Fahrzeugen für die Fliegerabwehr.

Der Kriegsverlauf verstärkt diesen Mangel auf ukrainischer Seite - die russische Armee hat in den vergangenen Wochen immer wieder gezielt Betriebe der ukrainischen Rüstungsindustrie angegriffen. Wie groß der Schaden dort ist, lässt sich indes von außen nur schwer beurteilen.

Doch Kapazitätsengpässe sind absehbar. So setzten die Armeen des früheren Warschauer Paktes in der Artillerie auf das Kaliber 152 mm. Die ost- und mitteleuropäischen Staaten, die sich nach dem Ende des Bündnisses der NATO anschlossen, rüsteten dann um auf den Standard 155 mm.

Daher, so Gressel, gebe es unter den Staaten in der Region, die die Ukraine unterstützten, kaum noch Munitionsreste, die weitergereicht werden könnten. Lediglich eine Fabrik in Tschechien produziere noch mehrere hundert Granaten pro Woche. Die Ukraine verschieße aber "mehrere tausend Granaten" pro Tag.

Raketenbestände schrumpfen

Einen mutmaßlich hohen Verbrauch hat die Ukraine auch an Flugabwehr- und Panzerabwehrraketen. Beides ist von westlichen Staaten seit Kriegsbeginn in großer Stückzahl zur Verfügung gestellt worden. Doch die Bestände schrumpften, schrieb Ende April das US-Fachblatt "The Defense Post".

Greg Hayes, Chef des US-Rüstungsunternehmens Raytheon, das die Flugabwehrrakete Stinger produziert, sagte dem Blatt, sein Unternehmen verfüge nur noch über einen sehr geringen Vorrat an Teilen, aus denen die Stinger hergestellt wird.

Das US-Verteidigungsministerium habe seit 18 Jahren keine Neubestellungen aufgegeben, einige Bestandteile seien derzeit nicht mehr herstellbar. Es werde vermutlich bis kommendes Jahr dauern, bis die Produktion wieder hochgefahren werden könne, heißt es in dem Beitrag weiter.

Auf einem Flughafen bei Kiew kommt eine Lieferung mit Rüstungsgütern aus Litauen an. | REUTERS

Auf einem Flughafen bei Kiew kommt eine Lieferung mit Rüstungsgütern aus Litauen an, darunter auch Stinger-Raketen. Doch die Bestände an der Flugabwehrrakete werden dünner. Bild: REUTERS

Die Folgen für die Verteidigungsfähigkeit

Etwas anders verhält es sich mit der Panzerabwehrrakete Javelin, mit der den russischen Truppen erhebliche Verluste zugefügt worden sein sollen. Von diesen habe die Ukraine allein aus den USA bis Mitte April rund 7000 Stück und damit geschätzt ein Drittel des gesamten US-Bestandes bekommen, schreibt das Center für Strategic and International Studies.

Damit näherten sich die USA dem Punkt, an dem ihre eigenen Verteidigungsszenarien gefährdet würden. Denn die Produktion der Javelin sei langsam - in der Regel würden rund 1000 pro Jahr hergestellt - und die Produktion auf das Maximum von 6400 Stück hochzufahren, werde mindestens ein Jahr dauern - und dann betrage die Auslieferungsfrist 32 Monate.

Ukrainische Soldaten mit einer US-amerikanischen Javelin-Rakete | REUTERS

Eine Javelin kann von einem Soldaten alleine getragen werden und Objekte aus bis zu zwei Kilometern Entfernung bekämpfen - das hat der Ukraine im Krieg gegen Russland geholfen. Bild: REUTERS

Prekär: die Lage der Flugabwehr

Geradezu "prekär" aber sei die Lage bei der Fliegerabwehr - bei mobilen Raketenabwehrsystemen aus sowjetischer bzw. russischer Produktion wie der Buk-M1 oder der S-300, die mit unterschiedlichen Reichweiten gegen Kampfflugzeuge und Marschflugkörper gerichtet werden können. Diese Systeme, so Gressel, seien wichtig, um die russische Luftwaffe von den Städten und den ukrainischen Einheiten fernzuhalten.

Hier müsse der Westen "dringend" eine Entscheidung über ein westliches System fällen, fordert Gressel und verweist auf den ukrainischen Wunsch nach dem deutschen Luftabwehrsystem Iris-T SLM.

Wie weit die Beratungen zu dieser Anfrage gediehen sind und wann das System gegebenenfalls einsatzbereit wäre, ist offen. Eine Sprecherin des Bundesverteidigungsministeriums erklärte gegen über tagesschau.de, zum aktuellen Zeitpunkt könne sie zum Themenkomplex Luftverteidigungssystem Iris-T SLM für die Bundeswehr nichts sagen.

Den Kriegsverlauf längerfristig voraus denken

Auch dieses Beispiel zeigt, wie viel Vorlauf solche Entscheidungen und ihre Umsetzung brauchen - das macht eine entsprechende Planung erforderlich. Insbesondere, wenn die Ukraine von alten Systemen aus sowjetischer Zeit auf westliche Systeme umsteigen will.

Die Diskussion darüber, bemängelt Gressel, sei im Westen "noch etwas zu reaktiv" und von der Haltung bestimmt: Was braucht die Ukraine jetzt im Donbass - das werde dann geliefert. Tatsächlich müsse der Westen schon jetzt den Kriegsverlauf im Spätsommer und Winter mitdenken und entsprechend planen.

Wie lange der Krieg noch dauert, ob es vor dem Spätsommer doch zu einer Verhandlungslösung kommt oder die Kämpfe zumindest unterbrochen werden, vermag niemand vorauszusagen. Zu viel Faktoren bleiben ungewiss, und die Äußerungen der Kriegsparteien, des Aggressors Russlands und der angegriffenen Ukraine, weisen nicht auf eine baldige Übereinkunft hin. Bis dahin bleibt die Materialfrage ein Faktor, der über den Kriegsausgang entscheiden kann.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Mai 2022 um 19:15 Uhr.